mini|Strandbad Mettnau, Strandbadstr. 100: Hauptgebäude, Eingangshalle (2020) mini|Strandbad Mettnau, Kiesstrand, Uferpappeln (Blick Richtung Radolfzell, 2024) Das Strandbad Mettnau ist ein Freibad in Radolfzell am Bodensee. Das am Südufer der Halbinsel Mettnau gelegene Strandbad ist die größte der Radolfzeller Badeanstalten und wurde im Jahr 1928 eröffnet. Es zählt neben dem weiter stadtwärts gelegenen Seebad, vormals „Städtische Badeanstalt“, deren Anfänge auf das Jahr 1865 (Badehütte Miethinger) zurückgehen,Christof Stadler: »Vom Feder- zum Badekleid« – Umbrüche am Radolfzeller Ufer auf der Mettnau zwischen See- und Strandbad. In: Hegau-Geschichtsverein: Kulturlandschaft Hegau (=Jahrbuch 2019), Singen Hohentwiel 2019, S. 182–202, hier das Kapitel Seebad, S. 186 ff. Online (PDF) unter: hegau-geschichtsverein.de. zu den für den Untersee typischen, älteren Freibadeanstalten und wurde aufgrund seiner besonderen Lage, Architektur und Weitläufigkeit als das „für die damalige Zeit schönste Strandbad am Bodensee“ bezeichnet.Peter Berthold, Siegfried Schuster, Karl Mühl: Naturschutzgebiet Halbinsel Mettnau. Geschichte – Natur – Landschaft, hrsg. v. Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Bodensee, Konstanz 1979, S. 10. Anders als beim Seebad, das ursprünglich noch Elemente eines Kastenbads mit hölzernen Badehütten im Wasser aufwies, die in den 1960er Jahren schließlich vollständig abgerissen wurden, blieb die historische Bausubstanz des Strandbads trotz mehrerer Erweiterungs- und Umbauten in den 1970er und 1980er Jahren weitgehend erhalten. Das heutige Strandbad erstreckt sich über eine Uferlänge von etwa 360 m bei einer Gesamtlandfläche von etwa drei Hektar und verfügt über eine Verkehrs- und Stadtbusanbindung sowie Besucherparkplätze. Es befindet sich wie auch das Seebad in städtischem Eigentum und wird zur Pacht ausgeschrieben. Pacht, Benutzungsgebühren und Eintrittspreise werden für die beiden „Verbundbäder“ See- und Strandbad von der Radolfzeller Stadtverwaltung festgelegt.Strandbad Mettnau, unter www.radolfzell.de. Die Badesaison des Strandbads beginnt in der Regel am 1. Mai und dauert bis Ende September.
Geschichte und Anlage mini|links|Die Städtische Badeanstalt (Seebad) Radolfzell, mit „Badehütten“ im Wasser (zeitgenössische, kolorierte Ansichtskarte, um 1910) mini|Mettnaubucht: Fotomontage mit Booten am westlichen Uferabschnitt des späteren Strandbads, im Hintergrund (verdeckt) das „Urkundenhäuschen“ und das Radolfzeller Münster (links) (zeitgenössische, kolorierte Ansichtskarte, 1918) mini|links|Das Strandbadareal aus der Luft: Hauptgebäude (Mitte links, teils verdeckt), Freiflächen, Rutschbahn am Ufer, Sprungturm, Badefloß („Brett“); rechts angrenzend das Strandcafé („Villa Strandbad“). Im Hintergrund Markelfingen und Bodanrück (zeitgenössische Ansichtskarte, um 1930) mini|„Frauenabteilung“ (links), abgetrennt vom „Familienbad“ (zeitgenössische Ansichtskarte, um 1930) mini|links|Hauptgebäude, Seitenflügel mit den Herren-Umkleidekabinen, Liegewiesen des „Familienbads“ mit zentraler Sandfläche (zeitgenössische Ansichtskarte, um 1930) mini|„Familienbad“ mit der hölzernen Rutschbahn am Ufer. Im