mini|Brandung des Atlantiks bei Montauk
Montauk ist eine Erzählung des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Sie erschien erstmals im September 1975 und nimmt in seinem Werk eine Sonderstellung ein. Zwar waren auch Frischs frühere Figuren oft autobiografisch geprägt, die Geschichten aber fiktiv. In Montauk dagegen heißt der Protagonist wie sein Autor, und er berichtet ein authentisches Erlebnis: ein Wochenende, das Frisch mit einer jungen Frau an der amerikanischen Ostküste verbrachte.
Die befristete Liebesaffäre nimmt Frisch zum Anlass für eine Rückschau auf die eigene Biografie. Er berichtet von den Frauen, mit denen er verbunden war, und seinen gescheiterten Beziehungen. Weitere Reflexionen gelten dem Alter, der Nähe zum Tod sowie der wechselseitigen Beeinflussung von Leben und Werk. Auch die Entstehung des Textes Montauk selbst wird zum Thema der Erzählung: Als Gegenentwurf zum bisherigen Werk beschreibt Frisch seinen Entschluss, das Wochenende zu dokumentieren, ohne dem direkten Erleben etwas hinzuzufügen.
Bei seinem Erscheinen löste Montauk sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Die ehemaligen Partnerinnen Frischs sahen sich durch die offenen Schilderungen ihrer Vergangenheit kompromittiert. Manche Leser fühlten sich durch die Selbstentblößung Frischs peinlich berührt. Andere Kritiker feierten die Erzählung als das bedeutendste Werk des Autors und lobten die Leistung, das eigene Leben zu einem literarischen Kunstwerk zu verarbeiten. Marcel Reich-Ranicki nahm Montauk in seinen Kanon der deutschen Literatur auf.
Inhalt mini|Leuchtturm von Montauk mini|Sonnenaufgang bei Montauk mini|Blick auf das UN-Hauptquartier von der Kreuzung First Avenue / 46th Street
Die Rahmenhandlung der Erzählung Montauk beschreibt das Wochenende des 11. und 12. Mai 1974, das eine Lesereise des Erzählers, des literarischen Alter Ego seines Autors Max Frisch, durch die Vereinigten Staaten beschließt. Zwei Tage später, einen Tag vor seinem 63. Geburtstag, ist Frischs Rückflug nach Europa gebucht. An seiner Seite befindet sich Lynn, eine 30-jährige Verlagsangestellte, die ihn während der Reise betreuen soll, vom Werk des Autors aber keine Zeile gelesen hat. An ihrem letzten Wochenende kommen Lynn und Frisch einander näher und unternehmen einen Ausflug nach Long Island zum Dorf Montauk an der Atlantikküste.
Für den Autor erwächst an diesem Wochenende das Verlangen, die gemeinsamen Tage zu beschreiben, ohne etwas zu den Geschehnissen hinzuzufügen. Dabei löst Lynns Gegenwart in Frisch Reflexionen und Erinnerungen aus. Er sinniert über das Alter und sein zunehmendes Gefühl, eine Zumutung für andere zu sein, sowie seinen Erfolg und dessen Wirkung auf Neider, Verehrer und Frauen. Frisch gibt intime Details aus seinem Leben preis, das Sterben seiner Mutter, seine Impotenz und vier Schwangerschaftsabbrüche bei drei Frauen.
Auch über sein Werk reflektiert der Autor, angefangen von der parallelen Arbeit des jungen Architekten auf der Baustelle und als Verfasser erster Theaterstücke bis zu den immer gleichen Fragen, die seine späteren Romane auf Presseterminen auslösen. Frisch zeigt sich unzufrieden mit seinen Geschichten, mit denen er lediglich das Publikum bedient, aber weite Teile seines eigenen Lebens vor sich verschwiegen habe. Er hat das Gefühl, sein eigentliches Selbst durch sein Werk verraten zu haben.
In einer längeren Episode erinnert sich Frisch an seinen Jugendfreund und Mäzen W., von dem er sich in seiner Jugend dominiert fühlte. Mit Frischs Erfolgen und der Unfähigkeit seines Freundes, ihn als Schriftsteller zu akzeptieren, endete ihre Freundschaft, die Frisch rückblickend als unheilvoll begreift. Eine andere Episode enthüllt Frischs Unvermögen in der Zeit seiner ersten Ehe, mit einer gelähmten Nachbarin umzugehen, die sich als seine erste Liebe entpuppt.
