Wie Titanic einmal die Fußball-WM 2006 nach Deutschland holte ist der Titel eines Artikels des Satiremagazins Titanic vom August 2000, der eine Aktion der Zeitschrift am Vorabend der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 dokumentierte. Die Formulierung diente 2006 auch als Titel einer Ausstellung der Caricatura-Abteilung des Historischen Museums in Frankfurt am Main sowie als Untertitel des 2005 erschienenen Buchs Ich tat es für mein Land von Martin Sonneborn, auf dem ein Kurzfilm gleichen Titels von 2010 basiert.

Fax-Aktion Am Abend des 5. Juli 2000, dem Tag vor der Wahl des ausrichtenden Verbandes durch die Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees, sandte der damalige Titanic-Chefredakteur Martin Sonneborn nacheinander zwei Faxe an das Grand Hotel Dolder in Zürich, in dem die Tagungsteilnehmer übernachteten. Er bat die Rezeptionistin, die „hochwichtige Nachricht“ den Komiteemitgliedern Chung Mong-joon (Südkorea), Jack Warner (Trinidad und Tobago), Ricardo Teixeira (Brasilien), Abdullah Al-Dabal (Saudi-Arabien), Ismail Bhamjee (Botswana), Charles Dempsey (Neuseeland) und Chuck Blazer (USA) zukommen zu lassen. Die Hotelangestellte steckte die Faxe in Umschläge und schob diese umgehend unter den Zimmertüren durch. Die Rezeptionistin war von allein auf die Idee mit den Umschlägen gekommen und sorgte damit, „für den letzten Schliff, der der Aktion endgültig Authentizität verlieh“.

In dem ersten, mit dem Pseudonym „Martin Hansen“ unterzeichnete Fax wurde den sieben Delegierten „ein kleines Geschenk“ für den Fall angeboten, dass sie ihre Stimme der Bewerbung Deutschlands gäben. Sie wurden darum gebeten, sich telefonisch zu melden, wenn sie „bestimmte Wünsche“ hätten. Nachdem keiner der Adressaten die angegebene Nummer angerufen hatte, sendete Sonneborn ein mit eigenem Namen unterzeichnetes zweites Fax, in dem den Delegierten konkret ein Präsentkorb mit Spezialitäten aus dem Schwarzwald (Schinken, Würste, eine Kuckucksuhr und ein Bierkrug) angeboten wurde:

Abstimmung und Folgen

Das FIFA-Exekutivkomitee entschied sich schließlich mit 12:11 Stimmen für die Bewerbung Deutschlands. Ausschlaggebend dafür war, dass der Neuseeländer Dempsey, der von der Oceania Football Confederation beauftragt war, für Südafrika zu stimmen, kurz vor der Abstimmung den Raum verließ und sich somit der Stimme enthielt. Bei einem Stimmenpatt hätte das Votum des FIFA-Präsidenten Sepp Blatter, dessen Sympathie für Südafrika bekannt war, doppelt gezählt. Obwohl die Abstimmung geheim war, wurde Dempseys Enthaltung von Blatter offengelegt.

Was genau Dempsey zur Stimmenthaltung bewog, ist umstritten. Live auf CNN erklärte er „This final fax broke my neck“, hat dies aber nie wiederholt. In einem seiner wenigen späteren Interviews sprach er von „Druck durch einflussreiche europäische Interessensgruppen“, als Hauptgrund gab er an „dass im Kreis meiner Kollegen getuschelt wurde, ich würde Geld von der Delegation Südafrikas nehmen. Dem wollte ich mit der Enthaltung entgegentreten.“Was Dempsey zu den Vorwürfen sagte. In: 20 Minuten. 16. Juli 2012. Dempsey betonte, er habe sich auf Rat von UEFA-Präsident Lennart Johansson entschieden, nach dem Ausscheiden Englands aus dem Bewerbungsrennen keinem anderen Bewerber seine Stimme zu geben.

