323x323px|mini|Tonhalle Zürich, renoviert 2017–2021Die Tonhalle ist seit 1895 Zürichs Konzerthaus, Heimstätte des 1868 gegründeten Tonhalle-Orchesters Zürich. Beim Neubau des Kongresshauses Zürich 1936 wurden die seit 1895 bestehenden Tonhalle-Konzertsäle in den neuen Gebäudekomplex integriert. Der Saal der Grossen Tonhalle mit seiner berühmten Akustik bietet 1430 Plätze (816 im Parkett, 614 auf Galerie und Balkon), die Kleine Tonhalle bietet 609 Plätze (Parkett und Balkon). Beim Umbau des Kongresshauses 2017 bis 2021 wurden die Konzertsäle der Tonhalle renoviert und ihre Farbigkeit und Ornamentik der Gründerzeit wiederhergestellt.Inga Mai Groote, Laurenz Lütteken, Ilona Schmiel (Hrsg.): Tonhalle Zürich 1895–2021. Bärenreiter Verlag, Kassel 2021, ISBN 978-3-7618-2608-9. (deutsch, englisch)
Die 1868 gegründete Tonhalle-Gesellschaft Zürich übernahm den 1862 gegründeten Orchesterverein als Tonhalle-Orchester Zürich und organisiert pro Saison mehr als 150 Konzerte (Stand 2022). Die Tonhalle-Gesellschaft Zürich wird als Trägerschaft subventioniert von der Stadt Zürich und ist seit 2020 eine Aktiengesellschaft. Der ehrenamtliche Verwaltungsrat besteht aus 11 Mitgliedern, davon vier Vertretungen der öffentlichen Hand und zwei Vertretungen des Personals.
Geschichte
Vorgeschichte Aus dem reformierten Psalmengesang in der Kirche und der häuslichen Musikpflege entwickelten sich im 17. Jahrhundert mehrere bürgerliche Musikgesellschaften mit Laienorchestern.Gute Übersicht in: Bernhard Hangartner, David Reissfelder (Hrsg.): Musik in Zürich, ein Stadtführer: Menschen, Orte, Institutionen. Chronos Verlag, Zürich 2021, ISBN 978-3-0340-1641-4, S. 217–220 betr. Tonhalle, Tonhalle-Gesellschaft, Tonhalle-Orchester. Sie schlossen sich im Jahr 1812 zusammen unter dem Namen Allgemeine Musik-Gesellschaft Zürich (AMG).Claudia Heine: Musikgesellschaften. In: Bernhard Hangartner, David Reissfelder (Hrsg.): Musik in Zürich, ein Stadtführer: Menschen, Orte, Institutionen. Chronos Verlag, Zürich 2021, ISBN 978-3-0340-1641-4, S. 150–152. Damit entstand, unter Beizug von Berufsmusikern, ein Liebhaberorchester von ungefähr 50 Musikern. Für ein halbes Jahrhundert war die AMG die wichtigste Institution für öffentliche Konzerte.Max Fehr: Hans Conrad Ott-Usteri und seine Aufzeichnungen über das zürcherische Musikleben 1834–1866. (= Neujahrsblatt der Allgemeinen Musik-Gesellschaft in Zürich. 115). Orell Füssli, Zürich 1927. Ihr Orchester lieh sie für Opernaufführungen dem 1834 gegründeten Aktientheater im Casino aus. Dieser Theatersaal stand, wie der erste Konzertsaal, in den Bauten des ehemaligen Barfüsserklosters zwischen Hirschengraben und Neumarkt. Dieses erste ständige Theater erlebte unter der Direktorin Charlotte Birch-Pfeiffer (1800–1868) bis 1843 eine Blütezeit. Im Saal fanden auf 100 Bänken etwa 400 Leute Platz.David Reissfelder: Opernhaus. In: Bernhard Hangartner, David Reissfelder (Hrsg.): Musik in Zürich, ein Stadtführer: Menschen, Orte, Institutionen. Chronos Verlag, Zürich 2021, ISBN 978-3-0340-1641-4, S. 159–161. 1846 endete diese Zusammenarbeit, und die Orchesterfrage beschäftigte die Institutionen weiterhin, und dies auch im 20. Jahrhundert.
Von 1850 an wirkte Richard Wagner als Publikumsmagnet, doch blieben die engen Verhältnisse bestehen, worauf er sich 1855 aus dem Konzertleben Zürichs zurückzog. Aber in der Stadt war der Wunsch nach einem stehenden Orchester für Theater und Konzerte sowie nach einem grossen Konzertsaal geweckt.
