mini| Hier am Mur-Ausleitungs-Kleinkraftwerk des KrW Weinzödl beginnt der Mühlgang am Nordrand von Graz (2013, noch ohne die über die Betonpfeiler gelegte Rinne der etwa 2016 errichteten Fischaufstiegshilfe) mini| Mühlgang beim Rosegger-Haus, entleert – Blick von der Annenstraße südwärts in die Elisabethinergasse
Der Grazer Mühlgang ist ein durch das Stadtgebiet von Graz und weiter südwärts führender Kanal rechts der Mur, der für den Betrieb von Mühlen im 13. Jahrhundert aus Nebengerinnen des Flusses errichtet wurde. Er steht im Besitz des Älteren Mühlen Consortiums (ÄMC, Graz), ist etwa 25 km lang, kommuniziert mit drei Bächen, ist stellenweise überbaut und wird heute noch fast durchgehend zur elektrischen Energieerzeugung genutzt.
Von kürzeren Mühlgängen links der Mur sind nur mehr geringe Spuren erhalten. Der obere floss durch Geidorf und mündete dort ein, wo der Schlossberg der Mur nahe kommt. Die Straßenbezeichnungen Am Langedelwehr, Mühlgangweg – und dessen gekurvter Verlauf – erinnern an die Ausleitung des unteren, südlicheren, sogenannten Gössendorfer Mühlgangs, der durch Vermurungen im Zuge eines Hochwassers verschüttet und daher 1916 aufgelassen worden ist. Er folgte dem Verlauf der heutigen Dr.-Plochl-Straße, südlicher in Graz ist der Straßenname Mühlgraben noch eine Spur am Weg nach Gössendorf.
Geographie
Der Mühlgang wird aus dem Oberwasser des Kraftwerks Weinzödl im Norden von Graz über die kleine Turbine 3 rechts von der Mur ausgeleitet, durchfließt ganz Graz sowie Feldkirchen bei Graz und mündet nach 25 km im Süden nahe Großsulz bei Kalsdorf wieder in die Mur.
Im nördlichen Bezirk Gösting münden der von Thal kommende Thaler Bach von rechts ein, der Aubach und der Schleifbach (seit 2017 verrohrt) nach links aus. Der Aubach (auch: das Aubachl) kann als Fortsetzung des Thaler Bachs gesehen werden.
Die Ausmündung des Schleifbachs erfolgt etwa 30 m nach dem E-Werk Gösting (Viktor Franz) unmittelbar nach der Viktor-Franz-Straße. Er fällt bei einer Länge von etwa 1,25 km bis zur Mündung in die Mur bei Mur-Mittelwasser etwa um 10 m ab. An 6 Stellen wurden Wasserräder betrieben, von denen keines eine Getreidemühle antrieb. Nach 3 Jahren Nicht-Nutzung wurde seitens der Wasserrechtsbehörde 1983 das letzte Wasserrecht am Schleifbach als erloschen gemeldet. Vom Eigner des Bachs wurde die Fassung des Großteils des Durchflusses des Schleifbachs in ein Glasfaser-Epoxid-Rohr und die Errichtung eines Kraftwerks nächst der bisherigen Mündung in die Mur (auf Höhe der Schrebergärten Lendkai 157) etwa während 5 Jahren projektiert und 2016/2017 mit dem Bau begonnen. Das etwa 1,2 km lange Rohr hat 1200 mm Innendurchmesser, ist mit zylindrischen Überschiebe-Muffen gefügt und wurde großteils bis August 2017 verlegt. Die Inbetriebnahme erfolgte um den Jahreswechsel 2017/2018. Das Krafthaus liegt unmittelbar am das rechte Murufer begleitenden Geh- und Radweg und ist für die Aufnahme eines Cafés mit Dachterrasse konzipiert. Das Rohr liegt im Wesentlichen im Bett des ehemaligen offenen Gerinnes, wurde jedoch unter Straßenbrücken (etwa am Lendkai) tiefer gelegt. Im ehemaligen Bett fließt seit 2019 wieder eine kleine Menge Wasser.
Der Mühlgang verläuft im Norden streckenweise parallel (östlich) der Wiener Straße, im Bezirk Lend durch den Friedenspark (früher Frauenbad) zur früheren Papiermühle (vom 16. Jahrhundert bis 1956) und weiter zum Rondo am Marienplatz, wo bis 2005 die Marienmühle (als Mahlbetrieb 1989 stillgelegt) stand und der Volksgarten beginnt. Zwischen Häusern an der Volksgarten- und Annenstraße wird auch die Stadtmühle (heute mit Wohnungen, die innere Holzkonstruktion der Mühle bildet ein Atrium bis zum Dach) unterquert. Entlang der Elisabethinergasse, durch die Rösselmühle (1270 erwähnt – als Mahlbetrieb 2014 stillgelegt), die Köstenbaummühle (Köstenbaumgasse/Korngasse), und ein Kraftwerk an der Herrgottwiesgasse führt der Kanal durch Gries. Er tangiert die Westseite des Schlachthofs und gegenüber die ehemalige Taggermühle (spätestens nach Insolvenz um 2000 stillgelegt, hölzernes Mühlrad 2014 noch morsch vorhanden), verläuft weiter etwas östlich der Puchstraße und von dort über Puntigam zur Stadtgrenze, wo ein Teil des Wassers in die Mur abfließt und der andere Teil weiter nach Feldkirchen fließt (Lebern, Mittermühle, Petermühle).
