Die Hoechst AG – bis 1974: Farbwerke Hoechst AG, vorm. Meister, Lucius & Brüning – in Frankfurt am Main war eines der drei größten Chemie- und Pharmaunternehmen Deutschlands. Es wurde 1863 im damals nassauischen Höchst am Main gegründet und wuchs bis zum Ersten Weltkrieg zu einem Weltunternehmen. 1925 fusionierte es mit anderen Unternehmen zur I.G. Farbenindustrie AG und wurde 1951 nach der Entflechtung der I.G. Farben neu gegründet.
Durch Unternehmensübernahmen und Investitionen in neue Produkte wuchs Hoechst zu einem Großkonzern. Mitte der 1950er Jahre überschritt der Jahresumsatz erstmals eine Milliarde DM, 1969 die Marke von 10 Milliarden DM. Anfang der 1980er Jahre war Hoechst das nach Umsatz größte Pharmaunternehmen der Welt. Anfang der 1990er Jahre erreichte der Konzern mit 180.000 Beschäftigten, einem Jahresumsatz von 47 Milliarden DM und einem Gewinn von über vier Milliarden DM seine größte Ausdehnung.
1994 begann die Neuausrichtung und Umstrukturierung der Hoechst AG. Das ehemalige Stammwerk wurde 1997 zum Industriepark Höchst. Nach der Überführung in eine Holding schloss sich die Hoechst AG 1999 mit Rhône-Poulenc zur Aventis S.A. mit Sitz in Straßburg zusammen und spaltete die Chemieaktivitäten außerhalb der Pharmazie in der Celanese AG ab bzw. verkaufte sie (z. B. Farben und Pflanzenschutzmittel) u. a. an Clariant und Bayer.
Aktie Die Hoechst AG gehörte dem DAX seit seiner erstmaligen Berechnung 1988 bis zum 20. September 1999 an und blieb noch bis Ende Dezember 2004 als deutsche Zwischenholding der Aventis an der Frankfurter Wertpapierbörse notiert. Nach der Fusion von Aventis mit Sanofi-Synthélabo zu Sanofi-Aventis 2004 verschwand der Name Hoechst endgültig aus der Öffentlichkeit.Verkauf der Hoechst-Minderheiten an Aventis beschlossen 22. Dezember 2004.
Name und Firmenlogo Die Bezeichnung Farbwerke Hoechst war seit der Firmengründung umgangssprachlich immer in Gebrauch und wurde erst ab 1951 offiziell im Firmennamen aufgenommen. Er ist vom Unternehmenssitz in der ehemals selbständigen Stadt Höchst am Main abgeleitet. Die Schreibweise ohne Umlaut war im Unternehmen immer gebräuchlich, denn die Internationalisierung des Unternehmensgeschäfts war bereits weit vor dem Ersten Weltkrieg gelungen.
Kurz nach Gründung einer „Theerfarbenfabrik Meister, Lucius & Co“ (1863) änderte sich der Name in „Farbwerke Meister, Lucius & Brüning“ (1865). Nach der Umwandlung in eine AG mit dem Namen „Farbwerke vorm. Meister, Lucius & Brüning AG“ (1880) tauchte auf den ersten Pharmaverpackungen der stilisierte Löwe mit den Initialen ML&B auf (Antipyrin, 1883). Dieses älteste Firmenlogo zeigt einen liegenden Löwen, das nassauische Wappentier, der in der rechten Pranke ein Wappen mit den ineinander verschlungenen Initialen MLB (Meister, Lucius & Brüning) hält. Laut Archivunterlagen soll er bereits ab 1877 verwendet worden sein.
Kurz vor dem Zusammenschluss aller Chemiekonzerne in einer „IG-Farbenindustrie AG“ 1925 verwendete Hoechst auf Pharmaverpackungen zwei vereinfachte Logos „Hoechst“ in blauem Kreis und „ML&B“ in einem zweiten Kreis (Insulin, 1923).
Während der IG-Farbenzeit 1925–1951 trugen Pharmaverpackungen aus Höchst neben der Herstellerangabe „IG-Farbenindustrie AG, pharmazeutische Abteilung, Verkaufsstelle Höchst“ weiterhin die Initialen „ML&B“ in einem Kreis (Novocain).
Nach Liquidation der IG-Farben 1952 lautete der neue Firmenname „Farbwerke Hoechst AG vorm. Meister, Lucius & Brüning“ und als kreisförmiges Logo wurde erstmals die symbolische Darstellung der Brücke verwendet (Nirosan).
Bereits 1947 gestaltete der Frankfurter Dozent Richard Lisker für den Konzern ein Logo aus Turm und Brücke, einer stilisierten Darstellung des heute denkmalgeschützten Behrens-Baus,Geschichte des Hoechster Markenlogos. Dieser Entwurf mit mittenzentrierter Darstellung von Brücke und Turm wurde 1951 vom Frankfurter Graphiker Rober Smago überarbeitet.Weltreisender in Chemie, Kurt Lanz, 1980, S. 42. Der Turm rückte nunmehr an die linke Seite, während die Brücke nach rechts anstieg. Dieses endgültige Symbol wurde 1952 markenrechtlich geschützt. Markenregister Nr. 633916 vom 30. Januar 1952, verfallen am 30. Januar 2002.
