mini|Offenburger Hexe mini|Gengenbacher Hexe, 2014 mini|Löffinger Hexen, 2016 Die Fastnachtshexe ist eine populäre Narrenfigur insbesondere der schwäbisch-alemannischen Fastnacht, auch in den Alpenländern Schweiz und Österreich.Alemannische Larvenfreunde, Maskenmuseum: www.larvenfreunde.de. Der Ursprung der Fastnachtshexe fand bislang keine zureichende Erklärung. Die Figur lässt sich historisch vor dem Hintergrund der frühneuzeitlichen Hexenverfolgung und von der Bildsprache der Märchen-Hexe herleiten.

Geschichte Vorläufer der heutigen Hexenfiguren sind schon aus dem Mittelalter überliefert: Männer in Frauenkleidern, die nach dem Motto Verkehrte Welt kostümiert waren. Alte Weiber, Unholdinnen, Wilde Weiber, Kräuterweiber und Schrättele waren zudem lange vor der Etablierung der Fasnachtshexe heutiger Prägung Bestandteil der schwäbisch-alemannischen und alpenländischen Fastnacht und lieferten die Vorlagen. Die Hexenfigur der Fastnacht ist indessen deutlich jünger als die Figur des Teufels, die sich bereits im 15. Jahrhundert belegen lässt und zu den ältesten Fastnachtsgestalten überhaupt zählt, an deren Seite die Fastnachtshexe erst Ende des 19. Jahrhunderts auftritt. Die älteste erhaltene Hexen-Maske ist eine „Hexenmutter“-Larve und stammt aus Tirol, wo Fastnachtshexen vereinzelt schon seit Ende des 18. Jahrhunderts bekannt und bis heute verbreitet sind, etwa beim Nassereither Schellerlaufen und Imster Schemenlaufen. In Österreich zählen Hexenfiguren bei „Perchtenläufen“ zu den „schiachen“ (obdt. für hässlich, schlimm, böse) Perchten.

In Furtwangen und anderen südwestdeutschen Orten lässt sich ein Fastnachtsbrauch bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen, bei dem es ab dem 20. Januar den Buben erlaubt war, sich mit Frauenkleidern – noch ohne Masken – als „Hexen“ zu verkleiden. Diese „Hexen“ waren Figuren der unorganisierten bäuerlichen Fastnacht, zu deren Handwerk neben dem Besenumtrieb auch das Rußeln gehören konnte, wie es heute noch von Rußhexen in Empfingen ausgeführt wird.

Als älteste Fastnachtshexen der schwäbisch-alemannischen Fastnacht gelten zwei Figuren aus der Ortenau, die Offenburger Hexe und die Gengenbacher HexeEine Gengenbacher Hexengruppe („eine greuliche Hexenschar (...) unter Anführung eines rothaarigen Teufels“) wird erstmals an der Fastnacht 1923 erwähnt: Karl Jörger: Fastnacht im Adler. In: Karlsruher Tagblatt, 11. Februar 1923 (deutsche-digitale-bibliothek.de)., sowie die Löffinger Hexe aus dem Hochschwarzwald, die dort jeweils um 1934 eingeführt wurden und früher (Offenburg 1935) oder später (Gengenbach 1938, Löffingen 1958) geschnitzte Holzmasken trugen.Jörg Kraus: Der Weg der Hexe in die Fasnacht. In: Gottfried Korff (Hrsg.): Wilde Masken. Ein anderer Blick auf die Fasnacht. Tübinger Vereinigung für Volkskunde, Tübingen 1989, ISBN 3-925340-58-0, S. 66 ff. In Bad Waldsee wurde 1936 mit dem Schrättele eine weitere frühe Hexenfigur mit einer markanten, zweigesichtigen Holzmaske geschaffen; entworfen von Holzbildhauer Max Strobel (1895–1952).Max Strobel unter: Larvenfreunde.de. Etwa zeitgleich trat an der Bräunlinger Fastnacht mit der „Hexe Suri“ eine Einzelfigur in Erscheinung, die mit einem Reisigbesen Kindern nachrannte, wenn diese sie mit Neckversen ärgerten. Schon vor der eigentlichen Fastnachtszeit versammeln sich in Bräunlingen seit den 1930er Jahren jeweils an Mariä Lichtmess (2. Februar) die „Urhexen“ am „Hexenfeuer“ zu ihrem „Hexenlauf“.Hermann Eris Busse: Alemannische Volksfasnacht. Verlag C.F. Müller, Karlsruhe 1937, S. 84 (Abbildung), 100. Bereits an der Fastnacht 1932 nahmen in Kirchzarten die sogenannten „Pfuddleschoobewieber“ im Gewand alter Bauersfrauen am Umzug teil. 1935 entstand aus dieser Gestalt in Anlehnung an eine örtliche Sage die Figur der „Brigitti-Hexen“, aus der schließlich die „Höllengeister“ (Hexen) der „Höllenzunft Kirchzarten“ hervorgingen, die seit 1949 die markanten Holzmasken (Gerhard von Ruckteschell) tragen und zusammen mit den „Geistertreibern“ (Teufel) auftreten.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die „alemannische Volksfastnacht“ allgemein zu einem Vorzeigestück des Volksbrauchtums, wobei besonders die seinerzeit aufkommenden Hexenfiguren als vermeintlicher Ausdruck der „Volksseele“ und altgermanischen Volksglaubens vereinnahmt und propagiert wurden.Hermann Eris Busse: Alemannische Volksfasnacht. Verlag C.F. Müller, Karlsruhe 1937, S. 71 und passim. So führten etwa bei der Einweihung des Hauses der deutschen Kunst in München 1937 die Offenburger Hexen bei einer in großem Stil inszenierten Walpurgisnacht ihren „Hexentanz“ auf.Dieter R. Bauer: Die Gegenwart der Hexen. Ein Überblick. In: Sönke Lorenz / Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hrsg.): Hexen und Hexenverfolgung im deutschen Südwesten, Aufsatzband, Cantz Verlag, Stuttgart 1994, ISBN 3-89322-659-1, S. 162.