Nach Bekanntwerden der Aktion versammelten sich zahlreiche Vertreter der Medien vor dem Sitz der Titanic-Redaktion in Frankfurt-Bockenheim. Sonneborn erklärte dabei der Nachrichtenagentur Reuters auf deren Frage nach seiner Motivation: „Ich tat es für mein Land!“

Der Deutsche Fußball-Bund drohte Titanic mit einer Schadenersatzforderung von 600 Millionen D-Mark. Da diese Summe „das Jahresgehalt eines TITANIC-Redakteurs übersteigen“ würde, unterzeichnete Sonneborn am 26. Juli 2000 eine von einem Anwalt des DFB vorbereitete Unterlassungserklärung. Darin verpflichtete er sich gegenüber dem DFB, „es künftig bei Meidung einer vom DFB festzusetzenden Vertragsstrafe […] zu unterlassen, anläßlich von Abstimmungen / Wahlen über von der FIFA bzw. der UEFA zu treffenden Entscheidungen zugunsten der Abstimmenden Gegenleistungen / Vergünstigungen für den Fall eines bestimmten Abstimmungsverhaltens anzukündigen“.

Veröffentlichungen

Buch 2005 veröffentlichte Sonneborn eine Dokumentation der Aktion in Buchform unter dem Titel Ich tat es für mein Land.

Ausstellung Vom 18. Mai bis 9. Juli 2006 (dem Tag des Finales der Weltmeisterschaft 2006) fand damals noch im Foyer des Historischen Museums Frankfurt untergebrachten Caricatura Museum für Komische Kunst die Ausstellung „Wie TITANIC einmal die Fußball-WM 2006 nach Deutschland holte. Dokumentation einer Bestechung“ statt.

CD Die Bild-Zeitung erschien mit der Schlagzeile „Böses Spiel gegen Franz“ (gemeint war der damalige Präsident des deutschen WM-Organisationskomitees Franz Beckenbauer). Sie veröffentlichte die Telefonnummer der Titanic-Redaktion und rief ihre Leser dazu auf, dort anzurufen und ihre Meinung zu sagen. Mitschnitte von ca. 20 Minuten Anrufe, in denen die Redakteure als „Vaterlandsverräter“ und „Nestbeschmutzer“, die „in einem Rechtsstaat ins KZ“ gehörten, beschimpft wurden, veröffentlichte die Titanic später auf der CD Bild-Leser beschimpfen Titanic-Redakteure. Smudo bezeichnete diese CD gegenüber dem Rolling Stone als eines seiner Lieblingsalben.

Verfilmung Das Buch Ich tat es für mein Land diente Nico Raschick (Regie), Jochen Franken (Drehbuch) und Birke Birkner (Produktion) 2010 als Grundlage für die Kurzfilm-Komödie „The Final Fax“ an der Filmakademie Baden-Württemberg, mit Jan Dose als Martin Sonneborn und Frank Leo Schröder als Franz Beckenbauer.

Literatur Martin Sonneborn: Ich tat es für mein Land – Wie TITANIC einmal die Fußball-WM 2006 nach Deutschland holte: Protokoll einer erfolgreichen Bestechung. Bombus-Verlag, München 2005, ISBN 3-936261-37-7.

Weblinks

„Wie Titanic einmal die Fußball-WM 2006 nach Deutschland holte. Protokoll einer erfolgreichen Bestechung“. Archivtext auf der Titanic-Website mp3-Ausschnitte von der CD „Bild-Leser beschimpfen Titanic-Redakteure“ „Wie Herr S. die WM nach Deutschland holte“. Spiegel Online über Martin Sonneborns Buch mit Fotos zu den Ereignissen damals Interview mit Martin Sonneborn im Kölner Stadt-Anzeiger vom 13. Dezember 2005 Download der Titanic-Ausgabe vom August 2000 via archive.org

Anmerkungen

Kategorie:Satire Kategorie:Fußball-Weltmeisterschaft 2006 Kategorie:Kultur (Frankfurt am Main) Kategorie:Fußballkultur Kategorie:Titanic (Magazin)