1966 gelang Hoechst die „Quadratur des eigenen Kreises“, das kreisförmige Logo versank in einer quadratischen Umrandung. Die hinzu gewonnene Fläche sollte in intensivem Blau Aufmerksamkeit erwecken. Dieses endgültige Symbol wurde 1966 markenrechtlich geschützt. Markenregister Nr. 842775 vom 31. August 1966, als Farbvarianten wurden verschiedene Blautöne wie Königsblau, Ultramarin oder Hellblau genutzt. – Diese Bildmarke wird seit 2006 durch eine „Hoechst GmbH Frankfurt“ aufrechterhalten. In dieser Form war das Markenzeichen bis in das 21. Jahrhundert an zahlreichen Apotheken als Reklameschild zu sehen.
1974 verzichtete der Konzern auf die Nennung historischer Gründernamen und vereinfachte den Unternehmensnamen zu Hoechst Aktiengesellschaft. Als Signet diente der Schriftzug „Hoechst“ mit rechtsstehendem Logo von 1966.Drei Generationen von Hoechster Logos.
1997 ließ sich die Hoechst Managementholding-Gesellschaft zur Abgrenzung von der früheren Hoechst AG vom Wuppertaler Designer Hans Günter Schmitz ein neues Firmensymbol kreieren. Als Signet diente nun – nach zweieinhalbjähriger „Entwicklungsarbeit“ – der Schriftzug „Hoechst“ mit simplem rechts hochgestellten Quadrat. Kritiker bezeichneten das neue Logo in Leserbriefen scherzhaft als passend zur neuen Unternehmenskultur – kleinkariert und etwas abgehoben.Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. März 1997. Nach Unternehmensdarstellung solle das neue Logo positive Assoziationen wie Ideenpotential, Qualität, Weiterentwicklung und Kreativität symbolisieren. Mit Turm und Brücke, die das Behrens-Bauwerk im Stammwerk symbolisieren, könnten nur Frankfurter etwas anfangen. Hoechst sei aber kein Frankfurter, sondern ein internationales Unternehmen.Viele Gedanken um wenige Striche: Wenn Unternehmen ein Zeichen setzen. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 1. März 1998.
Pikanterweise beansprucht die Rechtsnachfolgerin Sanofi-Aventis noch heute die Aufrechterhaltung der alten Markenrechte von 1966 und verhindert juristisch eine Nutzung durch Dritte. Zur Bekräftigung dieser Ansprüche meldete 2011 eine „Hoechst GmbH Frankfurt“ das Logo von 1966 nochmals als eigene Wort-Bildmarke an. Markenregister Nr. 302011062783 vom 18. November 2011. 2015 findet man bei den Nachfolgefirmen das Hoechst-Logo noch als Prägung auf Urbasontabletten.
Unternehmensgeschichte 1863 bis 1914 mini|Erstes Rundschreiben der Farbenfabrik von Januar 1863 mit den Unterschriften der Unternehmensgründer Meister, Lucius und Müller mini|links|Bau- und Betriebsgenehmigung für die Farbenfabrik durch die herzoglich-nassauische Verwaltung, 4. Juni 1862 mini|links|Aktie der Farbwerke von 1881 Am 2. Januar 1863 morgens nahm die von Carl Friedrich Wilhelm Meister, Eugen Lucius und Ludwig August Müller gegründete Theerfarbenfabrik Meister, Lucius & Co. ihren Betrieb auf. Das Betriebsgelände lag direkt am Ufer des Mains in der kleinen Stadt Höchst, die seit 1928 ein Stadtteil von Frankfurt am Main ist. Obwohl die Gründer Bürger der Freien Stadt Frankfurt waren, gründeten sie ihr Unternehmen im benachbarten Herzogtum Nassau, das im Gegensatz zum industriefeindlichen Handels- und Finanzzentrum Frankfurt die Ansiedlung von Industriebetrieben förderte.
Nach Müllers Ausscheiden 1865 übernahm der bisherige Technische Direktor Adolf von Brüning dessen Anteile. Er wird deshalb oft auch als Gründungsmitglied bezeichnet. Seit Brünings Eintritt firmierte das Unternehmen als Farbwerke Meister, Lucius & Brüning.
