mini|Alexander Graf von Hoyos (um 1914) Als Mission Hoyos, oder Hoyos-Mission, bezeichnet man die Reise des k.u.k. Sondergesandten Legationsrat Alexander Graf von Hoyos nach Berlin am 5. und 6. Juli 1914 zu Beginn der Julikrise. Bei dieser Mission erhielt Hoyos die sogenannte „Blankovollmacht“, die Unterstützung des Deutschen Reichs für eine militärische Intervention Österreich-Ungarns gegen Serbien, was in der Folge zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges beitrug.
Reaktionen nach dem Attentat von Sarajevo Gespräche informeller Art mini|hochkant|Außenminister Leopold Graf Berchtold Bereits am 29. Juni 1914, also einen Tag nach dem tödlichen Attentat auf den Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Ehefrau Sophie, kam es in der Kanzlei des Kabinettschefs des k.u.k. Außenministeriums zu einer Besprechung. Kämmerer und Geheimer Rat Franz von Walterskirchen, Legationsrat Alexander von Musulin und Unterstaatssekretär Johann von Forgách besprachen ein mögliches Vorgehen nach dem Tod des Thronfolgers. Kabinettschef Hoyos selbst war verhindert. Musulin sah durch das Attentat die Möglichkeit gekommen, gegen Serbien vorgehen und „die slawischen Teile der Monarchie […] für den Krieg gegen Serbien mitreißen“ zu können.Alexander von Hoyos: Meine Mission nach Berlin. Nach: Fritz Fellner: Die „Mission Hoyos“. In: Fritz Fellner, Heidrun Maschl (Hrsg.): Vom Dreibund zum Völkerbund. Studien zur Geschichte der internationalen Beziehungen 1882–1919. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1994, ISBN 3-7028-0333-5, S. 135 ff. Die Besprechung endete damit, dass Forgách der Idee eines Krieges mit den Worten zustimmte: „Wenn Du den Minister [Außenminister Leopold Berchtold] für den Plan gewinnen kannst, habe ich nichts dagegen.“
Kabinettschef Hoyos hatte am 1. Juli mit dem deutschen Publizisten Victor Naumann eine geheime Unterredung geführt, über die er in seinen Aufzeichnungen notierte:
Vor der am nächsten Tag stattfindenden Ministerratssitzung informierte Musulin Kabinettschef Hoyos über das am Vortag erfolgte Gespräch. In einer darauf folgenden Unterredung hatte Außenminister Berchtold den Kriegsplänen Musulins und Forgáchs ebenfalls zugestimmt. Hoyos, der zunächst opponierte, begab sich umgehend in das Büro des ungarischen Ministerpräsidenten István Tisza, um zu berichten, dass „der Minister wieder einmal den Krieg machen“ wolle. Tisza sprach sich unmittelbar gegen einen möglichen Krieg gegen Serbien aus. Bei einem Sieg, der bei einem raschen Schlag gegen Serbien zu erwarten gewesen wäre, hätte man mindestens Teile Serbiens der ungarischen Reichshälfte der Donaumonarchie zugeschlagen. Daraus hätte eine Stärkung der slawischen Bevölkerung zu Ungunsten der Magyaren resultiert.Miklós Komjáthy (Hrsg.): Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918), Budapest 1966, S. 84 f.
Ministerratssitzungen mini|hochkant|Ministerpräsident István Tisza Tisza blieb während der Ministerratssitzungen der folgenden Tage der einzige Gegner eines Krieges gegen Serbien. Außenminister Berchtolds Position war eindeutig für einen Schlag gegen Serbien, der österreichische Ministerpräsident Karl Graf von Stürgkh plante die slawischen Nationalbewegungen in der Monarchie durch eine Aktion gegen Serbien niederzuschlagen und dachte bereits „an den Krieg als ein Unternehmen auch innenpolitischer Art“.Leo Valiani: Verhandlungen zwischen Italien und Österreich-Ungarn 1914–1915. In: Wolfgang Schieder (Hrsg.): Erster Weltkrieg. Ursachen, Entstehung und Kriegsziele. Köln/Berlin 1969, S. 317–346, hier: S. 337. Der Chef des Generalstabes Conrad von Hötzendorf sah nun den „Moment zur Lösung der serbischen Frage“ gekommen.Franz Conrad von Hötzendorf: Aus meiner Dienstzeit 1906–1918, Wien/Leipzig/München 1922, Band 4, S. 22 f.
