Die Orgel der Großen Kirche (Leer) weist einen gewachsenen Registerbestand aus einem Zeitraum von über vierhundert Jahren auf. Die historische Orgel der Großen Kirche im ostfriesischen Leer ist im Laufe der Zeit immer wieder erweitert worden, wobei ein Grundbestand erhalten blieb. Die zwölf ganz oder teilweise historischen Register gehen zum Teil auf das 16. Jahrhundert zurück. Das Instrument verfügt seit Abschluss der Restaurierung durch Hendrik Ahrend im Jahr 2018 über 48 Register, die auf drei Manuale und Pedal verteilt sind. Sie ist damit die größte Orgel in der Orgellandschaft Ostfriesland.Information zur Restaurierung der Orgel in der Großen Kirche zu Leer, S. 7, abgerufen am 13. April 2019.
Baugeschichte
Renaissance-Orgel von de Mare 1609 mini|De-Mare-Orgel, heute in Stellichte Die Geschichte der Orgel hat im Kloster Thedinga ihren Ursprung, für das vermutlich Andreas de Mare um 1570 eine Orgel schuf. Diese vermacht Graf Enno III. 1609 der Reformierten Kirchengemeinde in Leer. Marten de Mare wurde beauftragt, die Klosterorgel abzubauen und in der alten Liudgeri-Kirche in der Nähe des Plytenberges wieder aufzubauen. Der Pastor Wessel Onken konnte in seiner 1763 verfassten Chronik Beschryvink van het oude vlek Leer nicht sagen, ob es sich bei dieser Maßnahme um einen Um- oder Neubau gehandelt hat. Möglicherweise verwendete Marten de Mare die Pfeifen der Klosterorgel für den Umbau in Leer und den Prospekt für einen Orgelneubau in der St.-Georg-Christophorus-Jodokus-Kirche zu Stellichte im Jahre 1610.Siehe NOMINE e. V.: Orgel in Stellichte, abgerufen am 13. April 2019.
Jüngere Untersuchungen am Pfeifenwerk der Leeraner Orgel und an den historischen Prospektpfeifen der Renaissance-Orgel in Stellichte haben die unmittelbare Verwandtschaft beider Orgeln bestätigt, konnten jedoch die These von einer Aufteilung der Klosterorgel weder bestätigen noch widerlegen. Eine unmittelbare Verwandtschaft der beiden Instrumente ist jedoch durch den Vergleich der Pfeifeninskriptionen nachgewiesen worden.Ahrend, Dahlke: Dokumentation. 2008, S. 240–248. Nachgewiesen wurde auch, dass die Orgel der Reformierten Kirche in Leer Pfeifen enthält, die vor 1609 ein Orgelbauer der Familie de Mare schuf und die 1609 Marten de Mare umarbeitete und wiederverwendete.
Rekonstruierte Disposition 1609:Dispositionen nach Ahrend, Dahlke: Dokumentation. 2008, S. 12–17. Manual CDEFGA–g2a2 Quintadena 16′ bis 1845? Principal 8′ bis 1766/1855 Rohrflöte 8′ Quintadena 8′ Oktav 4′ Flöte (gedeckt) 4′ Oktave 2′ Sesquialtera II Mixtur Trompete 8′
Umbau und Erweiterung durch Hinsz 1763–1766 Die ursprünglich kleine Leeraner Orgel wurde im Laufe von vierhundert Jahren zu einer großen Stadtorgel erweitert, ohne dass der Grundbestand erneuert wurde. Für 1685 und 1733–1734 sind Reparaturen belegt, wobei kein Orgelbauer namentlich genannt wird. Möglicherweise waren Joachim Kayser und Johann Friedrich Constabel tätig. Nach 1750 habe Dirk Lohman eine „grand restauration“ durchgeführt, was sich urkundlich aber kaum nachweisen lässt.Kaufmann: Orgeln in Ostfriesland. 1968, S. 153; Ahrend, Dahlke: Dokumentation. 2008, S. 11.