«Alte Tonhalle» mini|Alte Tonhalle beim heutigen Sechseläutenplatz, 1895 1867 wurde das Kornhaus am See, auf dem heutigen Sechseläuten-Platz, für das Fest der Schweizerischen Musikgesellschaft zur Festhalle umgebaut. Sie fasste ein Publikum bis zu 3600 Personen, und das Podium bot Platz für ein Orchester von 100 Mann und über 500 Sängern. Es war die grosse Zeit der Liedertafeln, der Männerchöre und der patriotischen Feiern. Dann entstand hier ein Konzertsaal mit 1400 Sitzplätzen, samt einem Restaurant mit Palmengarten. Die Halle diente dem Konzertleben, trotz akustischen Mängeln, für fast 30 Jahre. 1890 wurde nebenan ein neues Stadttheater gebaut, das heutige Opernhaus Zürich.
Gründung der Tonhalle-Gesellschaft 1868 bildete sich die Tonhalle-Gesellschaft, welche den 1862 gegründeten Orchesterverein von etwa 30 Instrumentalisten, meist Liebhabern, übernahm, der nun zum Tonhalle-Orchester wurde. Von der Stadt mietete die Tonhalle-Gesellschaft das Gebäude. Die Chöre waren treibende Kräfte, so der 1841 als Männerchor gegründete Sängerverein Harmonie Zürich, und der 1863 gegründete Gemischte Chor Zürich, der von Friedrich Hegar geleitet wurde. Hegar wurde im Tonhalle-Orchester erster Geiger, dann Kapellmeister und hat während fast vier Jahrzehnten als Dirigent, auch als Komponist und Direktor des Konservatoriums, das Musikleben Zürichs geprägt.Dominique Ehrenbaum: Friedrich Hegar. In: Bernhard Hangartner, David Reissfelder (Hrsg.): Musik in Zürich, ein Stadtführer: Menschen, Orte, Institutionen. Chronos Verlag, Zürich 2021, ISBN 978-3-0340-1641-4, bes. S. 80–81.
Eine Orgel, 1872 durch die Firma Orgelbau Kuhn in Männedorf in den Saal eingebaut (siehe unten), wurde von Mäzenen und durch Benefizkonzerte der Chöre, besonders des Gemischten Chores Zürich und des Männerchores Harmonie, finanziert. Sie erklang zum ersten Mal bei zwei Aufführungen der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach, je vor 2300 Zuhörern, unter Mitwirkung der Chöre.Adolf Steiner: Aus dem zürcherischen Konzertleben der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, 1. Teil, 1855–1877. (= Neujahrsblatt der Allgemeinen Musik-Gesellschaft in Zürich. 92). Orell Füssli, Zürich 1903, bes. S. 9–11.
Die Abonnementskonzerte der Allgemeinen Musikgesellschaft fanden nun im Kornhaus am See statt, auf Rechnung der Tonhalle-Gesellschaft. Auch Kammermusik wurde angeboten. Hier kamen in Zürich die grossen Oratorien zu Gehör: 1868 das deutsche Requiem von Johannes Brahms, 1869 das Oratorium «Samson» von Georg Friedrich Händel sowie «Paulus» von Felix Mendelssohn Bartholdy und 1870 die Missa solemnis von Ludwig van Beethoven. 1881 dirigierte Johannes Brahms selber einige seiner Werke, darunter als Uraufführung seine «Nänie». Im folgenden Jahr tagte die 19. Tonkünstlerversammlung des Allgemeinen Deutschen Musikvereins hier, mit Konzerten von Werken unter anderem von Franz Liszt. Während der Schweizerischen Landesausstellung 1883 gastierte hier das Orchester des Teatro alla Scala Mailand, wie auch überhaupt das Konzertleben international wurde. Als Werk von einheimischen Komponisten ragt Friedrich Hegars Oratorium «Manasse» heraus, in der Fassung für Gemischten Chor uraufgeführt 1888, das in der Folge bis zum Weltkrieg im deutschen Sprachbereich das meist aufgeführte Oratorium wurde.
Tonhalle 1895–2017 mini|Die neue Tonhalle, 1900 Das aufstrebende Musikleben verlangte nach einem Konzerthaus mit einer besseren Akustik, als die ehemalige Lagerhalle der alten Tonhalle bieten konnte. Die Stadt hatte sich durch Eingemeindungen vergrössert und baute seit 1882 am Seeufer auf Initiative des Stadtingenieurs Arnold Bürkli neue Uferpromenaden. Am Alpenquai, heute General-Guisan-Quai, wurde nach Plänen der Architekten Fellner & Helmer aus Wien ein neues Konzerthaus im Trocadéro-Stil errichtet, mit grossem und kleinem Konzertsaal, einem Rundbau als Pavillon für Promenadenkonzerte, sowie einem Restaurant, und 1895 eingeweiht. Johannes Brahms dirigierte bei der Eröffnung am 19. Oktober 1895 das erste Konzert, unter anderem mit einem eigenen Werk. Aus der alten Tonhalle wurde die Orgel hier in den heute noch bestehenden grossen Konzertsaal eingebaut.
