Die Duhem-Quine-These (auch Quine-Duhem-These, Holismus-These) behauptet die Unterbestimmtheit einer Theorie durch Beobachtungsdaten. Demnach besteht, positiv formuliert, eine Theorie aus vielen miteinander verknüpften Aussagen, die zusammen ein möglichst kohärentes Ganzes bilden. Nur größere Theoriestücke werden letztlich mit der Erfahrung konfrontiert. Negativ formuliert, besitzt kein theoretischer Einzelsatz eine definitive Menge an Folgesätzen mit beobachtbaren empirischen Inhalten, die in Isolation bestätigt oder widerlegt werden könnten.Claus Ortner, Willard Van Orman Quine. S. 524 in: J. Nida-Rümelin, E. Özmen, Philosophie der Gegenwart in Einzeldarstellungen. (Kröner) Stuttgart 2007.

Die These wurde erstmals von Pierre Duhem in seinem wissenschaftstheoretischen Hauptwerk La théorie physique, son objet, sa structure von 1906 formuliert. Sie beinhaltet zugleich eine Wissenschaftsauffassung und war für die ‹überlieferte Sichtweise› auf wissenschaftliche Theorien im 20. Jahrhundert, wie sie sich vor allem innerhalb des logischen Empirismus entwickelte und von ihren Vertretern formuliert wurde, «besonders einflussreich».Helmut Pulte, Wissenschaft, Abschnitt III (Ausbildung moderner Wissenschaftsbegriffe im 19. und 20. Jh.), Nr. 4 (Vermittelnde Positionen einschließlich Konventionalismus) in Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 12. (Schwabe) Basel 2004. S. 934–5 (digital: S. 51.286–7).Siehe auch Frederic Suppe (1977), hier in der Literatur, S. 50, der hierin auch den Begriff des »Received Views« in der Wissenschaftsphilosophie geprägt hat.

Die sprachphilosophische oder erkenntnistheoretische Verallgemeinerung der These geht auf Willard V. O. Quine Mitte des 20. Jahrhunderts zurück. Sie beinhaltet zugleich eine radikale Kritik am logisch-empiristischen Theorienverständnis und ging ebenso wirkmächtig in die Analytische Philosophie ein.Helmut Pulte, Wissenschaft, Abschnitt III (Ausbildung moderner Wissenschaftsbegriffe im 19. und 20. Jh.), Nr. 4 (Vermittelnde Positionen einschließlich Konventionalismus) in Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 12. (Schwabe) Basel 2004. S. 934–5 (digital: S. 51.286–7).Siehe F. Suppe (1977), hier in der Literatur: S. 66–72 (B. Observational-Theoretical Distinction).Claus Ortner, Willard Van Orman Quine. S. 526 f. in: J. Nida-Rümelin, E. Özmen, Philosophie der Gegenwart in Einzeldarstellungen. (Kröner) Stuttgart 2007. In seinem wegbereitenden Aufsatz Zwei Dogmen des Empirismus (Two Dogmas of Empiricism) von 1951 bringt Quine die These auf folgenden kurzen Slogan: «Die gesamte Wissenschaft, ob nun mathematisch verstanden, natur- oder geisteswissenschaftlich, ist [...] durch die Erfahrung unterbestimmt».Seite 42 in Quine (1951), hier in der Literatur. “Total science, mathematical and natural and human, is ... underdetermined by experience”.

Duhems wissenschaftstheoretische Fassung Entsprechend dieser These kann einerseits eine wissenschaftliche Theorie nicht durch einzelne, isolierte Beobachtungen, Experimente und Hypothesen verifiziert oder falsifiziert werden. Andererseits verändert jede Bedeutungsgebung für einzelne Termini einer wissenschaftlichen Theorie oder einer Sprache zugleich den semantischen Gehalt der gesamten Sprache bzw. Theorie. Das ist die holistische Variante in Duhems Theorienauffassung.Siehe K. Stanford (2023), hier unter Weblinks: §1 (A first look: Duhem, Quine, and the Problems of Underdetermination). mini|Pierre Duhem um 1900