Einen eingreifenden Umbau, der nahezu einem Neubau gleichkam, nahm Albertus Antonius Hinsz (1763–1766) vor, der auch ein neues äußeres Gehäuse mit reichem barocken Schnitzwerk schuf, das zum Teil noch erhalten ist. Das innere Tragwerk des Hauptwerks ist wesentlich älter und stammt möglicherweise noch aus der de-Mare-Orgel, deren Proportionen sich noch im Prospekt widerspiegeln.Ahrend, Dahlke: Dokumentation. 2008, S. 75. Das neue Rückpositiv umfasste acht Register, die Orgel insgesamt 20 Register.Information zur Restaurierung der Orgel in der Großen Kirche zu Leer, S. 24, abgerufen am 13. April 2019.
Disposition 1766: Hauptwerk C–c3 Prinzipal Die Registerangaben folgen der Aufstellung auf der Windlade, beginnend mit dem Prinzipal im Prospekt. 8′ Hi/Ma? Quintatön 16′ Hi/Ma? Rohrflöte 8′ Ma Quintatön 8′ Ma Oktave 4′ Hi/Ma Quintflöte 3′ Hi Flöte 4′ Ma/Hi Oktave 2′ Ma/Hi Sesquialtera II Hi Mixtur III–VI B/D Hi/Ma? Trompete B/D 16′ Hi Trompete 8′ Ma Rückpositiv C–c3 Prinzipal 4′ Hi Gedackt 8′ Hi Flöte 4′ Hi Quintflöte 3′ Hi Waldflöte 2′ Hi Kornett III D Hi Sesquialtera II Hi Scharf III Hi Dulzian 8′ Hi Pedal C–d1 angehängt
Anmerkungen A
Ma = Marten de Mare (1608–1609 und vorher) Hi = Albertus Anthonius Hinsz (1763–1766)
Erweiterung durch Höffgen 1845–1850 mini|hochkant|Linker Pedalturm mit Blendflügel von 1845–1850 Johann Friedrich Wenthin überführte 1787 das Instrument nahezu unverändert in die heutige Kirche, die 1785–1787 gebaut wurde. Die durch die Umsetzung durcheinander geratenen kleinen Pfeifen wurden von Wenthin neu geordnet. Reparaturen und Jahrespflegen sind von Hinrich Just Müller (1800–1810), Wilhelm Eilert Schmid (?) (1811) und Herman Eberhard Freytag (1821) belegt.
In den Jahren 1845–1850 fand ein umfassender Erweiterungsumbau durch Wilhelm Caspar Joseph Höffgen und nach seinem Tod im Jahr 1849 durch Brond de Grave Winter und dessen Neffen Johann Visser statt. Höffgen rückte das Gehäuse vor, fügte ein selbstständiges Pedalwerk mit sechs Registern hinzu und setzte das Rückpositiv als Oberwerk mit einem neuen Prinzipal 8′ im Prospekt auf das Hauptwerk, was eine Erneuerung der Traktur nach sich zog. Der Prospekt wurde auf diese Weise erheblich verändert; Emder Bildhauer schufen neues Schnitzwerk. Des Weiteren ersetzte Höffgen einige Register. Die Orgel verfügte nun über 27 Register.
