mini|300px|Bild einer 13-saitigen Koto (japanische Harfe). rechts|Spiel auf einer 13-saitigen Koto Die Harfe des Glücks (, Yorokobi no koto) ist ein am 25. Februar 1964 veröffentlichtes Theaterstück in drei Akten. Es wurde vom japanischen Schriftsteller Yukio Mishima verfasst und erschien beim Verlag Shinchosha in Buchform.
Inhaltlich handelt es sich um eine Neuinterpretation der berüchtigten Matsuka-Zugentgleisung aus dem Jahr 1949. Mishimas Stück folgt dem jungen Sicherheitsbeamten Katagiri, der zusammen mit seinem Vorgesetzten Matsumura – wie er überzeugter Antikommunist – nach Linksextremen sucht, die nach der vorliegenden Indizienlage eine Zugentgleisung geplant haben sollen. Als Katagiri ihr geheimes Versteck entdeckt und sie festnimmt, bevor sie ihre grausame Tat durchführen können, stellt sich heraus, dass es sich nicht um Links-, sondern Rechtsextremisten handelt. Letztlich realisiert Katagiri aber die tragische Wahrheit: sein Vorgesetzter und Vorbild Matsumura ist in Wahrheit Mitglied linksextremer Separatisten, der, indem er den Rechten ein angebliches Attentat unterschiebt, eine politische Revolution hervorrufen wollte. Katagiris Wertesystem ist erschüttert und enttäuscht geht er von dannen; zu seinem Überraschen kann er nunmehr eine mysteriöse Koto (japanische Harfe) aus der Ferne hören, obwohl ihm alle in seinem Umkreis zureden, dass er sich den Klang einbildet.
Ursprünglich sollte das Theaterstück von der Bungakuza-Theatergruppe als Neujahrsstück 1964 aufgeführt werden. Die Endfassung wurde zum 24. Oktober 1963 fertiggestellt und die Proben begannen am 15. November. In einer Notversammlung am 20. November, die von Mishimas langjähriger Freundin und Arbeitskollegin Haruko Sugimura einberufen wurde, entschlossen sich die Mitglieder der Theatergruppe – überwiegend bestehend aus Kommunisten und Maoisten – das Theaterstück in seiner vorliegenden Form nicht aufzuführen. Dies führte zu der Absage des Stücks, einem Zerwürfnis zwischen Mishima und Sugimura und dem Zerfall der zuvor angesehenen Theatergruppe, die nunmehr von der japanischen Bevölkerung abgelehnt wurde und aus der viele bekannte Mitglieder austraten (sog. Harp of Joy Vorfall).
Mishima selbst nannte Die Harfe des Glücks „kein politisches Propagandastück“, sondern „die tragische Geschichte eines jungen Beamten, der von seinem engsten Vertrauten verraten wurde.“Yukio Mishima: Ein offener Brief an die Mitglieder der Bungakuza. Asahi Shimbun, 27. November 1963. Veröffentlicht in: Definitive Edition Yukio Mishima Complete Works Vol. 32, Review 7. Shinchosha, Juli 2003, S. 618–620. ISBN 978-4106425721.
Charaktere Katagiri Protagonist des Stücks. Ein junger Beamter in der Abteilung für öffentliche Sicherheit bei der japanischen Polizei und überzeugter Antikommunist. Sein Vorgesetzter Matsumura ist sein großes Vorbild, dementsprechend desillusioniert ist er, als sich dieser als Spitzer der Kommunisten herausstellt. Obwohl er sich zunächst über den Beamten lustig macht, der inmitten der lauten Proteste angeblich eine schöne Kotomelodie gehört haben soll, hört er diese zum Ende des Stücks selbst. Diesbezügliche Interpretationen sind vielfältig.
Matsumura Ein älterer, erfahrener Polizeibeamter, Oberinspektor, Katagiris Vorgesetzter und augenscheinlicher Antikommunist. Am Ende stellt sich heraus, dass er in Wahrheit ein von den Kommunisten in die Polizei eingeschleuster Spion ist und von Anfang an versuchte, die bestehenden Unruhen wegen des Sicherheitsgesetzes für einen linken Aufstand nach Vorbild des deutschen Spartakusaufstand – nur dieses Mal erfolgreich – auszunutzen.
Sado Ein Arbeitskollege von Katagiri und der, von dem sowohl die Information über den geplanten linksterroristischen Anschlag als auch der anonyme Hinweis über das Versteck der Terroristen kommt. In Wahrheit ist er genauso wie Matsumura Untergebener Makoto Kaidos und demnach in den ganzen Umsturzplan eingeweiht gewesen.