Andererseits bedeutet das Erklären durch eine physikalischen Theorie, als ein gesamtes System verstanden, dass jede Art von Letztbegründung oder Allgemeingültigkeit durch selbiges System eine unerreichbare Illusion bleibt. Je nach empirischer Datenlage, je nach Hintergrundannahmen und je nach vorwissenschaftlichenDuhem meint nach positivistischer Lesart vor allem metaphysische Annahmen, die (nach seiner Auffassung) allen physikalischen Grundbegriffen anhaften. Vgl. etwa Duhem (1998), hier in der Literatur, S. 16. Hypothesen können unterschiedliche Erklärungsmomente für dasselbe Phänomen auftreten:

Die Duhem-Quine-These ergibt sich hierbei aus den naturphilosophischen Studien Pierre Duhems, der sie anhand mehrerer physikalischer Theorien aus der Mechanik, Elektrodynamik und Astrophysik formulierte und illustrierte.Die These ist in aller Ausführlichkeit zu finden in Kapitel 8 (Das physikalische Experiment) und 10 (Die physikalische Theorie und das Experiment) seines philosophischen Hauptwerks Duhem (1906), hier angegeben unter Literatur. (Sie ist gewissermaßen ein Postulat seines Werks.) Duhem verdeutlicht die These über eine Formulierung, welche die (logisch) unzerlegbare Verbindung zwischen experimentellen Anordnungen und ihren gesetzesartigen Abstraktionen definiert:

Eines der vielen Beispiele Duhems, in dem er auf Poincarés konventionalistisches TheorienverständnisDas Beispiel wird von Poincaré analysiert in dessen Schrift Sur la valeur objective des théories physiques, in: Revue de Métaphysique et de Morale, No. 10, 1902. zurückgreift, fragt nach der empirischen Bedeutung der Aussage:

»Es fließt in diesem Draht ein Strom von so und so viel Ampère.«Siehe Duhem (1998), hier in der Literatur, §2 (S. 192–200).

Die Bedeutung dieser (scheinbar) singulären Aussage umfasst eine «Unzahl möglicher Tatsachen und [...] Beziehungen zwischen verschiedenen experimentellen Gesetzen». Für den Zusammenhang zwischen der Wirkung des elektrischen Stroms durch den Draht und der mechanischen Auslenkung des Zeigers am Galvanometer muss die magnetische Wirkung auf den Zeiger angenommen werden, was wiederum Teil einer allgemeinen elektromagnetischen Theorie ist. Das „konkrete“ Messergebnis von einem Ampere wird zu einem «abstrakten und symbolischen Urteil» . Sein Verständnis enthält eine Gesamtheit an miteinander verbundenen, zuvor interpretierten Beziehungen. (Dazu gehört etwa auch, dass ein Metalldraht unter bestimmten Umständen Elektrizität transportieren kann.) Sie sind Teil einer im Experiment ‹entstehenden Sprache›, die wiederum selbst die «Ausbildung einer physikalischen Theorie voraussetzt».Siehe Duhem (1998), hier in der Literatur, S. 192 und 198. Im französischen Text Duhem (1906), S. 245, lautet der ganze Satz: «Le rôle du savant ne s'est donc pas borné à créer un langage clair et concis pour exprimer les faits concrets; ou plutôt, la création de ce langage supposait la création de la théorie physique.»

Wissenschaftliche Theorie und deren sprachliche Artikulation sind demnach semantisch so vielseitig miteinander verwoben, dass jede Zerlegung (»Analyse«) oder Isolierung einzelner Aussagen der experimentellen Sprache die Bedeutung der Gesamtterminologie ändert. Das ist ein Ausdruck der Duhem-Quine-These:

Duhem wollte mit seiner Schrift der zum Ende des 19. Jahrhunderts eintretenden Überbetonung von abstrakten Formalisierungen, Reduktionen auf symbolische Strukturen in der theoretischen Physik entgegentreten. Er reiht sich damit ein in eine Vielzahl an phänomenalistischen und positivistischen Wissenschaftlern und Denkern, die ein Mathematisierungsprogramm für umfassende Gebiete der exakten Naturwissenschaften kritisch beurteilen.Wie etwa damals auch Hermann von Helmholtz, Ernst Mach, Henri Poincaré, Edmund Husserl und Ernst Cassirer, um nur einige zu nennen. Man vergleiche mit Suppe (1977), hier in der Literatur, S. 7–10. Ebd. S. 50 wird verdeutlicht, dass Duhem selbst zur Rekonstruktion physikalischer Theorien, wie sie dem Programm des noch kommenden Logischen Empirismus eigentümlich ist, und der im Fokus der Quineschen Variante der These steht, durchaus beigetragen hat: Seine Darstellung entspricht der ‹überlieferten Sichtweise› (von Suppe ''Received View'' genannt).Siehe v. a. auch R. Ariew (2014), hier unter Weblinks: (2.1 Against ‹Newtonian Method›: The Duhem Thesis)