Disposition 1850: Hauptwerk C–c3 Prinzipal 8′ Hö/Wi Bordun 16′ Hö Rohrflöte 8′ Ma Quintatön 8′ Ma Oktave 4′ Hi/Ma Quinte 3′ Hö Flöte 4′ Ma Oktave 2′ Ma/Hi Sexquialter II Hi Mixtur III–VI Hi/Ma? Trompete 16′ Hi Trompete 8′ Ma/Hi/Wenthin Oberwerk C–c3 Prinzipal 8′ Hö/GW Oktave 4′ Hi Gedackt 8′ Hi Flöte 4′ Hi Quintflöte 3′ Hi Waldflöte 2′ Hi Flaute trav. 8′ Hö Scharf III Hi Dulzian 8′ Hi Pedalwerk C–d1 Subbass 16′ Hö Prinzipal 8′ Hö Gedackt 8′ Hö Oktave 4′ Hö Posaune 16′ Hö Trompete 8′ Hö
Ma = Marten de Mare (1608–1609 und vorher) Hi = Albertus Anthonius Hinsz (1763–1766) Hö = Wilhelm Höffgen (1845–1849) GW = Brond de Grave-Winter (1849–1850)
Ersatz von Registern 1888 und 1924 Entsprechend dem Zeitgeschmack mussten in den folgenden Jahrzehnten aufgrund der Maßnahmen von Gebr. Rohlfing (1888) und Friedrich Klassmeier (1924) weitere alte Register neuen weichen. Johann Diepenbrock (1900) arbeitete an der Traktur. Die 1917 für Rüstungszwecke abgegebenen zinnhaltigen Prospektpfeifen wogen 227 kg und wurden mit 1.770,65 DM erstattet. Sie wurden 1924 von Klassmeier durch Zinkpfeifen ersetzt.Siehe Ahrend, Dahlke: Dokumentation. 2008, S. 9.
Disposition 1929: Hauptwerk C–c3 Prinzipal 8′ Kl Bordun 16′ Hö Rohrflöte 8′ Ma Quintatön 8′ Ma Oktave 4′ Hi/Ma Quinte 3′ Hö Hohlflöte 4′ Ma Oktave 2′ Ma Gamba 8′ Ro Mixtur IV Hi/Ro/Ma Gedackt 4′ Kl Trompete 8′ Ma/Hi/Wenthin Oberwerk C–c3 Prinzipal 8′ Kl Oktave 4′ Hi Gedackt 8′ Hi Flaute 4′ Hi Aeolsharfe 8′ Kl Waldflöte 2′ Hi Flaute trav. 8′ Hö Salizional 8′ Kl Oboe 8′ Kl Pedalwerk C–d1 Subbass 16′ Hö Prinzipal 8′ Kl Gedackt 8′ Hö? Oktave 4′ Hö Posaune 16′ Hö Trompete 8′ Hö
Ma = Marten de Mare (1608–1609 und früher) Hi = Albertus Anthonius Hinsz (1763–1766) Hö = Wilhelm Höffgen (1845–1849) Ro = Gebr. Rohlfing (1888) Kl = Klassmeier (1923)
Restaurierung und Erweiterung durch Ott 1953–1955 mini|Rechtes Rückpositiv aus den 1950er Jahren Ungewöhnlich ist der heutige äußere Aufbau mit einem linken und einem rechten Rückpositiv, der auf Paul Ott (1953–1955) zurückgeht. Zuvor (1951) war die Orgelempore zu einer Chorempore umgebaut worden. Ott veränderte auch den Prospekt, vergrößerte die Pedalgehäuse auf 16-Fuß-Höhe und beseitigte einen großen Teil des Schnitzwerks einschließlich der Gehäusebekrönungen. Er schuf den freistehenden Spieltisch mit einer neuen Mechanik und erweiterte den Klaviaturumfang. Höffgens Oberwerksgehäuse stand seitdem leer. Ott übernahm bei seiner Erweiterung der Orgel 19 ältere Register. Die Registerzahl war auf 37 Stimmen angewachsen.
Konsolidierung durch Ahrend & Brunzema 1963–1971 In verschiedenen Bauabschnitten konsolidierten Ahrend & Brunzema von 1963 bis 1971 die Orgel (zunächst Hauptwerk und Pedal, 1971 die Rückpositive). Alle sieben modernen Zungenregister wurden erneuert, das gesamte Pfeifenwerk neu intoniert, Einzelpfeifen ersetzt, die Windladen überarbeitet und die Windversorgung durch zwei neue Magazinbälge verbessert.
