mini|Ines Geipel auf der Frankfurter Buchmesse 2024 Ines Geipel (zeitweise Ines Schmidt, * 7. Juli 1960 in Dresden) ist eine deutsche Schriftstellerin, Publizistin und Hochschullehrerin. In den 1980er Jahren war sie Leichtathletin im Leistungssport der DDR.

Von 2001 bis 2025 war sie Professorin für Deutsche Verskunst an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Die Themenfelder ihrer literarischen und publizistischen Werke sind die Folgen des Nationalsozialismus und der DDR in Ostdeutschland, verfemte Literatur Ostdeutschlands, Doping in der DDR und Amokläufe. Sie war maßgeblich daran beteiligt, die Dichterin Inge Müller bekannt zu machen; zusammen mit Joachim Walther gründete sie das Archiv der unterdrückten Literatur der DDR. Von 2013 bis Dezember 2018 war sie Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfevereins. Sie engagierte sich politisch für die beiden Dopingopfer-Hilfegesetze zugunsten von dopinggeschädigten DDR-Sportlern, die die Bundesregierung 2002 und 2016 verabschiedete.

Leben In der DDR Ines Geipel wuchs in Dresden auf. Ihr Vater Lothar (1934–2012) hatte eine Lehre bei den Klingenthaler Harmonikawerken absolviert und dann Musik studiert. Er war Chorleiter, später Musiklehrer, 1967 Direktor einer Polytechnischen Oberschule und schließlich ab 1972 Direktor des Dresdner Pionierpalasts „Walter Ulbricht“. Von 1973 bis 1984 war er zudem Inoffizieller Mitarbeiter in der Abteilung IV des Ministeriums für Staatssicherheit. Hierbei handelte es sich um eine Spezialeinheit für das Ausspähen von Objekten und die Vorbereitung von Sabotage auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland. Siehe auch Jutta Braun: Ines Geipel: Vergifteter Rekord. In: Jutta Braun, Michael Barsuhn (Hrsg.): Zwischen Erfolgs- und Diktaturgeschichte. Perspektiven der Aufarbeitung des DDR-Sports in Thüringen. Die Werkstatt, Göttingen 2015, S. 83–92, hier: S. 83f. Die Mutter Brigitte Grunert (* 1935) hatte eine Lehre als Schriftsetzerin gemacht, studierte später Russisch und arbeitete als Lehrerin am Institut für Weiterbildung in Dresden. Ines Geipel hatte einen jüngeren Bruder, Robert (1967–2018), der später Kunst studierte, Kunstlehrer wurde und Ausstellungen seiner Fotos veranstaltete, sowie zwei weitere Geschwister.Daten nach Ines Geipel: Umkämpfte Zone. die sich großenteils aus anderen Quellen bestätigen lassen. Zum Vater: Umkämpfte Zone. S. 79 (Geburtsjahr, Chorleiter, Musikstudium), 82 (Lehre), 99 (Musiklehrer, Schulleiter), 103 ff. (Leitung des Pionierpalasts, Verpflichtung als IM, Tätigkeit im Westen), 266f (Tod). Zur Mutter: Umkämpfte Zone. S. 79 (Geburtsjahr, Lehre); Generation Mauer (2. Aufl. 2020), S. 45f. Zum Bruder: Umkämpfte Zone. S. 27 (Tod), 98 (Geburtsjahr), 120 (Kunststudium), 203 (Kunstlehrer), 213 (Ausstellungen). Ferner: Lothar Geipel: Fröhliche Klänge. Anleitungsmaterial für unsere Musikgruppen. Landeshaus der Jungen Pioniere, Dresden 1952. Claudia Rausch: Goldene Erinnerungen am Terrassenufer. In: Sächsische Zeitung. 9. Oktober 2017, online (über die 18. POS, deren erster Schulleiter Geipel war). Traueranzeige für Robert Geipel. In: Sächsische Zeitung. 11. Januar 2018. .

