Ligier Richier (* um 1500 in Saint-Mihiel; † 1567 in Genf) war ein französischer Bildhauer der Renaissance. Richier entstammte einer sammielloiser Steinmetzfamilie. Er wurde unter anderem in Italien bei Michelangelo ausgebildet. Seine Werke finden sich vorwiegend in seiner lothringischen Heimat. Darin beschäftigte er sich überwiegend mit religiösen Themen. Richier wurde wegen seines reformatorischen Bekenntnisses aus Saint-Mihiel vertrieben.
Seit etwa 1990 wurden viele seiner Werke in Lothringen grundlegend restauriert und durch das Département Meuse die „Route Ligier Richier“, die zu den bedeutenden Werken Richiers führt, eingerichtet.
Abstammung und Familie Über die frühen Jahre von Ligier Richier gibt es nur Legenden. Der gelehrte Abt Dom Calmet, berichtet, dass ein Benediktinermönch aus Saint-Mihiel, Dom Grégoire Thomas, von einem alten Büchsenmacher der Stadt erfahren hatte, „dass der berühmte Michelangelo, als er nach Nancy kam, auf dem Weg nach Paris durch Saint-Mihiel kam und dass er, als er die Werke des jungen Richier sah, seine Eltern darum bat, ihn mitzunehmen, was diese ohne Weiteres zuließen; Er merkte jedoch bald, dass Richiers Vorliebe der Bildhauerei galt, und schickte ihn zu einem Bildhauer, wo er Wunder vollbrachte“. Diese Legenden haben zu der vielfach akzeptierten Annahme geführt, dass Ligier Richier Michelangelo gekannt habe und eine Reise nach Rom unternommen habe. In der 1911 Encyclopædia Britannica wird er sogar als „Schüler“ bezeichnet.
Im Alter von etwa dreiundzwanzig Jahren, im Jahr 1523, schuf er für die Kirche in Hattonchâtel den Altaraufsatz, den man dort noch heute bewundern kann. Dieses bedeutende Werk beweist nach eindeutig, dass Ligier damals nur die Künstler seines Landes kannte, und dasselbe gilt für alle Werke, die er später schuf. Charles Couernault, Ligier Richier : statuaire lorrain du XVIe siècle, 1887, S. 6, digital
Zwei Urkunden, die im Staatsarchiv in Genf gefunden wurden, nennen den Namen von Ligiers Frau. Die eine ist eine Quittung von Ligier vom 2. August 1566, die andere die Teilungsurkunde seines Nachlasses vom 11. April 1567. Beide nennen sie Marguerite Royer. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor: Gérard, geboren 1534, gestorben 1600, und eine Tochter, Bernardine, die 1558 mit Pierre Godard oder Godari, einem Festungsingenieur, verheiratet war. Charles Couernault, Ligier Richier : statuaire lorrain du XVIe siècle, 1887, S. 4, digital
Richier und die Reformation Nach Dom Calmet ist Ligier Richier Sohn calvinistischer Eltern, die er als erste Anhänger der Reformation in Lothringen bezeichnet. Richier und die beiden Brüder, die Dom Calmet benennt, ohne dafür Nachweise zu bringen, sollen Calvin treu gefolgt sein. Nach Paul Denis (S. 20) reicht ein einfacher Vergleich der Daten aus, um diese Behauptung zu widerlegen. Er fragt, wie kann man ein Kind, das um das Jahr 1500 geboren wurde, als Calvinisten bezeichnen, wenn Johannes Calvin erst 1509 geboren wurde und erst 1534 das Buch „Die christliche Lehre“ veröffentlichte, in dem er seine Lehren darlegte? Was Martin Luther betrifft, so trat er erst 1518 in Erscheinung.
Nach Denis (S. 44 ff.) verliess Richier 1564 plötzlich Lothringen und liess sich in Genf nieder. Dort hatte der Reformator gelebt und war am 27. Mai 1564 gestorben. Es scheint, dass er zu diesem Zeitpunkt die Ausübung seiner Kunst vollständig aufgegeben hatte, denn keines der Dokumente, die wir über diesen letzten Abschnitt seines Lebens entdeckt haben, enthält eine Bezeichnung, die auf seinen Beruf hinweist. Alle sind gleicher Art und beziehen sich auf Gelddarlehen, die der Künstler verschiedenen französischen Flüchtlingen gewährt hatte, die wie er im protestantischen Rom Zuflucht gesucht hatten. Fast alle wurden in Anwesenheit desselben Notars, Jean Ragucau, durchgeführt – ebenfalls ein Flüchtling –, dessen Amt ihn seit 1559 mit Bernardine Richier, der Tochter von Ligier, in Verbindung gebracht hatte, die sich mehrere Jahre vor ihrem Vater in der Schweiz niedergelassen hatte.
