330px|rechts mini|Skizze Grundriss des Steinkastells II mini|Rekonstruktionsversuch der letzten Bauphase des spätantiken Kastells, Blick aus NO, rechts der Burgus/Restkastell in der NW-Ecke mini|Die Verurteilung des hl. Florian durch den Statthalter Aquilinus, Relief am Tor der St. Laurentius-Basilika, Enns/Lorch mini|Freigelegter Rest der Westmauer beim Volksschulgebäude mini|Skizze des Mauerbestandes des südlichen Hufeisenturmes im Keller der Volksschule mini|Durchgang an der Tullner Straße, er markiert den einstigen Standort des Westtores mini|Rest der Kastellmauer an der SO-Ortsdurchfahrt mini|Rekonstruktionsmodell des Burgus mit Ansätzen der West- und Nordmauer, Ansicht von Süd-Ost (Römermuseum Tulln) mini|Ansicht von Süd mini|Skizze des Mauerbestandes und der einzelnen Bauphasen des NW Burgus

mini|Römerrundgang Zeiselmauer mini|Von Ost nach West verlaufende Innenmauer des Burgus mini|Körnerkasten, Blick aus Nord mini|Körnerkasten, Reste des Torbogens der ehemaligen Porta Principalis Dextra mini|NO-Fächerturm, Blick aus dem Nord-Osten mini|Blick aus dem Nord-Westen auf den sogenannten Hals (Anschluss Lagermauer) mini|Blick aus dem Süden mini|Rekonstruktionsversuch des NO-Fächerturms, Zustand im 4. Jahrhundert mini|Römische Keramik aus Zeiselmauer mini|Zeichnung eines Amphorenverschlusses aus dem 1. Jahrhundert n. Chr., gefunden im Burgus

Das Kastell Zeiselmauer, möglicherweise das antike Cannabiaca, war Bestandteil der Festungskette des römischen Donaulimes in Österreich und liegt im Bundesland Niederösterreich, Bezirk Tulln, Gemeinde Zeiselmauer-Wolfpassing/Ortsteil Zeiselmauer.

Zeiselmauer zählt zu den am besten erforschten Auxiliarkastellen in Österreich. Das Kastell zählte zur Kastellkette in der Provinz Noricum, war westlicher Flankenschutz für das Kastell Arrianis/Klosterneuburg in Oberpannonien und östlicher Flankenschutz für das benachbarte Kastell Comagena/Tulln. Es war abwechselnd mit ca. 500 Mann starken Infanterie- und Reitereinheiten belegt. Der Kastellgrundriss beeinflusst bis heute die bauliche Gestaltung des Ortskerns. Burgus, Körnerkasten und Fächerturm sind auf Grund ihres hervorragenden Erhaltungszustandes einzigartig am Donaulimes. Nach Carnuntum verfügt Zeiselmauer über den größten Bestand an spätantiker Bausubstanz in Österreich. Zum Kastell gehörte eine Zivilsiedlung, die sich vermutlich bis zur heutigen Trasse der Franz-Josefs-Bahn erstreckte. In ihrer Blütezeit lebten und arbeiteten hier bis zu 1000 Menschen. Die meisten ihrer Häuser verfügten über einen gehobenen Wohnstandard. Nahe der Wolfpassinger Straße und der Königstättnerstraße befanden sich die Gräberfelder. Erst in den letzten Jahrzehnten haben archäologische Untersuchungen durch das Österreichische Bundesdenkmalamt das Wissen über das römische Zeiselmauer erweitert und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch den tatsächlichen römischen Ortsnamen identifiziert. Die antiken Baureste sind seit 2021 Bestandteil des zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Donaulimes.

Name Sein antiker Name konnte diesem Kastell bisher nicht vollkommen zweifelsfrei zugeordnet werden. Da es aber an der Ostgrenze der einstigen römischen Provinz Noricum liegt, ist die Übereinstimmung mit dem ausschließlich in der Notitia Dignitatum erwähnten Cannabiaca sehr wahrscheinlich. Auch die Funde der Ausgrabungen auf dem Kirchplatz von Zeiselmauer in den 1990er Jahren sprechen für Cannabiaca. Die ältere Lehrmeinung, es handle sich um das in der Tabula Peutingeriana verzeichneten CitiumTabula Peutingeriana, Segment V. wurde bald wieder verworfen. Dieser Ort war vermutlich nur eine Etappenstation des kaiserlichen Kurierdienstes (cursus publicus) nahe dem heutigen Tulln.