Hintergrund die Höri und der Schweizer Seerücken (zeitgenössische Ansichtskarte, um 1930) Vor dem Hintergrund des in den 1920er Jahren zunehmenden Badetourismus gab es in Radolfzell seit 1923 Überlegungen für den Bau einer größeren Städtischen Badeanstalt.Franz Götz: Geschichte der Stadt Radolfzell. Schrift- und Bilddokumente, Urteile, Daten. (= Hegau-Bibliothek. Band 12). Radolfzell 1967, S. 296 f. Als die Stadt 1926 den gesamten Ostteil der Mettnau, das 82 Hektar große ehemalige Landgut des Schriftstellers Joseph Victor von Scheffel zurückerwarb, das zuvor mehrfach den Besitzer gewechselt hatte, war sie Eigentümerin am Baugelände des Strandbads geworden. Nach Plänen des Radolfzeller Stadtbaumeisters Georg Zimmermann (1872–1955)Kurzvita in: Sebastian Hausendorf: „Eine böse Mißwirtschaft“. Radolfzell 1933–1935, Konstanz, UVK 2012, S. 83. entstanden auf dem ehemaligen Reb- und Obstgelände des Mettnaugutes das Strandbad Mettnau und die östlich angrenzende Villa Strandbad (Strandcafé). Das Ensemble wurde in kurzer Bauzeit im ersten Halbjahr 1928 errichtet und am 24. Juni des Jahres eröffnet. Schon im ersten Sommer konnte das Strandbad eine Besucherzahl von 40.000 Personen aufweisen.Franz Götz: Vom Rebgut und Dichtersitz zum Naturschutzgebiet und Sportkurzentrum. Aus der wechselvollen Geschichte der Halbinsel Mettnau bei Radolfzell. In: Badische Heimat 58 (1978), Freiburg 1978, S. 383–396; zur Baugeschichte des Strandbads und Strandcafés hier S. 392 f.; Online (PDF) unter www.badische-heimat.de.
Die Badekultur am Bodensee um 1930 stand im Einfluss der Lebensreformbewegung, die das Schwimmen, Luft- und Sonnenbaden als moderne Freizeitbeschäftigungen für eine breite Bevölkerungsschicht etablierte und einen offen gestalteten, „neuen Typus des Strandbades“ hervorbrachte, was sich am Mettnau-Strandbad, gerade auch im Vergleich mit dem älteren Seebad (Abbildung), exemplarisch aufzeigen lässt.Zur „Strandbadbewegung“ am Bodensee vgl. Eva Büchi: Als die Moral baden ging: Badeleben am schweizerischen Bodensee- und Rheinufer 1850-1950 unter dem Einfluss der Hygiene und der „Lebensreform“, Historischer Verein des Kantons Thurgau, Frauenfeld 2003; ISBN 978-3-9520596-9-2; zum Strandbad Mettnau hier S. 132.Vgl. Interview mit Eva Büchi: Christian Kamm: Badekultur im Thurgau: «Die Leute wollten zurück zur Natur». In: Thurgauer Zeitung, 12. August 2018. An die Stelle der „Badehütten“ bzw. des „traditionellen Kastenbades im Wasser (…) treten seit Beginn der 1920er Jahre Bauten am Ufer mit Liegewiesen, Umkleidekabinen und Sportmöglichkeiten wie Wasserrutschen oder Sprungtürmen“.Sonderausstellung „Licht-, Luft- und Sonnenbaden. Badekultur um 1930 in der Schweiz und am Bodensee“, Museum Lindwurm, Stein am Rhein 2017, unter museum-lindwurm.ch.
Durch das zur Institutionalisierung und Ankurbelung des Fremdenverkehrs 1936 eingerichtete städtische Verkehrsamt wurde das Strandbad in der Zeit des Nationalsozialismus und mit dem Reiseveranstalter Kraft durch Freude (KdF) verstärkt auch überregional beworben:Vgl. das Kapitel Fremdenverkehr in: Sebastian Hausendorf: „Eine böse Mißwirtschaft“. Radolfzell 1933–1935, Konstanz, UVK 2012, S. 120 ff.