Vor allem in den Jahrzehnten nach 1950 verzeichnete man in vielen örtlichen Fastnachten eine starke Zunahme von neuen Hexenfiguren. Seit den 1980er Jahren beklagen die Brauchpfleger gar ein „inflationäres Überhandnehmen der Hexen“ in der südwestdeutschen Fastnachtslandschaft.Werner Mezger: Schwäbisch-alemannische Fastnacht: Kulturerbe und lebendige Tradition. Mit Fotografien von Ralf Siegele. Konrad Theiss Verlag / WBG, Darmstadt 2015, ISBN 978-3-8062-2947-9, S. 75.

Hexenfiguren sind vermutlich aufgrund ihres wenig reglementiert erscheinenden, wilden Verhaltens bei Narrensprüngen und bei der Straßenfasnet populär. Sie haben sich im gesamten Verbreitungsgebiet der schwäbisch-alemannischen Fastnacht etabliert und in Hexenzünften organisiert, weniger jedoch in den besonders traditionsbewussten Hochburgen.

Kostüme mini|Saulgauer „Riedhutzel“, 2011 Das Narrenhäs der Hexenfigur wird durch eine traditionell zumeist in Lindenholz geschnitzte, mitunter auch aus Pappmaché gefertigte, und bemalte Larve mit Hakennase, Warzen, Runzeln, wenigen bzw. schiefen Zähnen und starrenden Augen geprägt. In einzelnen Fällen wird das Gesicht angemalt oder mit einer Draht- oder Stoffmaske verhüllt. Trotz der heute verbreiteten Verwendung vorgefräster Schnitzrohlinge sind die jeweiligen Masken einer Hexenzunft nicht uniforme Kopien, sondern kunsthandwerkliche Unikate, die durch die verschiedenen Schnitzer bzw. Holzbildhauer im Laufe der Zeit stilistische Eigenheiten und Modifikationen aufweisen. Im Falle der Löffinger Hexenmaske zeigt sich eine besonders große Vielfalt der verschiedenen Ausdrucksweisen aufgrund der Vorgabe, dass dort jeder neue Hästräger seine Maske aus Rohlingen heraus selbst schnitzen muss. Bei der Kleidung dominieren Kopftücher, derbe Kittel, ausladende Röcke, weiße Bauernunterwäsche, Woll- oder Ringelstrümpfe und Strohschuhe. Dazu trägt die Hexe einen Reisigbesen, mitunter auch eine Ratsche.

Kritik Kritik an der Figur der Fastnachtshexe wird aus kulturgeschichtlicher und feministischer Sicht geäußert.Jörg Kraus: Der Weg der Hexe in die Fasnacht. In: Gottfried Korff (Hrsg.): Wilde Masken. Ein anderer Blick auf die Fasnacht. Tübinger Vereinigung für Volkskunde, Tübingen 1989, ISBN 3-925340-58-0, S. 58 und S. 105. mini|Arthur Rackham: Hänsel und Gretel treffen die Hexe, Märchenillustration, 1909. miniatur|Hexenverbrennung in Derenburg. Flugblatt, 1555 in Nürnberg bei Jörg Merckel gedruckt.