Die rein logische (oder analytische) Erwägung könne, so Duhems Illustration, nicht etwa zwischen der besseren Erklärungsleistung eines atomaren oder eines kontinuumsmechanischen Modells zur Erklärung der Kapillarwirkung entscheiden: „Keine dieser Verscheidenheiten wird die Prinzipien der Logik verletzen“,Seite 132 in Duhem (1998), hier in der Literatur. weitere Erklärungsmomente sind heranzuziehen. Nimmt man die Annahme hinzu, dass alle logisch-mathematischen Instrumente zur Theoriebildung normativen Kriterien unterliegen,Laut R. Ariew (2014), hier unter Weblinks (2.2 Against Cartesian Method: Metaphysics and Models) beinhaltet die physikalische Modellbildung in Duhems Verständnis nicht-kontinuierliche Momente, die eine übergeordnete Logik voraussetzen. Duhem (1998), Kap. 4, lehnte diese Auffassung physikalischer Modellbildung vehement ab, gestützt durch seine These der kontinuierlichen historischen Entwicklung („natural extensions“) aller wissenschaftlichen Begriffe, wohingegen die logische Beurteilung einem ahistorischen Verständnis von Theorieentwicklung gleicht. Nur in singulären und relativen Fragen der kohärenten Klassifikation zwischen einzelnen Theoriegruppen könne sie sichere Entscheidungen hervorrufen, niemals für gesamte Theoriebereiche. folgt hieraus wieder die obige Duhem-Quine-These.

Quines erkenntnistheoretische Fassung Ferner verallgemeinerte Willard Van Orman Quine in seinem Aufsatz Two Dogmas of Empiricism (1951) die Auffassung linguistisch zu der These Streng genommen ist die Duhem-Quine-These- eine philosophische Hypothese über die Einkehr ‹außerlinguistischer Entitäten› in den Erkenntnisprozess, wie Quine selbst in Two Dogmas (1951, S. 38 f.) erläutert. für sämtliche Erkenntnisprozesse, die über Normal- bzw. Umgangssprachen erworben werden.Siehe Quine (1951), hier in der Literatur angegeben. In der Anmerkung auf Seite 41 der zweiten Fassung in From a Logical Point of View (1960), siehe hier in der Literatur), bezieht sich Quine auch auf die erste Darlegung der These in Duhem (1906).Siehe K. Stanford (2023), hier unter Weblinks: §1 (A first look: Duhem, Quine, and the Problems of Underdetermination).Vgl. auch Philip Kitcher, Philosophy of Science, Abschnitt Discovery, Justification, and Falsification. Webartikel in Encyclopædia Britannica, abgerufen am 11. Januar 2026. Dort behauptet er,

mini|Willard Van Orman Quine 1935 Und in einer anderen Formulierung heißt es:

Entsprechend seiner holistischen These über den Erkenntnisprozess versuchte Quine später in seinem Hauptwert Word and Object von 1960 die Gesamtheit der Erfahrung naturalistisch zu begreifen. Die Duhem-Quine-These bildet hierin die Grundhaltung, von der aus seine sprachanalytische Untersuchung ansetzt:

Quine verfasste Two Dogmas mit dem Vorhaben, die streng disjunktive Unterscheidung zwischen Beobachtungstermini und theoretischen Termini in jeder wissenschaftlichen Sprache, wie sie im Logischen Empirismus in der Variante Rudolf Carnaps vorausgesetzt wurde, argumentativ zu widerlegen. Seine Widerlegung geht dabei über den wissenschaftsphilosophischen Kontext Duhems noch hinaus. Quine stellt die klassisch gewordene Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Sätzen, die dazu dient, die Herkunft der Termini erkenntnistheoretisch zu charakterisieren, insgesamt in Frage.Siehe F. Suppe (1977), hier in der Literatur. Darin die Introduction, Ch. IV: Criticism of the Received View, S. 70 f.J. van Benthem, Logic in Philosophy, in D. Jaquette (Hrsg.), Philosophy of Logic. In der Reihe Handbook in Philosophy of Science. North Holland 2007: S. 69.