mini|hochkant|Kaiser Franz Joseph (Österreich-Ungarn), um 1910 Um sich des mit einem Krieg verbundenen Risikos zu erwehren, telegraphierte Tisza am 1. Juli an Kaiser Franz-Joseph:
Obwohl der Großteil der Ministerkonferenz ein Eingreifen in Serbien befürwortete, war man sich der Tatsache bewusst, dass ein Vorgehen ohne Abstimmung und Rückendeckung mit dem Deutschen Reich nicht machbar wäre. Ein gleichzeitiges Eingreifen Russlands hätte eine Pattsituation zur Folge gehabt, und auch ein Eingreifen Frankreichs und Großbritanniens war zu befürchten. Ohnehin konnten die Anhänger einer Intervention den Widerstand Tiszas nicht einfach umgehen. Als Ministerpräsident Ungarns vertrat er eine Hälfte der Donaumonarchie und verfügte über eine Art Veto-Recht in gemeinsamen Angelegenheiten.Miklós Komjáthy (Hrsg.): Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918), Budapest 1966, S. 82 ff.
Die Ministerratskonferenz beschloss deshalb, ein in den Tagen vor den Morden von Sarajevo fertiggestelltes Memorandum, das die Österreich-Ungarn betreffende Sicherheitslage auf der Balkanhalbinsel in düsteren Farben zeichnete, mit einem Postskriptum zu versehen und es gemeinsam mit einem handschriftlichen Brief Kaiser Franz Josephs nach Berlin zu entsenden, um die Unterstützung des deutschen Kaisers Wilhelm II. einzuholen. Bei dem Memorandum handelte es sich um ein Schriftstück des Sektionschefs im k.u.k. Außenministerium, Franz von Matscheko, das dieser vermutlich am 24. Juni im Ministerium eingereicht hatte und das die Lage auf dem Balkan nach dem Ende der Balkankriege zum Inhalt hatte. Der 1912 auf Betreiben Russlands gegründete und gegen das Osmanische Reich gerichtete Balkanbund, aus dem Bulgarien nach dem Ersten Balkankrieg ausgeschieden war, und das von der Triple Entente umworbene Rumänien wurden als eine nunmehr zur Gefahr für die Doppelmonarchie werdende Bedrohung dargestellt. Es sei notwendig, das mittlerweile gute Verhältnis zu Bulgarien beizubehalten sowie Rumänien und Serbien durch Konzessionen zufriedenzustellen. Das Postskriptum konstatierte, es sei nicht gelungen, mit Serbien zu einem Ausgleich zu kommen. Es wäre an der Zeit, H . Bertil A. Petersson: Das österreichisch-ungarische Memorandum an Deutschland vom 5. Juli 1914. In: Scandia, Vol. 30, Nr. 1 (1964), S. 138–190.
Der persönliche Brief Franz-Josefs, der von Hoyos selbst aufgesetzt wurde, ergänzte das Memorandum dahingehend, „daß Österreich und Serbien nicht mehr nebeneinander fortbestehen können“ und ein Waffengang (Euphemismus für Krieg) nun unausweichlich sei.
Die Tragweite der Entscheidungen dieser Tage wird in einem Interview aus dem Jahr 1917 klar, als der politische Journalist Heinrich Kanner den damaligen Finanzminister Leon Biliński auf die Julikrise ansprach.
Zusätzlich unterwies Außenminister Berchtold Hoyos mündlich, „dem Grafen Szögény [dem k.u.k. Botschafter in Berlin] zu eröffnen, daß wir den Moment für gekommen erachten, […] mit Serbien abzurechnen“.Hugo Hantsch: Leopold Graf Berchtold. Grandseigneur und Staatsmann. Graz/Wien/Köln 1963, Band 2, S. 573.