Polizeipräsident Der alternde, rechtsgerichtete Präsident des Polizeipräsidiums. Von ihm erfährt Katagiri über Matsumuras Verschwörung, auch wenn er ihm erst nicht glauben mag und denkt, der leicht senil anmutende Mann habe ihm sein eigenes Versagen unterschieben wollen.
Kawazoe Ein junger, leicht verwirrter Verkehrsbeamter, der von seinen Kollegen – einschließlich Katagiri – verspottet wird, als er von dem schönen Klang einer Koto erzählt, die er angeblich, trotz der Unruhen, gehört haben soll. Als Katagiri am Ende dieselbe Koto hört, entschuldigt er sich bei ihm für seine degradierenden Worte und gemeinsam lauschen sie den schönen Klängen.
Lin Ein Han-Chinese und Imbissleiter, gegen den in der Vermutung es handele sich um einen antijapanischen Spion ermittelt wird. Tatsächlich steht er im engen Kontakt zu Matsumura und Sado und ermöglicht dem Chef der kommunistischen Operation, Makoto Kaido, die Flucht nach Wuhan, China.
Makoto Kaido Der geheimnisvolle Chef der kommunistischen Operation. Nachdem sein ursprünglicher Plan, den Polizeipräsidenten zu töten und für einen Aufruhr innerhalb der japanischen Polizei zu sorgen, gescheitert ist, möchte er die Proteste gegen das Sicherheitsgesetz und den allgemeinen Unmut über die japanische Regierung nutzen und nach Vorbild des deutschen Spartakusaufstandes einen Umsturz anvisieren. Als auch diese Operation scheitert flüchtet er durch Lin nach China.
Weitere Nebenrollen Weitere, unbedeutendere Nebenrollen umfassen die drei vermeintlich rechtsextremen Terroristen im zweiten Akt und vier Putzfrauen im dritten Akt.
Aufbau mini|Die Zentrale der Keishi-chō im Tokioter Ministerienviertel Kasumigaseki. Das Theaterstück erfolgt in drei Akten, jeweils „in der nahen Zukunft“ und umfasst die Zeitspanne vom Morgen des 18. Januar bis zum Morgen des 22. Januar (4 Tage):
Der erste Akt beginnt am Morgen des 18. Januar und endet am Nachmittag des 19. Januar. Der zweite Akt beginnt zwei Tage später, am Morgen des 21. Januar und endet am Folgetag, dem Morgen des 22. Januar. Der Schlussakt beginnt am selben Tag, den Abend des 22. Januar und endet am Morgen des 23. Januar.
Einziger wiederkehrender Charakter ist Tsunetaka. So fehlt die zweite Hauptrolle, Matsumura, beispielsweise im zweiten Akt. Die meisten Schauspieler (8 Personen) kommen im Schlussakt vor.
Die Bühne ändert sich zwischen den Akten und teilweise sogar, entgegen etablierter Theaterpraxis, während des Aktes. Der erste Akt spielt vollständig im Polizeirevier Tokio. Der zweite Akt beginnt im Polizeirevier, wechselt zu der geheimen Hütte der Linksextremisten und wieder zum Polizeirevier zurück. Und der Schlussakt wechselt zwischen dem Polizeirevier und dem Gefängnis, in dem Matsumura mittlerweile inhaftiert wurde.
Handlung Die Erzählung spielt „in der nahen Zukunft“. Sie beginnt am Morgen des 18. Januar und endet einige Tage später, am Morgen des 22. Januar.
Erster Akt Der Morgen des 18. Januar bis zum Nachmittag des 19. Januar: Die Abteilung für öffentliche Sicherheit der japanischen Polizei befindet sich inmitten eines Aufruhrs, verursacht durch den Erlass eines umstrittenen Sicherheitsgesetzes, das die Presse- und Meinungsfreiheit in unverhältnismäßigem Maße einschränkt und kritische Stimmen zensiert. Die Beamten ermitteln gegen einen Chinesen namens Lin, ein Imbissleiter, der für einen anti-japanischen Spion gehalten wird. Oberinspektor Matsumura, überzeugter Antikommunist und sein Untergebener Katagiri, meinen reputable Indizien vorliegen zu haben, nach denen linksextremistische Gruppierungen einen Schnellzug überfallen und entgleisen wollen. Von seinem Mitarbeiter Sado erfährt er, dass das geplante Ziel ein Expresszug der Jōetsu-Linie ist, den der Premierminister am 21. Januar vom Bahnhof Takasaki aus nehmen soll.