Mühlen entlang des Grazer Mühlgangs
Rösselmühle
mini|Rösselmühle (2021)
1270 erstmals urkundlich erwähnt, ist sie die älteste Mühle von Graz und eine der ältesten von Österreich. Die Rösselmühle wurde im Jänner 2014 als letzte Grazer Mühle stillgelegt. Sie liegt an der Adresse Elisabethinergasse 45 / Oeverseegasse 1 und grenzt südlich an die ehemalige Postgarage an. Das eigentummäßig zur Mühle gehörende Areal des Oeverseeparks ist an die Stadt Graz verpachtet. Der Name Rösselmühle (und die gleichlautende Mehlmarke mit dem nur auf den Hinterbeinen stehenden Pferd) bezieht sich auf die bis Ende der 1950er-Jahre gehaltenen Zugpferde. Hier arbeiteten zuletzt 22 Mitarbeiter, und sie vermahlte 90 % Weizen- und 10 % Roggenmehl, das insbesondere in Kleinpackungen über den Einzelhandel an Endverbraucher ging. Sie war Mitglied bei AMA und exportierte bis Singapur. Seit 1920 war sie als Rösselmühle Ludwig Polsterer GesmbH Tochter der niederösterreichischen Ludwig Polsterer Holding in Enzersdorf an der Fischa. Mit Übernahme der Polsterer Mühle durch die Pfahnl Backmittel GmbH, Pregarten, Anfang 2014 wurde Pfahnl zum zweitgrößten Mühlenbetrieb in Österreich. Die Marke Rösselmühle wird für die Vermarktung erhalten, doch der Betrieb der Rösselmühle wurde im Jänner 2014 eingestellt. Die vor Jahrzehnten aufgenommene Stromproduktion über Turbine(n) läuft weiter. Die Rösselmühlgasse verläuft vom Griesplatz zur Brücke über den Mühlgang oberhalb der Mühle. Akademie der Wirtschaft - Neusiedl am See, Kommunikationstage Graz, 29./30. Oktober 2008. Abgerufen am 16. März 2015.
Am 1. Juni 2017 berichtete orf.at unter dem Titel: Kind zündelte: Dachstuhlbrand bei Rösselmühle.
Im Rahmen des Projekts OEVERwerk im Herbst 2020 (18.9. – 15.10.) wurden die von Maschinen weitgehend befreiten Gebäude, das laufende Kraftwerk und der rechtsufrige Wiesenstreifen oberhalb der Mühle mit Kunstwerken bespielt und durch Führungen zugänglich gemacht.
Es gibt aktuell Planungen zur Entwicklung des Gebiets Rösselmühle & Postgarage unter Nutzung der Gebäude in Richtung Wohnen, Gewerbe, Kunst, Kultur und Erholung.
Am 1. April 2023, nachmittags entwickelte sich ein relativ großer Brand, der die oberen 2 von 4 Geschoßen eines linksufrigen sehr alten Gebäudes mit Holzkern und das darüberliegende Satteldach erfasste. Auch ein in Firstrichtung anschließendes Dach wurde von der Feuerwehr geöffnet, spätestens am 6. April per Autokran auch ein Teil des Satteldachs des linksufrigen Silos. Am 6. April wurde berichtet, dass ein technischer Defekt nicht gefunden werden konnte, der Brand also wohl durch Fremdverschulden von Unbekannt ausgelöst worden ist. Im Juli konnten schließlich drei Jugendliche als Brandstifter ausgeforscht und im Dezember verurteilt werden, der Sachschaden wurde mit 665.000 Euro beziffert.
Quellen zur Rösselmühle
OEVERwerk oeverwerk.at, 2020 – Kunst, Führungen Fussgängersteg Oeverseegasse Rösselmühle ilp.st, Ingenieurgemeinschaft Lukas & Partner, 2006 – der nach 2006 errichtete Steg verbindet das Grazer Geriatriezentrum links des Mühlgangs fußläufig mit dem Oeverseepark am rechten Ufer. Großbrand in Grazer Rösselmühle soundportal.at, 1. April 2023 – Polizeihundestaffel entdeckte den Brand (nachmittags vor 14.00 Uhr, 16.45 Uhr Brand unter Kontrolle). Zukunftsviertel Gries : Kulturzentrum Rösselmühle judith-schwentner.at, Judith Schwentner (Vizebürgermeisterin, Grüne) Oeverseegasse 1 : Ehem. Rösselmühle grazerbe.at Das Industriedenkmal Rösselmühle – wie lange noch? stadtteilarbeit-denggenhof.at, admin, 19. Februar 2021 – ersterwähnt "1370" (?).