Mission in Berlin Vorgespräche mini|hochkant|Arthur Zimmermann mini|hochkant|Gottlieb von Jagow Hoyos war für die Gespräche in Berlin der „ideale Partner,“ weil er schon in der bosnischen Annexionskrise die deutsche Rückendeckung heimgebracht hatte. Er wollte diesen Erfolg wiederholen und schlug Berchtold eine neuerliche Mission vor.Manfried Rauchensteiner: Der Tod des Doppeladlers. Österreich-Ungarn und der Erste Weltkrieg. Böhlau Verlag, Wien/Graz/Köln 1993, ISBN 3-222-12454-X, S. 70. Am Morgen des 5. Juli erreichte Hoyos mit dem Nachtzug Berlin. Da Kaiser Wilhelm schon am Morgen des nächsten Tages auf seine Nordlandreise zu gehen beabsichtigte, hatte Botschafter Szögyény bereits für den Nachmittag desselben Tages eine Audienz arrangiert. Hoyos machte sich umgehend auf den Weg zum Botschafter, um die Audienz vorzubereiten.Friedrich Thimme: Front wider Bülow. Staatsmänner, Diplomaten und Forscher zu seinen Denkwürdigkeiten. München 1931, S. 232. Im Memorandum befand sich ferner ein handschriftliches Postskriptum Berchtolds, dass es nun „um so gebieterischer“ von Österreich-Ungarn erfordert sei, „mit entschlossener Hand die Fäden zu zerreißen, die ihre Gegner zu einem Netz über ihrem Haupt verdichten wollen.“ Der Brief Franz-Josephs ging sogar so weit, in Serbien einen „Herd von verbrecherischer Agitation“ zu sehen.Lüder Meyer-Arndt: Die Julikrise 1914. Wie Deutschland in den Ersten Weltkrieg stolperte. Böhlau, Köln, Wien 2006, S. 24. In dem auf 2. Juli datierten Brief des Kaisers an Kaiser Wilhelm hieß es: „Das Bestreben meiner Regierung muß in Hinkunft auf die Isolierung und Verkleinerung Serbiens gerichtet sein.“ Serbien, der „Angelpunkt der panslawistischen Politik“, sollte „als politischer Machtfaktor am Balkan ausgeschaltet“ werden.Imanuel Geiss (Hrsg.): Julikrise und Kriegsausbruch. Eine Dokumentensammlung. Hannover 1963, Band 1: S. 63 f. (Nr. 9); und Ludwig Bittner, Hans Uebersberger (Hrsg.): Österreich-Ungarns Außenpolitik von der bosnischen Krise 1908 bis zum Kriegsausbruch 1914. Diplomatische Aktenstücke des österreichisch-ungarischen Ministeriums des Äußeren. Wien/Leipzig 1930, Band 8, S. 250 ff. (Nr. 9984).
Nachdem Hoyos den Botschafter Szögyény umfassend informiert hatte, zogen beide den Unterstaatssekretär im Deutschen Auswärtigen Amt, Arthur Zimmermann, hinzu. Zimmermann hatte zu diesem Zeitpunkt die Leitung des Amts inne, da Staatssekretär Gottlieb von Jagow wie die meisten anderen Spitzen des Deutschen Reiches im Urlaub weilte. Hoyos informierte auch Zimmermann, allerdings verschwieg er ihm den Widerstand des ungarischen Ministerpräsidenten Tisza. Stattdessen schilderte Hoyos, dass Österreich-Ungarn den Wunsch habe, Serbien umgehend anzugreifen und ohne jegliche Verhandlungen einen überraschenden Vergeltungsschlag zu führen.Hans Hallmann: Vorwort in: Fritz Kern: Skizzen zum Kriegsausbruch im Jahre 1914, Darmstadt 1968, S. 11; sowie Imanuel Geiss: Julikrise und Kriegsausbruch 1914, Hannover 1964, Nr. 39.
Zimmermann stimmte den vorgetragenen Ideen zu; er sah einen schnellen Schlag Österreich-Ungarns als zwingend notwendig an. So könne ein fait accompli geschaffen werden, das einerseits die Position der Donaumonarchie auf dem Balkan festigen, andererseits eine Reaktion der Entente-Mächte Russland und Frankreich ausschließe. Falls es dennoch zu einem Eingreifen käme, so Zimmermann, sei es aufgrund der militärischen Stärke des Deutschen Reichs keinerlei Problem, beide Mächte in Schach zu halten. Mit einem Eingreifen Großbritanniens sei jedoch keinesfalls zu rechnen.Luigi Albertini: The Origins of the War of 1914, Band 2, Oxford 1953, S. 144. Im Anschluss an die Besprechung informierte Zimmermann den Deutschen Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg.
Nach dem Ende des Gespräches verabschiedete sich Hoyos mit den folgenden Worten von Zimmermann:
Audienz bei Kaiser Wilhelm mini|hochkant|Kaiser Wilhelm II. 1915 Die Audienz Szögyénys und Hoyos’ begann gegen 13 Uhr, erstaunlich war, dass der Hohenzoller die beiden alleine empfing. Es gab keinerlei Berater und keinerlei Vorbereitungen auf die Audienz, obwohl das bei einer solchen außenpolitischen Lage üblich war und angebracht gewesen wäre. Weder Bethmann-Hollweg noch Zimmermann unternahmen Schritte, der Audienz beizuwohnen.Kurt Jagow: Der Potsdamer Kronrat. In: Süddeutsche Monatshefte, München 1928, S. 780.
So ist davon auszugehen, dass Wilhelm anfangs das Anliegen Kaiser Franz-Josephs nicht als ernste Gefährdung Österreich-Ungarns wahrnahm. Nach dem Studium der durch Hoyos und Szögyény vorgelegten Quellen lehnte er eine deutsche Unterstützung für einen Krieg ab: Wilhelm versicherte zwar, .Lüder Meyer-Arndt: Die Julikrise 1914, S. 26.