Vor allem Frischs ehemalige Gefährtinnen stehen im Mittelpunkt der Erzählung. Lynn löst Erinnerungen an ihre Vorgängerinnen aus, angefangen von der Jüdin Käte, dem realen Vorbild der Hanna aus Homo faber, der ersten Ehefrau Gertrud Frisch-von Meyenburg, genannt „Trudy“, der getrennt von ihm lebenden Marianne Frisch, die er noch immer liebt, bis zur von Hörigkeit und Eifersucht geprägten Beziehung zu Ingeborg Bachmann. Angesichts des nicht mehr fernen Todes möchte Frisch keine Frau an seine Zukunftslosigkeit binden. Er wünscht sich, Lynn sei die letzte Frau in seinem Leben. Gleichzeitig ist beiden klar, dass ihre Beziehung auf dieses eine Wochenende beschränkt bleiben wird und sie danach nicht wieder in Kontakt treten wollen. Frisch hofft, dass Lynn nicht, wie die Frauen zuvor, der Name für eine Schuld werden wird.
Am Ende der Erzählung gehen Lynn und Frisch in New York mit einem „Bye“ auseinander. An der Kreuzung von First Avenue und 46th Street sieht Frisch der davongehenden Lynn nach, die sich nicht noch einmal nach ihm umdreht.
Form
Aufbau und Stil Max Frisch selbst bezeichnete Montauk im Untertitel als Eine Erzählung. Damit hob er die literarische Form des Textes hervor, der trotz seines autobiografischen Inhalts weder Autobiografie noch Bericht oder Tagebuch ist.Marcel Reich-Ranicki: Max Frisch. Ammann, Zürich 1991, ISBN 3-250-01042-1, S. 83. Zum Teil wird das Buch auch als Roman klassifiziert. Marcel Reich-Ranicki sah die Prosa in ihrem „Reichtum an Figuren und Episoden […] romanhaft“, obwohl ihr Umfang der klassischen Romandefinition von E. M. Forster kaum genüge.Julian Schütt: Sind Sie fertig? Ich habe zu arbeiten. Interview mit Marcel Reich-Ranicki. In: Die Weltwoche, 32 / 2005.
Der Erzählstil wird am Anfang der Erzählung ironisch gespiegelt: ein Schild mit der Aufschrift „overlook“ verspricht eine Aussicht über die Insel, die nicht eingehalten wird. Stattdessen gibt es „einen Pfad, der durch das Gestrüpp führt […] Es ist eine Art von Pfad, nicht immer deutlich, ein verwilderter Pfad.“Frisch: Montauk (1981), S. 7–8. In der gleichen Weise wird auch der Leser, dem ein Überblick über Frischs Leben versprochen worden ist, auf einen Pfad geschickt, der durch seine „assoziative Erzählweise geeignet [ist], den Leser zu verwirren“. Nicht immer ist klar, „von welcher Frau gerade gesprochen wird“.Klaus Müller-Salget: Max Frisch. Reclam, Stuttgart 1996, ISBN 3-15-015210-0, S. 132. Der Stil ist sprunghaft, „es ist nicht leicht, sich einzulesen“. Details werden oft nur angedeutet, so dass sie einem Leser ohne Kenntnis von Frischs Biografie nicht auf Anhieb verständlich sind. Schon der Titel der Erzählung Montauk ist doppeldeutig, meint den tatsächlichen Ort genauso wie das aus Ort und Zeit gefallene Fremde, richtet den Blick des Lesers eher auf die Peripherie des Geschehens als auf ihr Zentrum.Knapp: Noch einmal: Das Spiel mit der Identität. Zu Max Frischs Montauk, S. 288.