Der Archäologe Erich Polaschek (1885–1974) führte Cannabiaca ursprünglich auf eine Cohors Canafatium oder Cannefatium zurück. Da er dann jedoch in der Tabula Peutingeriana auch einen Ort namens Cannabaca fand, revidierte er seine Ableitung von einer Cohors Canafatium schließlich wieder. Eine weitere Deutung versuchte Polaschek auch anhand der Cohors I Aelia Sagittariorum, obwohl „…freilich hier kein eigentlich namengebendes Element hervorgeht.“ Da diese Truppe wie die große Mehrzahl der römischen Bogenschützen ursprünglich im Osten rekrutiert worden sein könnte, von wo übrigens auch ein ähnlicher Ortsname, Cannaba, östlich des Euphrat in der Region Osrhoene, überliefert ist, war es für Polaschek nicht abwegig, dass der Ursprung des antiken Namens von Zeiselmauers dort zu suchen ist, da „…es in seinem Grundelement keltisch ja nicht erklärt werden kann.“Kurt Genser: Der österreichische Donaulimes in der Römerzeit. Ein Forschungsbericht. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1986, ISBN 3-7001-0783-8 (= Der Römische Limes in Österreich 33), S. 410–411; hier: S. 411.

Der Klassische Philologe Gerhard Rasch ordnete Cannabiaca dem keltischen Sprachkreis zu, da das suffixale -äcum vor allem als Bezeichnung für die Zugehörigkeit zu einer Sippe oder zu einer Person diente. Weiters war er der Meinung, dass der Name auch von Canabarum vicus (Marketenderladen für das Heer) oder von can(n)aba (Lagerdorf) herstammen könnte. So sollten die Bewohner des Zeiselmauer Lagerdorfes zuerst als Cannabiaci und später auch ihr Ort – unter Rückanlehnung an das lateinische feminine cannaba – als Cannabiaca bezeichnet worden sein.

Der Philologe Alfred Holder (1840–1916) sah in Cannabiaca wieder einen pluralischen o-Stamm zu sing. -äcon. In diesem Sinn leitete er daher Cannabiaca von lateinisch cannabetum (bretonisch canabek, kymrisch canabauk, canabaca) und auch vom germanischen can(n)abi-s (Lauf) (oder für Canavi-acum von Canavus?) ab. Der Historiker Eduard Böcking (1802–1870) leitete Cannabiaca von Cannabis und Joseph Aschbach (1801–1882) von Cannanefatium castra ab. Der Sprachwissenschaftler Hermann Gröhler (1862–1958) erwog sogar einen Zusammenhang mit dem lateinischen can-nabis (Hanf), dies scheint aber mehr als unwahrscheinlich zu sein.

Der heutige Ortsname geht auf den Passauischen Gefolgsmann Zeizo zurück. Um 971 wurde es als Zeizinmurus („Mauer des Zeizo“ – Zeiselmauer) bezeichnet.

Lage Zeiselmauer liegt am östlichen Rand des Tullner Beckens, rund einen Kilometer südlich der Donau. Im Osten erhebt sich das Mittelgebirge des nahen Wiener Waldes, der in der Antike die Grenze zwischen Noricum und Pannonien markierte. Die Böschung der Schwemmterrasse, auf der das Lager vor Hochwasser geschützt angelegt war, ist teilweise noch am Verlauf der Römergasse erkennbar. Ein Donauarm reichte in der Antike noch bis unmittelbar an das Lager heran. Das Kastell lag an einem Ast der Limesstraße, der diesen Abschnitt der Donaugrenze mit der nächstgelegenen größeren Stadt, Aelium Cetium (St. Pölten), verband. Ein vermutlich an seinem Originalstandort erhalten gebliebener römischer Meilenstein in Nitzing gibt die Entfernung von Aelium Cetium mit 26 römischen Meilen (39 km) an. In der Pfarrkirche von Königstetten ist ein dem Kaiser Maximinus Thrax gewidmeter Meilenstein zu sehen, der um 236 n. Chr. in der Umgebung des heutigen Tulln (Comagenis) aufgestellt worden sein muss. Er gibt die Entfernung nach Aelium Cetium mit 22 Meilen an.