Während im Seebad seinerzeit Funktionsbauten und Uferbereich in ein „Frauen-“ und „Männerbad“ (mit einer „Bubenbad“-Abteilung) getrennt waren und am Ufer je eine hölzerne „Badhütte“ auf Pfählen das Umkleiden und den Zugang ins Wasser ermöglichte, beschränkt sich die Geschlechtertrennung der Badegäste des neueren Strandbads auf zwei versetzt symmetrisch angeordnete Seitenflügel mit jeweils 40 Umkleidekabinen und sänitären Anlagen („Umkleide Damen“ / „Umkleide Herren“). Neben der gemischtgeschlechtlichen Abteilung („Familienbad“) gab es anfangs zudem eine „Frauenabteilung“, die durch eine Grünhecke optisch abgetrennt war. Der markante, klassizistisch anmutende Baukörper des Hauptgebäudes mit Eingangshalle, zentralem Mittelbau und den beiden, Innenhöfe bildenden Seitenflügeln gilt architektonisch als bedeutender und „erhaltenswerter Beleg einer fast 100 Jahre alten Bau- und Bädergeschichte“, wurde jedoch bislang nicht unter Denkmalschutz gestellt.Sabine Kraume-Probst, Badespaß mit Denkmalschutz, Freibäder in Baden-Württemberg, in: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Bd. 47 Nr. 4 (2018), S. 230–234, abgerufen am 19. September 2022. So kam es vor allem in den 1980er Jahren zu An- und Umbauten, wobei allerdings die ursprüngliche Ausdehnung und Struktur des Funktionsgebäudes nicht wesentlich verändert wurden.Realisierungswettbewerb Strandbad (2019), hier: Auslobung, Teil B, unter radolfzell.sitzung-online.de. Die Liegewiesen östlich des Hauptgebäudes prägte anfangs eine große rechteckige Sandfläche, die später an einer Längsseite von einer Sitzmauer eingefasst war; nördlich davon gab es zwei durch Treppen abgesetzte, von Hecken umgebene „Ruheräume“ und ein daran östlich angrenzender „Turn-“ und „Spielplatz“. Die ganze südwestliche, damals noch schilfbewachsene Bucht Richtung „Urkundenhäuschen“ gehörte 1928 noch nicht zum Strandbadareal. Die Liegeflächen hin zum etwa 30 m breiten Kiesstrand säumen bis heute Pyramidenpappeln, deren Altbestand in den vergangenen Jahrzehnten durch verschiedene Windbruch-Ereignisse dezimiert wurde und teils mit Jungbäumen ersetzt werden musste. Mehrere, ins Wasser führende Laufstege – anfangs aus Holzplanken, später aus Beton – wurden durch einfache Handläufe ersetzt.
Auf das Ufer folgt ein recht breiter Flachwasserbereich – im Schwimmerbereich vier Floßinseln, das sogenannte „Große Floß“ lange Zeit mit Sprungbrett, und rot-weiße Begrenzungsbojen –, wodurch das Strandbad besonders bei Familien mit Kindern sehr beliebt war und ist. Bereits um 1930 hatte man im östlichen Uferbereich eine hölzerne Rutschbahn ins Wasser errichtet, nach 1936 auf einem halbrunden Betonsockel stehend, und etwa 80 m vom Strand entfernt einen Sprungturm mit Dreimeterbrett und ein Badefloß, das sogenannte „Brett“ installiert. mini|Altes Strandcafé, neue Rutschbahn (zeitgenössische Ansichtskarte, um 1950) Um 1950 wurde die Rutschbahn durch eine Konstruktion aus Metall ersetzt, die man 1966 aufgrund sinkender Wasserstände seewärts versetzte und nach 1980 zusammen mit dem alten Betonsockel gänzlich abtrug. Vermutlich schon früher war auch der Sprungturm wieder abgebaut worden. Das 1928 gebaute, zweistöckige Strandcafé mit Loggien im italianisierenden Stil wich 1966 einem für die damalige Zeit typischen Stahl-Glas-Beton-Flachbau. In den frühen 1980er Jahren entstand im westlichen Uferbereich eine Wachstation der DLRG; dort befand sich ursprünglich ein gemauerter Bootsanleger, der noch bis in die 1960er Jahre genutzt wurde und danach bis zur Renaturierung des Uferbereichs als flaches Sprungplateau beliebt war. In den 1980er Jahren und später wurden außerdem die originalen Holzumkleidekabinen ersetzt, die Anlage um einen Gastronomie-Bereich mit zweigeschossiger Besucherterrasse an der zentralen Mittelhalle erweitert und ein größerer Spielplatz und ein Beachvolleyball-Feld angelegt.
Von etwa 1975 bis 1991 prägte die syrischstämmige Pächterfamilie Hamseh Ayub das Badewesen im Strandbad.
Jüngste Entwicklungen mini|links|Liegewiesen im östlichen Teil des Strandbads (Juni 2026) mini|Uferbereich, Blick Richtung Südosten, mit der Höri und dem Schweizer Seerücken im Hintergrund (Juni 2026) mini|Strand mit Standdusche, im Wasser Badeflöße und Begrenzungsbojen. Blick Richtung Südwesten, mit dem Hegau im Hintergrund (2019) mini|Trockengefallenes Ufer beim historischen Bodensee-Niedrigwasser im August 2026