Nach Ansicht des Volkskundlers Werner Mezger geht die traditionelle Fastnachtshexenfigur mit ihrer stereotypen Erscheinungsform als alte, hässliche und hinterlistig-lauernde Frau „im wesentlichen“ auf die aus Märchen bekannten Hexengestalten, beispielsweise auf die „böse Hexe“ im Märchen Hänsel und Gretel der Gebrüder Grimm zurück; sie hätte „nichts mit den tragischen Opfern früherer Hexenverfolgungen zu tun“.Werner Mezger: Schwäbisch-alemannische Fastnacht: Kulturerbe und lebendige Tradition. Mit Fotografien von Ralf Siegele. Konrad Theiss Verlag / WBG, Darmstadt 2015, ISBN 978-3-8062-2947-9, S. 75; vgl. hierzu: Fasnetshexe basiert auf Grimms Märchen. In: Schwäbische Zeitung, 15. März 2015 (schwaebische.de). Dagegen lässt sich die Märchenfigur der „bösen Hexe“, so etwa im Grimmschen Märchen Das Rätsel, ihrerseits als Abbild bzw. Nachwirkung des Hexenaberglaubens des 16. Jahrhunderts und danach deuten.Wehse, Rainer / Früh, Sigrid (Hrsg.): Die Frau im Märchen. Röth, Kassel 1985, ISBN 978-3-87680-339-5, S. 50 f. mini|Hexenzunft Obernheim: „Landsknechte des Hofstaats“ zerren „Unholda Moser“ am Strick zum „Hexenprozess“, 2016. mini|Kräuterhexen Veringenstadt, 2013.

Historischer Zusammenhang Zahlreiche Hexenzünfte stellen den historischen Zusammenhang zur frühneuzeitlichen Hexenverfolgung ausdrücklich her und verweisen in ihren Gründungsgeschichten, Namensgebung ihrer Figuren und ritualisierten Inszenierungen (Hexensabbat mit dem Teufel, Walpurgisnacht, Hexentaufe, Hexentanz, Hexenprozess u. a.) auf die Dämonologie, den Volksglauben zum Hexenwesen und auf historische Personen zur Zeit der Hexenverfolgung. Entsprechend gibt es bei vielen Hexengruppen einen „Teufel“ als Einzelfigur.

Die 1939 gegründete Hexenzunft Obernheim e. V. rekurriert bei ihrem fastnachtlichen Treiben auf historische Hexenprozesse mit Folterung und Hinrichtung („Hexenverbrennung“) von Frauen, die wegen angeblicher „Teufelsbuhlschaft“ verurteilten worden sind,Werner Lissy: Alles Wehklagen hilft nichts: Unholda Moserin stirbt den Feuertod. In: Schwarzwälder Bote, 3. März 2019 (schwarzwaelder-bote.de); vgl. Zunfthistorie unter: hexenzunft-obernheim.de. was ihr 1988 in Hechingen eine von einem Amtsrichter erstattete Strafanzeige wegen Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener, nämlich das der unzähligen Opfer der Hexenverfolgung, einbrachte. Das Ermittlungsverfahren wurde unter anderem mit der Begründung eingestellt, dass es an einer „Persönlichkeitsverletzung eines konkret bestimmbaren Personenbereichs“ fehle.Dieter R. Bauer: Die Gegenwart der Hexen. Ein Überblick. In: Sönke Lorenz / Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hrsg.): Hexen und Hexenverfolgung im deutschen Südwesten, Aufsatzband, Cantz Verlag, Stuttgart 1994, ISBN 3-89322-659-1, S. 163; vgl.: Gottfried Korff (Hrsg.): Wilde Masken. Ein anderer Blick auf die Fasnacht. Tübinger Vereinigung für Volkskunde, Tübingen 1989, S. 58.

Die 1972 gegründete „Feuerhexen“-Zunft von Bad Buchau schreibt in der Gründungsgeschichte zu ihrer Figur: „Sie erinnert an die finstere Zeit der Hexenverfolgung, die auch an Bad Buchau-Kappel nicht spurlos vorübergegangen ist. So wurde im Jahr 1628 Anna Schilling aus Kappel als Hexe enthauptet und ihr Körper an der Richtstätte verbrannt. Die letzte sogenannte Hexe, Elisabeth Kolb aus Rupertshofen, wurde vom Stiftsgericht im Jahr 1746 zum Feuertode verurteilt und vor 'Kappel draußen' verbrannt.“Kapitel „Geschichte Feuerhexe“, unter: www.feuerhexen-badbuchau.de.

Auch der 1983 gegründete Fastnachtsverein „Kräuterhexen Veringenstadt e. V.“ beruft sich in seiner Gründungsgeschichte („Tradition“) ausdrücklich auf eine historische Person, Anna Kramer, der 1680 in Veringen der Prozess gemacht und die als angebliche Hexe hingerichtet wurde. Nach Überzeugung des Fastnachtsvereins werde mit der „Kräuterhexen“-Figur das „Andenken an die hilfsbereite und mutige Person bewahrt, die sie (Anna Kramer) war.“ Das Narrenkostüm der „Kräuterhexen“ sei von dem Hexenhemd inspiriert, das Anna Kramer während der Folter tragen musste und das neben ihren Prozessakten im Stadtarchiv als Relikt im Heimatmuseum Veringenstadt aufbewahrt wird.Vgl. Unsere Geschichte auf der Webseite des „Kräuterhexen Veringenstadt e. V.“: www.khv84.de.