Im Jahr 1974 schickten die Eltern Ines Geipel nach Thüringen auf die Internatsschule in Wickersdorf, eine Spezialschule zur Vorbereitung auf das Russischlehrerstudium. 1977 nahm sie an der zentralen Kinder- und Jugendspartakiade in Leipzig teil, wurde in die Kinder- und Jugendsportschule „Werner John“ in Jena aufgenommen und betrieb seitdem Leistungssport beim SC Motor Jena.Jutta Braun: Ines Geipel: Vergifteter Rekord. In: Jutta Braun, Michael Barsuhn (Hrsg.): Zwischen Erfolgs- und Diktaturgeschichte. Perspektiven der Aufarbeitung des DDR-Sports in Thüringen. Werkstatt, Göttingen 2015, S. 83–92, hier: S. 84. Ihre Disziplinen waren insbesondere Sprint und Weitsprung. Von 1981 bis 1985 gewann die 4-mal-100-Meter-Staffel des SC Motor Jena mit Startläuferin Geipel fünfmal hintereinander bei den DDR-Leichtathletik-Meisterschaften. Wie ihre Staffelkolleginnen Bärbel Wöckel, Ingrid Auerswald und Marlies Göhr war Geipel in das staatlich organisierte Dopingprogramm der DDR eingebunden. Aus den von Brigitte Berendonk und Werner Franke nach der Wende sichergestellten DDR-Dokumenten geht hervor, dass sie zumindest 1983 und 1984 erhebliche Mengen des anabolen Steroids Oral-Turinabol bekam,Brigitte Berendonk: Doping-Dokumente: Von der Forschung zum Betrug, Springer, Berlin/Heidelberg 1991, S. 120 und 197. Berendonk beruft sich auf zwei Ergebnisberichte aus dem Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport in Leipzig, die als Verschlusssache eingestuft waren: D. Nicklas, V. Reumuth: Zu einigen Fragen der Anwendung u.M. in den Sprint-/Hürdendisziplinen des DVfL der DDR im Olympiazyklus 1980/84. Ergebnisbericht, FKS, Leipzig 1986 sowie D. Nicklas, R. Sattler: Die Bestimmung der Wirkung von Training und erstmaliger Applikation von Oral-Turinabol auf die Leistungsentwicklung sowie Veränderung ausgewählter biologischer Parameter im Venenblut am Beispiel leichtathletischer Sprintdisziplinen. Ergebnisbericht, FKS, Leipzig 1987. die sie als „blaue Pillen“ von ihrem Sprinttrainer Horst-Dieter Hille erhielt.Jennifer Wilton: Berliner Spaziergang mit Ines Geipel. Sie kennt das Leben der Anderen. In: Welt am Sonntag. 24. August 2008. Online. Birgit Baumann: 25 Jahre Mauerfall. Ines Geipel: Zwei halbe Leben mit der Mauer. In: Der Standard. 8. November 2014. Online. Jutta Heess und Markus Völker: Die falschen Rekorde. In: taz. 23. Dezember 2005. Online; Klaus Marxen, Gerhard Werle (Hrsg.): Strafjustiz und DDR-Unrecht. Band 7 (unter Mitarbeit von Mario Piel und Petra Schäfter): Gefangenenmisshandlung, Doping und sonstiges DDR-Unrecht. De Gruyter, Berlin 2009, S. 301 und 312. Von 1982 bis 1984 war sie mit dem Kugelstoßer Matthias Schmidt verheiratet.Eintrag Geipel, Prof. Ines in Klaus Amrhein: Biographisches Handbuch zur Geschichte der deutschen Leichtathletik 1898–2005, Leichtathletik-Fördergesellschaft, Darmstadt 2005, zugänglich über das World Biographical Information System Online. Geipel war Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) bis zum Sommer 1989.Tom Bräuer: Das Netzwerk der Aktivisten. Der Zusammenschluss von Studenten im „Reformhaus“ 1989. In: Robert Gramsch, Tobias Kaiser (Hrsg.): Engagement und Ernüchterung. Jenaer Studenten 1988–1995. Glaux, Jena 2009, S. 77–108, hier: S. 93; Gottfried Meinhold: Der besondere Fall Jena. Die Universität im Umbruch 1989–1991. Steiner, Stuttgart 2014, S. 38.