Die Erzählung besteht aus einer Collage von gegenwärtigen Szenen und erinnerten Lebenssituationen, durchbrochen von typografisch in Kapitälchen hervorgehobenen, als Leitmotiv eingesetzten Stichworten, Zitaten, Ortsangaben, Small-Talk-Einsprengseln oder interviewhaften Fragen Lynns. Frisch verwendete eine weiterentwickelte Form seines Stils des literarischen Tagebuchs. Die Reihung der mosaikhaften Daten und Ereignisse ist zwar chronologisch, aber ohne Kausalität.vom Hofe: Zauber ohne Zukunft, S. 347, 359. Insgesamt 192 einzelne Szenen variieren in ihrer Länge vom Einzeiler bis zur in sich geschlossenen 21-seitigen Kurzgeschichte über Frischs Jugendfreund.Heidenreich: Max Frisch: Stiller, Mein Name sei Gantenbein, Montauk, S. 124–129. Marcel Reich-Ranicki beurteilte Frischs Stil in der Erzählung: „Nie hat er knapper und karger und zugleich präziser und prägnanter, nie anschaulicher und anregender geschrieben.“Reich-Ranicki: Max Frisch, S. 87. Der Dokumentarfilmer Richard Dindo hob auf die Visualität der Schreibweise ab: „Man hat beim Lesen den Eindruck, der Autor erlebe und beschreibe einen Film. Es ist, als ob er einen ‚fotografischen Blick‘ auf die Dinge werfen würde.“Richard Dindo: Die Beziehung zum Bild. In: Luis Bolliger (Hrsg.): jetzt: max frisch. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-518-39734-6, S. 218.
Erzählposition Das Programm für die Erzählperspektive in Montauk gibt Frisch in der Erzählung selbst vor: „Ich möchte diesen Tag beschreiben, nichts als diesen Tag, unser Wochenende und wie’s dazu gekommen ist, wie es weiter verläuft. Ich möchte erzählen können, ohne irgendetwas dabei zu erfinden. Eine einfältige Erzähler-Position.“Frisch: Montauk (1981), S. 82. Die direkte Wiedergabe der Ereignisse fordert einen Erzähler, der eine Beobachterrolle einnimmt. Die eher äußerliche Beziehung von Lynn und Frisch erhält ihren adäquaten Ausdruck in der Er-Form der Erzählung.Vgl. zum Abschnitt: Petersen: Max Frisch, S. 151–153.
Demgegenüber steht das in den Rückblenden und Reflexionen verwendete Ich für Max Frisch, den Schriftsteller und Menschen mit all seinen Erinnerungen und Ängsten, seinen Erfolgen und seinem privaten Scheitern. Ich- und Er-Form bieten zwei Blickwinkel auf dieselbe Figur. Die Perspektive der Erzählung springt, je nach Erzählgegenstand, fortwährend von der Er- in die Ich-Form und wieder zurück. Erst am Ende, als sich das Erleben des Wochenendes bereits in Erinnerung verwandelt, bleibt nur noch das Ich. Das Du der Erzählung ist für Marianne reserviert, Frischs zweite Frau. Es zeigt Frischs Fixierung, die auch Lynn erkennt: „you love her.“Frisch: Montauk (1981), S. 187.Vgl. zum Abschnitt: Müller-Salget: Max Frisch, S. 134–136.
In seinem Tagebuch 1966–1971 findet sich Frischs theoretische Auseinandersetzung mit der Erzählposition im Abschnitt Vom Schreiben in der Ich-Form. Darin sieht er die Ich-Form direkter, aber auch in der Gefahr zur Zumutung für den Leser zu werden. Manche Sätze gewännen nur in der Ich-Form Objektivität, in der Er-Form wirkten sie feige. Für eine „maximale Aufrichtigkeit gegenüber sich selbst“ vermöge dagegen die Er-Form mehr. „Zu Anfang ist es leichter mit der ER-Form als später, wenn die bewußten oder unbewußten ICH-Depots in mannigfaltiger ER-Form notorisch geworden sind; nicht weil der Schreiber sich als Person wichtiger nimmt, aber weil die Tarnung verbraucht ist, kann er sich später zur blanken ICH-Form genötigt sehen.“Max Frisch: Tagebuch 1966–1971. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-518-36756-0, S. 308–310.
Interpretation mini|Montaigne, von dem das Motto der Erzählung stammt, in einer Lithographie von François-Séraphin Delpech