Forschungsgeschichte Das römische Zeiselmauer wurde von den Gelehrten anfangs nicht im Ortszentrum, sondern weit außerhalb, in Richtung St. Andrä vermutet. In den dortigen Feldern („Steinfeld“) waren häufig alte Mauerreste vorgefunden worden, die Mauern im Ortskern waren stets als mittelalterlich und historisch als wenig bedeutend eingestuft worden.

Schon früh versuchte man die Ausmaße des mutmaßlichen Kastells zu bestimmen. Der böhmische Hofsekretär Johann Christoph von Jordan († 1748) beschrieb im 18. Jahrhundert das Kastell – mit den Überresten der Türme – als ein rechteckiges Mauerviereck, das etwa 480 Fuß Seitenlänge und eine Fläche von 6400 Klafter umfasste. Auch die Archäologen Guido Kaschnitz von Weinberg und Wilhelm Kubitschek dachten zwar auch an eine quadratische Anlage, lehnten aber den Zusammenhang mit einem römischen Kastell ab, da „…das stichbogige Fenster“ und die „Eckrondelle“ eher auf eine mittelalterliche Wehranlage hindeuten würden. Darin bestätigt fühlte sich Kaschnitz durch den Fund eines Limesturmes, der 5,69 × 6 m maß, da es nun sicher sei, „dass ein römisches Kastell an der Stelle, wo später die mittelalterliche Befestigung erbaut wurde, zumindest in der Zeit, in der der Limesturm in Gebrauch stand, nicht bestanden hat“.Johann Oehler: Die Römer in Niederösterreich. In: 21. Jahresbericht des Mädchen - Obergymnasiums Wien VI , Rahlgasse 4. 1912/13, S. 14. Einzelne Streufunde aus der Römerzeit sind schon seit dem 18. Jahrhundert bekannt. Grabfunde und Mauerreste eines Gebäudes deuteten auf eine größere römerzeitliche Siedlung hin. Dechant Petrus Priesen wusste um die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts von römischen Funden zu berichten (Münzen, goldener Anhänger in Form eines Fisches). Bei manchen dieser Artefakte lässt sich der genaue Fundort aber nicht mehr bestimmen. So wird z. B. der Grabstein des P. Aelius Germanus sowohl von Zeiselmauer als auch von Tulln in Anspruch genommen. Eine größere Anzahl von römischen Funden aus Zeiselmauer dürfte überdies im 18. Jahrhundert in die Hände von Antikensammlern gelangt sein.

Erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Aufmerksamkeit der Fachwelt langsam auf Zeiselmauer gelenkt. 1854 wurden beim Bahnbau auf einem Feld südlich von Zeiselmauer mehrere Goldmünzen aus der Zeit des Kaisers Valentinian III. (425–455), 1889 eine mit einem Stempel versehene Lampe sowie eine stark abgegriffene Münze aus der Römerzeit gefunden. 1895, 1897, 1898 und 1900 wurden südlich des Ortes in Richtung St. Andrä immer wieder antike Gräber entdeckt. Ein angeblich um 1900 geborgener Münzhort, hauptsächlich Denare aus dem 2. und 3. Jahrhundert, blieb bis heute verschollen. Wilhelm Kubitschek wies u. a. darauf hin, dass „…Zeiselmauer oder genauer gesagt das Mauerviereck daselbst und der bis gegen den Bahnkörper zu reichende Landstreifen mit Zeugnissen römischer Besiedlung und vor allem mit Zeugnissen einer römischen Nekropole nicht kargt…“, und weiter, dass „…sehr viele Funde unbeachtet und unbesehen und – je nach der Art der privaten Beziehungen – verschiedene Ruhestätten finden und also dem Studium entgehen.“Kurt Genser: Der österreichische Donaulimes in der Römerzeit. Ein Forschungsbericht. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1986, ISBN 3-7001-0783-8 (= Der Römische Limes in Österreich 33), S. 376–396, hier: S. 379. Den Berichten von Guido Kaschnitz von Weinberg zufolge wurden 1907 und 1908 bei Erdarbeiten zum Bau des Bahnhofsgebäudes auch römerzeitliche Gebäudereste beobachtet, die als Reste der Zivilsiedlung Cetium angesehen wurden. Die dazugehörigen Funde, das Bruchstück eines Grabsteines für einen Soldaten, ein weiteres Grabsteinstück mit Reliefverzierung sowie eine Keramikscherbe mit eingeritzten Buchstaben, wurden dem Niederösterreichischen Landesmuseum übergeben.