Am 19. Oktober 1567 befindet sich in einer Urkunde des Notars Ragueau der Name Ligier, in einem Ehevertrag, der gerade geschlossen worden war, aber offenbar nach Auffassung von Denis nie vollzogen wurde, zwischen „dem ehrenwerten Guillaume Sechehaye und Bernardine Richier“. Ein letztes Dokument, das sich auf Richier bezieht, findet sich in den Protokollen von Ragueau; es trägt diesmal folgenden Titel: „Aufteilung und Vereinbarungen zwischen der ehrenwerten Marguerite Royer, Witwe des verstorbenen Leger Richer, einerseits und den ehrenwerten Girard und Bernardine Richer, ihren Kindern, andererseits. – April 1567.“ Dieser kurze Satz war lange Zeit das einzige Dokument, anhand dessen sich das Todesdatum des Künstlers zumindest annähernd bestimmen ließ.
Man weiss nichts über die Umstände seiner Bekehrung zum Protestantismus. 1560 unterzeichnet er mit anderen Einwohnern von Saint-Mihiel eine an den Herzog gerichtete Petition, um das Recht der freien Ausübung der reformierten Religion zu erhalten. Die nach dem Konzil von Trient vom Bischof von Verdun in den Jahren 1545 bis 1563 veröffentlichten Verordnungen gegen die Ketzerei veranlassten ihn wahrscheinlich dazu, das Herzogtum zu verlassen.
Route Ligier Richier Nach Stephanie Prochnow stehen die meisten der rund 13 Werke, die Richier zugeschriebenen werden, an einer vom Tourismusbüro geschaffene „Route Ligier Richier“, die sechs Orte im Département Meuse verbindet, in denen seine Werke stehen. Inzwischen gehören noch die Orte Briey und Nancy zu der Route, die nachstehend als Etappen 7 und 8 bezeichnet sind. Briey ist durch einen Abstecher von Étain zu erreichen, Nancy von St. Mihiel. Eine gute Beschreibung der gesamten Route, einschließlich einer Karte, ist auch in einer Informationsschrift des Département de la Meuse enthalten.
Nachstehend werden die Orte in der Reihenfolge aufgeführt, die in dem Vorschlag des Département de la meuse enthalten sind. Aus dieser Informationsschrift sind einige Begleittexte übernommen. Es wird aber auch auf die Beschreibung von Jérôme Estrada hingewiesen.
mini|Christus am Kreuz zwischen den beiden Dieben 1. Etappe Bar-le-Duc Christ en Croix avec les deux larrons In der Oberstadt auf der Place Saint-Pierre befindet sich im Chor der Kirche Saint-Etienne, einer ehemaligen gotischen Stiftskirche, ein hölzerner Kalvarienberg mit drei Statuen: Christus, der gute und der böse Dieb. Diese drei polychromen Holzstatuen im Chor der Kirche Saint-Etienne gehörten zweifellos zu einem größeren Ensemble, dessen Herkunft noch unbekannt ist. Sie werden Ligier Richier zugeschrieben und zeichnen sich durch eine große Vielfalt an Haltungen und Ausdrucksformen aus, die durch anatomische Genauigkeit noch verstärkt werden. Die Physiognomie der Christusfigur erinnert an die Kalvarienberge von Génicourt-sur-Meuse, Briey und Hattonchâtel aus derselben Zeit, die nachstehend beschrieben werden.
mini|hochkant|Das Skelett, Bar-le-Duc, Kirche Saint-Étienne Le squelette, monument du cœur de René de Chalon Diese Skulptur, die sich jetzt in der Kirche Saint-Etienne befindet, krönte ursprünglich das Grabmal von René de Chalon, Prinz von Oranien und Schwiegersohn des Herzogs Antoine de Bar und Lothringen, der 1544 während der Belagerung von Saint-Dizier durch Karl V. getötet wurde. Was man hier sieht, ist weder ein „Écorché“ (ausgeweidetes Modell), noch ein Skelett, noch eine allegorische Statue des Todes. Es ist der „Décharné“ (Ausgemergelte). Das Werk besteht aus zwei Elementen aus Stein aus Sorcy, die im Bereich des Beckens zusammengefügt sind. Anfang der 2000er Jahre wurde es restauriert, wodurch es seine ganze Intensität zurückerlangte.