Zwar wurden die Nebengebäude im Jahr 1937 abgebrochen, um einem Kongresshaus Zürich im Stil des Neuen Bauens Platz zu machen, aber die hervorragenden Konzertsäle der Tonhalle blieben zum Glück erhalten.Dietrich Erben: Die Zürcher Tonhalle. In: Inga Mai Groote, Laurenz Lütteken, Ilona Schmiel (Hrsg.): Tonhalle Zürich 1895–2021. Bärenreiter Verlag, Kassel 2021, ISBN 978-3-7618-2608-9, S. 40–50, bes. S. 45; engl., S. 57–63. In rascher Folge konzertierten jetzt hier auch auswärtige und ausländische Orchester.Ernst Isler: Das zürcherische Konzertleben seit der Eröffnung der neuen Tonhalle 1895, 1. Teil: 1895–1914. (= Neujahrsblatt der Allgemeinen Musik-Gesellschaft in Zürich. 123). Hug & Co, Zürich 1934. Der grosse Saal mit seiner berühmten Akustik zählt heute zu den besten Sälen der Welt.Dorothea Baumann: Ein Spätling im goldenen Zeitalter des Konzertsaalbaus: die Tonhalle unter akustischen Gesichtspunkten. In: René Karlen, Andreas Honegger, Marianne Zelger-Vogt (Hrsg.): «Ein Saal, in dem es herrlich klingt», hundert Jahre Tonhalle Zürich. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 1995, ISBN 3-85823-568-7, S. 37–48, bes. S. 48. mini|Tonhalle Zürich mit Orchester und der ersten Kuhn-Orgel (Foto um 1900)
1906 wurde Volkmar Andreae (1879–1962) Hegars Nachfolger und leitete seinerseits das Tonhalle-Orchester während 40 Jahren. Aufbauend auf Hegars Orchesterarbeit machte er das Tonhalle-Orchester zu einem Klangkörper von internationaler Bedeutung.Hans-Joachim Hinrichsen: Andreae. In: Bernhard Hangartner, David Reissfelder (Hrsg.): Musik in Zürich, ein Stadtführer: Menschen, Orte, Institutionen. Chronos Verlag, Zürich 2021, ISBN 978-3-0340-1641-4, S. 14–15. Schwierig wurde die Zeit des Weltkriegs und der nachfolgenden Grippe-Epidemie: 1918 musste der Pavillon der Tonhalle als Militärspital für todkranke Soldaten dienen.Ernst Isler: Das zürcherische Konzertleben seit der Eröffnung der neuen Tonhalle 1895, 2. Teil: 1878–1895. (= Neujahrsblatt der Allgemeinen Musik-Gesellschaft in Zürich. 124). Hug & Co, Zürich 1935, S. 18–19, sowie zum folgenden bis S. 52.
Von 1924 an hörte man neben dem Aufkommen neuer Musik auch Werke einheimischer Komponisten wie Hermann Suter mit seinem Oratorium «Le laudi di San Francesco» (1925/1926) und Arthur Honeggers «König David».Andres Briner: Von Johannes Brahms zu Arnold Schönberg: die «Novitäten» in der Neuen Tonhalle von 1895 an. (= Neujahrsblatt der Allgemeinen Musik-Gesellschaft in Zürich. 179). Verlag Hug & Co., Zürich 1995, ISBN 3-906415-07-4. 1927 wurde die Orgel durch die Firma Kuhn auf 71 Register erweitert, beraten durch Marcel Dupré, wiederum mit finanzieller Beteiligung der Chöre. Andreae brachte neben den Abonnements- und Sinfoniekonzerten auch Jugend- und Volkskonzerte zu Gehör, und auch der Kleine Saal und der Kammermusiksaal wurden stark benützt: 1928/1929 zählte man neben den hauseigenen Veranstaltungen zusätzlich 130 Vermietungen der Säle.Ernst Isler: Das zürcherische Konzertleben seit der Eröffnung der neuen Tonhalle 1895, 2. Teil: 1878–1895. (= Neujahrsblatt der Allgemeinen Musik-Gesellschaft in Zürich. 124). Hug & Co, Zürich 1935, S. 62–66. mini|Tonhalle Zürich, grosser Saal von 1895, renoviert 2021, mit neuer Orgel