Disposition von 1971: I Rückpositiv (links) C–f3 Gedackt 8′ Hi Praestant 4′ Ott Blockflöte Altmaterial 4′ Ott Waldflöte Ab dis0 aus diversen Pfeifenreihen zusammengestellt 2′ Hi Quinte ′ Ott Scharff IV–V Ott Dulcian 8′ A&B Sordun 16′ A&B Tremulant II Hauptwerk C–f3 Praestant gis1–a2 de Mare und 18. Jh. aus Oktave 4′ 8′ MA/MM/Ott Quintadena cs0–f3 de Mare, Einzeltöne Hinsz 16′ MA/Ott Rohrflöte C–c3 de Mare vor 1609 / Änderung 1609 8′ MA/MM Oktave 4′ MA/MM/Hi/A&B Quinte Um 2 Halbtöne aufgerückt ′ Hö Spitzflöte Neu, teilweise altes Material von Hinsz (foliiert) 4′ Ott Oktave C–f1 de Mare / Umarbeitung Hinsz 2′ MA/Hi/Ott Sesquialtera II ′-Chor aus Gamba 8′ Rohlfing Ro/Ott Mixtur V–VI Ott Terzzimbel III Ott Trompete 16′ A&B Trompete C–c3 Kehlen de Mare, Becher 18. Jh. 8′ MA/Hi/Wenthin III Rückpositiv (rechts) C–f3 Gedackt 8′ Ott Rohrflöte 4′ Hi Rohrnasat ′ Ott Praestant 2′ Ott Tertian II Ott Quintcimbel III Ott Oktave 1′ Ott Regal 8′ A&B Tremulant Pedal C–f1 Offenbass 16′ Ott Subbass 16′ Hö Oktave 8′ Ott Oktave 4′ Hö Nachthorn Ott-Umarbeitung aus HW Hohlflöte 4′ 2′ Ma Mixtur III–IV Kl/Ott Posaune 16′ A&B Trompete 8′ A&B Kornett 2′ A&B
Koppeln: II/P, I/P, III/II, I/II.
MA = vermutlich Andreas de Mare (Kloster Thedinga, vor 1609) MM = Marten de Mare unter Verwendung älterer Stimmen aus dem Kloster Thedinga (1608/1609) Hi = Albertus Anthonius Hinsz (1763/1766) Hö = Wilhelm Höffgen, Brond de Grave-Winter (1845–1850) Ro = Rohlfing (1888) Kl = Klassmeier (1924) Ott = Paul Ott (1953–1955) A&B = Ahrend & Brunzema (1963–1971)
Anmerkungen B
Restaurierung durch Hendrik Ahrend 2014–2018 mini|links|Neuer Spieltisch von Hendrik Ahrend mini|hochkant|Registerzüge an der rechten Seite LKMD Winfried Dahlke, Leiter des Organeum (Weener) und Organist an der Großen Kirche, inventarisierte die Tonbuchstaben auf dem alten Pfeifenbestand im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts (2006–2008) und erstellte in Zusammenarbeit mit Jürgen Ahrend eine Dokumentation der Forschungsergebnisse und der Baugeschichte der Orgel.Ahrend, Dahlke: Dokumentation. 2008/2011. Diese Untersuchung bildete die Grundlage für die Restaurierung, für die sich der Kirchenbauverein der Großen Kirche einsetzte. Angesichts des gewachsenen Bestandes war eine Rekonstruktion auf einen bestimmten früheren Zustand nicht sinnvoll, sodass eine Konservierung des historischen Materials angestrebt wurde und nur spätere mangelhafte Veränderungen rückgängig gemacht werden sollten. Eine internationale Expertengruppe beriet auf einer Orgelkonferenz im Januar 2012 über ein mögliches Restaurierungskonzept.ostfriesischelandschaft.de: Orgelkonferenz 11.–13. Januar 2012, abgerufen am 13. April 2019.