Die Fabrik stellte zunächst die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so bezeichneten Teerfarben her. Sie waren im Gegensatz zu anderen damaligen Farbstoffen wie Indigo oder Krapp kostengünstig aus dem Steinkohlenteer, einem Abfallstoff der Kokserzeugung, zu gewinnen. Zunächst stellte die Fabrik Fuchsin und Anilin her, ab 1864 auch das von Lucius und Brüning entwickelte Aldehydgrün (ein Derivat des Fuchsins).Eugen Lucius erhielt das erste Patent für das Aldehydgrün am 25. Januar 1864 in England. (Nach Lit. Carl Groß: Die Entwicklung von Industrie und Handel in Höchst.) Dies war der erste grüne Textilfarbstoff, der auch bei Gaslicht seinen Farbton behielt. Als es gelang, die französische Kaiserin Eugénie als Kundin zu gewinnen und an die Textilindustrie in Lyon große Mengen der Höchster Farbstoffe zu liefern, brachte dies den Durchbruch für das neugegründete Unternehmen.
1869 brachten die Farbwerke den roten Farbstoff Alizarin (Krapprot) auf einen hart umkämpften Markt. Dank eines neuen patentierten Verfahrens von Ferdinand Riese wurde es rasch zum erfolgreichsten Produkt. Umgehend begann man mit der Verlagerung der Produktion auf ein etwa einen Kilometer flussabwärts gelegenes Gelände, das wesentlich mehr Platz für neue Fabrikanlagen bot. Das neue im Volksmund bald Rotfabrik genannte 1874 fertiggestellte Werk wurde später in mehreren Etappen erweitert und bildet heute den Industriepark Höchst.
mini|links|Siedlung Colonie in Zeilsheim mini|Ausdehnung der Farbwerke 1888 mini|Arbeiter im Naphtholbetrieb im Jahr 1894 mini|Hauptkontor der Farbwerke im Jahr 1893 Um die schnell wachsende Zahl von Arbeitern mit ihren Familien zu versorgen, entwickelten die Gründer eine Reihe von für die damalige Zeit vorbildlichen betrieblichen Sozialleistungen. Die 1874 gegründete Hilfskasse für erkrankte Arbeiter war eine Betriebskrankenkasse, die auch die soziale Sicherung der Arbeiter und ihrer Angehörigen bei Unfall, Invalidität, Berufskrankheiten, Alter und Tod übernahm. Der Werksärztliche Dienst war ein Pionier in der Erforschung von Berufskrankheiten. Von 1874 bis 1875 wurden die ersten Arbeiterwohnungen in der Siedlung Seeacker in Höchst gebaut, später auch in Unterliederbach und in der Zeilsheimer Siedlung Colonie. 1879 richtete Brüning die Kaiser-Wilhelm-Augusta-Stiftung ein, eine Pensionskasse für Höchster Arbeiter, die auch Hypothekendarlehen für den Hausbau gewährte; sie finanziert heute als Höchster Pensionskasse VVAG auf dem freien Markt zinsgünstig Immobilien.
1880 wurden aus dem kleinen Unternehmen die Farbwerke vorm. Meister, Lucius & Brüning AG, die bald darauf ihre Wertschöpfungskette verlängerte. Seit 1881 stellte die Rotfabrik auch Vorprodukte wie anorganische Säuren her,Siehe auch . 1883 begann die Produktion von synthetischen Arzneimitteln. Die ersten erfolgreichen Arzneimittel der Farbwerke waren das schmerzstillende und fiebersenkende Antipyrin sowie ein von Emil von Behring entwickeltes Immunserum gegen Diphtherie. 1897 kam das Pyramidon (Aminophenazon) hinzu, welches etwa dreimal wirksamer als das Antipyrin war.
In den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg wuchs das Unternehmen zu einem Weltkonzern, der 88 Prozent seiner Produktion exportierte. Auch Produktionsanlagen entstanden im Ausland, zunächst 1878 in Moskau, 1883 in Creil bei Paris und 1908 in Ellesmere Port bei Manchester. 1900 gründeten die Farbwerke ein neues Werk in Gersthofen bei Augsburg. Die Wasserkraft des Lech wurde dabei für die energieintensive Synthese von Indigo genutzt.
1904 bildeten die Farbwerke Höchst mit den Cassella Farbwerken durch wechselseitige Kapitalverflechtungen und Lieferbeziehungen den Zweibund, der 1907 durch den Beitritt der Chemischen Fabrik Kalle in Biebrich zum Dreibund wurde.
Friedrich Stolz synthetisierte 1904 in den Labors der Farbwerke das Adrenalin. Es war das erste Hormon, dessen Struktur genau bekannt war und das in reiner Form hergestellt werden konnte. 1905 entwickelte Alfred Einhorn mit Novocain das erste nicht-süchtigmachende Lokalanästhetikum. 1910 begannen die Farbwerke in Höchst mit der Produktion des ein Jahr zuvor von Paul Ehrlich entwickelten Salvarsan. Im Jubiläumsjahr 1913 hatte das Unternehmen, das noch immer mehrheitlich im Besitz der Gründerfamilien war, einen Weltumsatz von 100 Millionen. Es beschäftigte allein in Höchst rund 9000 Mitarbeiter.