mini| Grablegungsgruppe in der Kirche Saint-Didier in Clermont-en-Argonne 2. Etappe Clermont-en-Argonne Sainte femme au sépulcre Die Heilige Frau vom Grabmal von Clermont-en-Argonne soll aus der heute nicht mehr existierenden Kirche Les Minimes in Verdun stammen. Diese Gruppe besteht aus Steinstatuen mit neueren Farbbeschichtungen, von sehr unterschiedlicher Qualität und aus verschiedenen Epochen. Sie wurde 1829 gekauft und von ihrem Besitzer in einer Grablegung in der Kapelle Sainte-Anne des Schlosses Clermont-en-Argonne aufgestellt, bevor sie ihren heutigen Standort in der Pfarrkirche Saint-Didier in Clermont-en-Argonne fand.
Diese vollständig rekonstruierte Grablegung besteht aus sechs Figuren sehr unterschiedlicher Stile und Epochen, die von der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bis zum Ende des 17. Jahrhunderts reichen. Die Heilige Frau am Grab ist aufgrund ihrer plastischen Qualitäten und ihrer Raffinesse zweifellos das interessanteste Werk der Gruppe, weshalb sie Ligier Richier zugeschrieben wird.
3. Etappe Génicourt-sur-Meuse Die Kirche Sainte-Marie-Madeleine im Stil der Spätgotik wurde auf Initiative von Philippe de Norroy und seiner Frau Nicole d'Apremont, den Herren von Génicourt, erbaut.
Vierge, ou Dame de Génicourt In der Kirche befindet sich die Statue Die Jungfrau oder Dame von Génicourt. Diese Statue der Jungfrau war ursprünglich Teil eines Kalvarienbergs, der aus der Figur Christi am Kreuz und der Figur des Heiligen Johannes bestand, die sich noch immer in der Kirche von Génicourt-sur-Meuse befinden.
Manche schreiben dieses Werk einem anderen Meister zu, der Richier wahrscheinlich sehr nahe stand, einem Bildhauer seiner Generation, der vielleicht mit seiner Werkstatt vertraut war, aber über weniger Geschick und ästhetisches Verständnis verfügte.
Aufrecht stehend, den Kopf leicht nach rechts geneigt, den Mund vor Schmerz verzogen, scheint die Jungfrau von Trauer überwältigt zu sein und erinnert so an die Figur der Heiligen Frau am Grab, die Ligier Richier zugeschrieben wird und in der Kirche Saint-Didier in Clermont-en-Argonne aufbewahrt wird. Die Gestaltung der Falten des Mantels, des Schleiers und der Haube, die das Gesicht der Jungfrau umrahmen, zeugt von einer bemerkenswerten Liebe zum Detail.
mini|Die Pieta stammt von Ligier Richier und befindet sich in der Kirche von Étain 4. Etappe Étain Pietà Die Historiker sind sich über ihr Entstehungsdatum uneinig. (Erstes Werk oder Realisierung um 1550-1560?)
Sie sieht nicht wie eine Leiche aus, sondern wie ein Körper, der nach einer schweren Prüfung erschöpft ist und sich nun der Ruhe hingibt. Nur das erschütterte Gesicht der Jungfrau verrät die Wahrheit.
Diese Skulptur soll Ligier Richier von Jacquemin Quiolt in Auftrag gegeben worden sein, um das Grabmal seiner 1525 verstorbenen Frau Gilberte Marque zu krönen. Ursprünglich stand sie in einer Kapelle auf dem Friedhof der Kirche von Étain, wurde dann eine Zeit lang im Chorraum der Pfarrkirche aufgestellt, bevor sie in die Kapelle Sacré-Cœur an ihren heutigen Standort in der Église Saint Martin gebracht wurde.
mini|Altaraufsatz von Ligier Richier in der ehemaligen Stiftskirche Saint-Maur d’Hattonchâtel 5. Etappe Hattonchâtel Im 9. Jahrhundert erbaute Hatton, der 29. Bischof von Verdun, eine Burg auf dem Vorgebirge Hauts-de-Meuse. So entstand Hattonchâtel, ein malerisches Städtchen am Rande des Regionalen Naturparks Lothringen, das einen grandiosen Blick auf die Ebene von Woëvre bietet.
Retable de la Passion du Christ