Anfang 1984 war die Sportlerin in einem Trainingslager in Mexiko-Stadt, das der Vorbereitung der DDR-Leichtathleten auf die Olympischen Sommerspiele 1984 in Los Angeles dienen sollte. Sie verliebte sich dort in einen mexikanischen Sportler und wollte nach den Spielen im Westen bleiben. Dazu kam es nicht, weil die DDR sich dem Olympiaboykott der Sowjetunion anschloss. Doch erzählte sie diese Geschichte einem Freund, der Inoffizieller Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) war und dies prompt an das MfS weitergab. Das MfS eröffnete daraufhin im August 1984 eine Operative Personenkontrolle (OPK) gegen sie. Neben dem „Vorkommnis in Mexico“ wurden ihr auch Kontakte zu Personen aus Jenaer Bürgerrechtskreisen zur Last gelegt. Im Eröffnungsbericht wurde als eine der Zielsetzungen der OPK angegeben, sie aus dem Leistungssport „herauszulösen“.Jutta Braun: Ines Geipel: Vergifteter Rekord. In: Jutta Braun, Michael Barsuhn (Hrsg.): Zwischen Erfolgs- und Diktaturgeschichte. Perspektiven der Aufarbeitung des DDR-Sports in Thüringen. Werkstatt, Göttingen 2015, S. 83–92, hier: S. 86 und 88. Der Eröffnungsbericht datiert vom 2. August 1984. Zunächst erhielt sie keine Starterlaubnis im westlichen Ausland mehr, was ihr jedoch nicht mitgeteilt, sondern mit Ausreden bemäntelt wurde.Jutta Braun: Ines Geipel: Vergifteter Rekord. In: Jutta Braun, Michael Barsuhn (Hrsg.): Zwischen Erfolgs- und Diktaturgeschichte. Perspektiven der Aufarbeitung des DDR-Sports in Thüringen. Werkstatt, Göttingen 2015, S. 83–92, hier: S. 88. Sie wurde durch mehrere IM ausgespäht. Die Sportfunktionäre, sowohl beim SC Motor Jena als auch beim Deutschen Turn- und Sportbund, wollten sie hingegen zunächst gern halten, ein „‚Tauziehen‘“, das „sinnfällig für den Widerspruch zwischen Ideologie und Pragmatik“ stehe, wie die Sporthistorikerin Jutta Braun analysiert.Jutta Braun: Thüringer Sportler in der Diktatur. Einleitung. In: Jutta Braun, Michael Barsuhn (Hrsg.): Zwischen Erfolgs- und Diktaturgeschichte. Perspektiven der Aufarbeitung des DDR-Sports in Thüringen. Werkstatt, Göttingen 2015, S. 19–29, hier: S. 24. Siehe auch Jutta Braun: Ines Geipel: Vergifteter Rekord. S. 89. Bei mehreren Treffen setzten die Vereinsfunktionäre Geipel mit der Forderung unter Druck, sie solle die missliebigen privaten Kontakte abbrechen. Wie Jutta Braun schreibt, entschied sich Geipel „nach zahlreichen Demütigungen schließlich selbst, ein neues Leben außerhalb des Leistungssports zu beginnen“.Jutta Braun: Thüringer Sportler in der Diktatur. Einleitung. In: Jutta Braun, Michael Barsuhn (Hrsg.): Zwischen Erfolgs- und Diktaturgeschichte. Perspektiven der Aufarbeitung des DDR-Sports in Thüringen. Werkstatt, Göttingen 2015, S. 19–29, hier: S. 24. Siehe auch Jutta Braun: Ines Geipel: Vergifteter Rekord. S. 91. Am 11. August 1985 beendete sie ihre sportliche Karriere bei den DDR-Leichtathletikmeisterschaften mit dem ersten Platz als Startläuferin der 4-mal-100-Meter-Staffel und einem siebten Platz im 100-Meter-Endlauf.Der Leichtathlet, Verbandsorgan des DVfL der DDR, Nr. 33 (1985). In ihrem Abschlussbericht vom April 1986 schrieb die Staatssicherheit, mit der „umfassenden Aufklärung der Person … und der Herauslösung aus dem Leistungssport der DDR“ sei die Zielstellung der Operativen Personenkontrolle erreicht.Jutta Braun: Ines Geipel: Vergifteter Rekord. In: Jutta Braun, Michael Barsuhn (Hrsg.): Zwischen Erfolgs- und Diktaturgeschichte. Perspektiven der Aufarbeitung des DDR-Sports in Thüringen. Werkstatt, Göttingen 2015, S. 83–92, hier: S. 90. Ihre offizielle Verabschiedung aus der Nationalmannschaft erfolgte traditionell im Rahmen der 37. DDR-Meisterschaften im Jenaer Ernst-Abbe-Stadion, die vom 27. bis 29. Juni 1986 stattfanden.Der Leichtathlet, Verbandsorgan des DVfL der DDR vom 4. Juli 1986.