Taggermühle
Das unterschlächtige hölzerne Wasserrad der rechts liegenden Taggermühle (Puchstraße 17) hatte etwa 3,5 m Durchmesser und 2 m Breite, war zuletzt über ein Zahnradgetriebe (Eisengussgehäuse, für laut Typenschild "50 PS Leistung") an einen Stromgenerator angeschlossen und lag seit etwa 2000 brach. Firma Tagger betrieb Schüttgutsilos in einem rechteckigen Stahlbetonturm mit Lkw-Umschlag, zwei Anschlussgleise (zur Schleppbahn Graz, weiter zur Ostbahn) mit Verladerampen in einer Halle und ein Heizhaus, stellte Futtermittel für Nutzvieh her, nützte dafür auch geruchsintensives Fischmehl, baute mit einer öffentlichen Förderung Abluftfilteranlagen ein, wurde kurz darauf insolvent und stellte den Betrieb um 2000 ein.
Die Werksanlage ging ins Eigentum einer Bank über und wurde einige Jahre später vom Installationsbetrieb Kossegg erworben, der die Gebäude schrittweise umbaut. Das Mühlrad wurde um 2015 ausgebaut, an Land aufgestellt und vermorscht zunehmend – Stand 2020. Die Gefällestufe wird von Flusssurfern am Gelände der Taggermühle und etwa 1 km südlich davon unweit des Kreisverkehrs Puchstraße/Puchmuseum/Innovationspark an der Muglwave des Grazer Kajak Clubs von Paddelakrobaten genutzt.
Heutige Verwendung
Am rechten Mühlgang werden insgesamt 12 Wasserkraftwerke betrieben. Aus der vormaligen Jesuitenmühle (Ebenwaldner Mühle) bei der Göstinger Maut (Wiener Straße, damals Nr. 50, heute Nr. 182 – Tankstelle) entstand an anderer Stelle – etwa 300 m mühlgangaufwärts, oberhalb der linken Ausleitung des Schleifbachs – zwischen 1903 und 1905 das Kraftwerk Viktor Franz, das heute noch in der Viktor-Franz-Straße nahe der Eiswerkgasse in Betrieb ist.E-Werk Gösting Die Energie Graz betreibt drei Kleinwasserkraftwerke am Mühlgang.Energie Graz: Die Wasserkraft Marienplatz GmbH betreibt ein Kleinwasserkraftwerk im Hof des Rondo am Marienplatz, welches 2010 eine lokale Überschwemmung verursachte. Im Gang des Rondo, zumindest im Erdgeschoß, erinnern seit einigen Jahren großformatige Fotografien an die Mühle als Vorgängerbau.
Der Mühlgang hat in der Regel 11 m3/s Wasserführung. Da insbesondere der unregulierte Thaler Bach in der Exerzierplatzstraße in Gösting einmündet, wird möglichst schon Stunden vor einem zu erwartenden Starkregen die Speisung des Mühlgangs aus der Mur auf eventuell ¾ der Normalmenge zurückgenommen, um Extrawasser überschwemmungsfrei aufnehmen zu können.
Zweimal im Jahr wird der Mühlgang zum Zweck der Revision entleert, um ihn abzukehren und Ausbesserungsarbeiten am Gerinne durchzuführen. Wird oben die Speiseschleuse geschlossen, so rinnt der Mühlgang binnen etwa 12 Stunden abklingend aus. Bei der Vorabkehr Ende Juni wird der entleerte Kanal von den begleitenden Wegen aus in seiner Länge nur besehen, um die Reinigung und nötige Sanierungsarbeiten planen zu können. Da auch die Füllung wieder Zeit braucht, erreicht die Wasserführung erst nach 3–4 Tagen wieder das Soll. Die Hauptabkehr erfolgt im September, nach der Zeit hochsommerlicher Gewitter. Mit Handschaufeln, kleinen Dumpern, die im Bett fahren, Lkw-Kran und Bagger werden 300 t Geschiebesand und Schlamm, aber auch eine Menge Hineingeworfenes – etwa 2013: 200 Fahrräder – herausgehoben. Wenn nach 7–10 Tagen Wasser wieder die Turbinen antreibt, hat auch der Beton eventueller Umbauten wasserfest abbinden können.Mühlenconsortium, tel. Info vom 31. Oktober 2013 Vor den Wartungsarbeiten rettet der Arbeiterfischereiverein die im Mühlgang verbliebenen Fische durch Abfischen. 2015 erfolgte dies auch mittels Elektrofischens und einem Stromaggregat auf Rückentrage.
Gelegentlich macht der Mühlgang lokal Schlagzeilen, wenn aus ihm Personen oder Tiere gerettet werden. Ein älterer Mann, der im Bereich des Langensiepen-Schrebergartens samt Rad in den Mühlgang stürzte, ist ums Leben gekommen, obwohl wenig unterhalb ein verzurrtes Rundholz diagonal auf der Wasseroberfläche schwimmt, als letzte Möglichkeit, sich vor dem Rechen des Kraftwerks noch ans linke Ufer zu hanteln, wenn man andere Ausstiegsleitern nicht erreicht hat.
Neuere Veränderungen