Zweiter Akt Der Morgen des 21. Januar bis zum Morgen des 22. Januar: Matsumura und Katagiri bekommen einen anonymen Hinweis, eine verdächtige Hütte in der Nähe der Bahnlinie zu untersuchen. Der Premierminister hat krankheitsbedingt den Zug nicht bestiegen, die anderen Passagiere jedoch sind durch die Entgleisung gestorben. In der Hütte findet Katagiri drei rechtsextreme Männer vor und beschlagnahmt einen Funksender. Es wird angenommen, dass der Vorfall eine Verschwörung der politischen Rechten ist, um der Reputation der politischen Linken zu schaden. Auf der Polizeistation wird Katagiri von seinen Kollegen als Held gefeiert, der eine perfide politische Intrige aufdecken konnte, bevor es zu noch schwerwiegenderen Gefahren kam. Die verhafteten Rechtsextremisten wurden durch in der Polizeistelle befragt und wieder freigelassen, nachdem sich kein hinreichender Tatverdacht für eine Anklage feststellen ließ.
Dritter Akt Die Nacht vom 22. Januar auf den Morgen des 23. Januar: Katagiri weilt auf dem Polizeirevier, ehe er durch den Besuch vom Polizeipräsidenten aufgewühlt wird. Der Präsident erzählt ihm, was tatsächlich geschehen ist: Tatsächlich war das Entgleisen des Zuges das Ergebnis eines Komplotts von Matsumara, der als Spion der linksextremen Separatisten in die Polizei eingeschleust wurde. Der Anführer derselben Gruppe, Makoto Kaido, war mit Hilfe eines Chinesen namens Lin aus dem Land geflohen und ist unauffindbar.
Matsumura lockte Rechtsextremisten in seine Hütte und versuchte einen Aufstand anzuzetteln, indem er den Rechten, den Kapitalisten und der Regierung den Anschlag unterschob. Ziel war es, eine Kampagne gegen das umstrittene Sicherheitsgesetz zu fördern. Während Sado eingeweiht war, fungierte Katagiri als Matsumuras „Tarnung“.
Katagiri besucht Matsumura in seiner Zelle und macht seine Enttäuschung deutlich, schließlich hat er seinen Vorgesetzten sehr bewundert. Matsumura erzählt ihm von seiner Geschichte und seinem Zerstörungsdrang. Wütend möchte Katagiri den Raum verlassen, doch ehe er seinen Fuß über der Türschwelle hat, fordert ihn Matsumura zu einer Debatte heraus: „Ist es nicht dein Verbrechen, an mich geglaubt zu haben? Hasst du mich wegen meines Verrats oder wegen meiner Ideologie?“ Katagiri Wertesystem ist erschüttert, sein Glaube an Autorität zum ersten Mal untergraben; er fühlte zum ersten Mal ein bedrückendes Gefühl von Einsamkeit.
Am nächsten Morgen versuchen die Reinigungskräfte den desillusionierten Katagiri zu trösten, aber mit wenig Erfolg. Plötzlich hört er in der Ferne den schönen Klang einer Koto (japanische Harfe) und erinnert sich an den Verkehrsbeamten Kawazoe, der meinte, während der Demonstrationen gegen das Sicherheitsgesetz eine Koto aus dem Himmel gehört zu haben. Begeistert springt Katagiri auf und weist seine Kollegen auf die schönen Klänge hin, aber niemand hört etwas. Beamter Kawazoe sieht Katagiris Begeisterung aus der Ferne und zieht ihn zur Seite: „Sie können es auch hören?“
In der letzten Szene kehren beide an ihren Arbeitsplatz zurück und lauschen der wunderbaren Musik der „Harfe des Glücks“, die außer ihnen niemand hören kann. Die Frage, ob sich die Harfe in den Köpfen der Polizisten abspielt, ein Zeichen der Erleuchtung ist oder tatsächlich Musik von den Straßen erklingt, ließ Mishima offen.
Hintergrund Intention und Inspirationen
Mishima sagte in der Presseveranstaltung vor der geplanten Erstaufführung, dass er entschlossen war, ein „spannendes und unterhaltsames Stück“ zu schreiben, das das „Publikum zum Staunen bringt“ und gleichzeitig das „schwierige Thema der öffentlichen Sicherheit“ in einen leichtverständlichen Kontext verpackt.Presseveranstaltung vom September 1963. Aufgenommen und später abgedruckt in: Definitive Edition Yukio Mishima Complete Works Vol. 33, Review 8. Shinchosha, August 2003. S. 38f. ISBN 978-4106425738. Er bewarb Die Harfe des Glücks als eines seiner „extravagantesten Stücke.“Werbeprospekt zu Die Harfe des Glücks. Im: Nissei-Theaterprogramm, April 1964. Veröffentlicht in: Definitive Edition Yukio Mishima Complete Works Vol. 33, Review 8. Shinchosha, August 2003. S. 38f. ISBN 978-4106425738.