Europasaurus („Echse aus Europa“) ist eine Gattung der sauropoden Dinosaurier. Die einzige bekannte Art Europasaurus holgeri wurde 1998 von dem Hobby-Paläontologen Holger Lüdtke im Kalksteinbruch Langenberg bei Goslar entdeckt. Dort konnten mittlerweile 1300 Knochen von mindestens 21 Tieren sichergestellt werden. Vermutlich handelte es sich um eine Herde, die gleichzeitig bei einer Flut oder einem Blitzschlag zu Tode kam.
Europasaurus lebte vor etwa 154 Millionen Jahren auf einer oder mehreren Inseln des Niedersächsischen Beckens im Oberjura. In Anpassung an die begrenzten Futterressourcen seines Lebensraums war Europasaurus für einen Sauropoden ungewöhnlich klein. Forscher sehen hierin einen Nachweis für Inselverzwergung bei Dinosauriern. Die gefundenen Fossilien von Europasaurus gehören unterschiedlichen Altersstadien an. Dies ermöglicht es, die Entwicklung von nur wenige Wochen alten Jungtieren zu ausgewachsenen Sauriern nachzuvollziehen. Zur variierenden Körpergröße erwachsener Tiere gibt es mehrere Theorien. So könnte es sich um zwei differente Arten, Populationen unterschiedlicher Inseln oder um Geschlechtsunterschiede handeln.
Europasaurus wurde 2006 erstmals wissenschaftlich beschrieben und den Macronaria zugeordnet. Die Knochen wurden in einer Präparatorationswerkstatt des Dinosaurier-Freilichtmuseums Münchehagen bei Hannover aus den Gesteinsblöcken freigelegt. 2017 widmete das Naturhistorische Museum Braunschweig Europasaurus eine Sonderausstellung mit dem Titel Jurassic Harz.
Merkmale Habitus mini|Größenvergleich zwischen Europasaurus und Mensch Europasaurus war ein vergleichsweise kleiner Sauropode. Während die Vertreter der zur gleichen Zeit auf dem afrikanischen Kontinent vorkommenden Gattung Giraffatitan eine Länge von 23 Meter erreichten, maß Europasaurus von der Schwanzspitze bis zum Kopf maximal 8 Meter.Oliver Wings: Europasaurus. Urzeitinseln voller Leben. Verlag Dr. Friedrich Pfeil, München 2020, ISBN 978-3-89937-264-9, S. 168. Ausgewachsene Tiere wurden mindestens 6 Meter lang und wogen Schätzungen zufolge etwa 800 Kilogramm.Michael Scheil, Martin Sander: Ein Zwerg unter Riesen. Der sauropode Dinosaurier Europasaurus und seine Evolution und Lebensweise. In: Jurassic Harz: Dinosaurier von Oker bis Wyoming. Verlag Dr. Friedrich Pfeil, München 2017, ISBN 978-3-89937-220-5, S. 49–56, hier S. 50. Vertreter aus der Gruppe der Brachiosauridae, mit denen Europasaurus möglicherweise verwandt war, wogen nahezu das 50-Fache. Die Höhe der erwachsenen Europasaurier variierte zwischen zwei und drei Meter. Wegen der für Sauropoden ungewöhnlich kleinen Körpermaße ging die Forschung zunächst davon aus, dass die fossilen Knochen noch nicht ausgewachsenen Jungtieren gehörten. Histologische Untersuchungen widerlegten diese Annahme jedoch.Oliver Wings: Auf Zwergdinojagd im Langenberg-Steinbruch bei Goslar. In: Fossilien. Journal für Erdgeschichte. Heft 2/2014. Goldschneck, Wiebelsheim 2014, S. 44–50, hier S. 46. Die Forscher fanden in den Knochen einiger Europasaurier nämlich nah aneinander gereihte Wachstumsmarken. Sie ähneln den Jahresringen eines Baumes und sind ein Beweis für ausgewachsene Tiere. Umgekehrt weisen die Fossilien der Jungtiere durch Wachstumspausen entstandene Ringe auf, die sich nicht so nahe beieinander befanden.Sensationsfund. Die „Mini-Dinosaurier“ aus dem Harz. In: Informationsdienst Wissenschaft, 7. Juni 2006, abgerufen am 17. Februar 2023. Abgesehen von seiner nur geringen Größe zeigte Europasaurus die typischen Merkmale eines Sauropoden. An den kleinen Kopf schloss sich ein langer Hals an. Der Bauch war massiv, der Schwanz lang und die vier Beine säulenförmig.Emanuel Tschopp: Brontosaurus und Europasaurus – Sauropoden waren nicht alle gigantisch. In: Jurassic Harz: Dinosaurier von Oker bis Wyoming. Verlag Dr. Friedrich Pfeil, München 2017, ISBN 978-3-89937-220-5, S. 32–37, hier S. 32–33.
Schädel mini|Schädelrekonstruktion Bislang wurde noch kein komplett erhaltener Schädel von Europasaurus gefunden.Michael Scheil, Martin Sander: Ein Zwerg unter Riesen. Der sauropode Dinosaurier Europasaurus und seine Evolution und Lebensweise. In: Jurassic Harz: Dinosaurier von Oker bis Wyoming. Verlag Dr. Friedrich Pfeil, München 2017, ISBN 978-3-89937-220-5, S. 49–56, hier S. 50. Im Vergleich zu anderen Sauropoden sind jedoch viele gut erhaltene Fragmente bekannt. Dies stellt aufgrund der Zerbrechlichkeit von Schädelknochen dieser Tiere eine Besonderheit dar.Oliver Wings: Auf Zwergdinojagd im Langenberg-Steinbruch bei Goslar. In: Fossilien. Journal für Erdgeschichte. Heft 2/2014. Goldschneck, Wiebelsheim 2014, S. 44–50, hier S. 46. Die bisher 123 gefundenen Schädelknochen lassen sich mindestens 15 Exemplaren zuordnen.Jean Sebastian Marpmann, José Luis Carballido, P. Martin Sander, Nils Knötschke: Cranial anatomy of the Late Jurassic dwarf sauropod Europasaurus holgeri (Dinosauria, Camarasauromorpha): ontogenetic changes and size dimorphism. In: Journal of Systematic Palaeontology, Taylor & Francis, London 2014, doi:10.1080/14772019.2013.875074. Paläontologen konnten deshalb das Aussehen des Schädels rekonstruieren. Als Schwierigkeit erwies sich dabei, dass die Fossilien von Exemplaren aus unterschiedlichen Alters-, Entwicklungs- und Größenstadien stammen. Martin Sander und Michael Scheil gehen von einer Schädellänge um die 30 cm aus. Wie alle Dinosaurier der Macronaria-Gruppe hatte Europasaurus eine große Nasenöffnung.Michael Scheil, Martin Sander: Ein Zwerg unter Riesen. Der sauropode Dinosaurier Europasaurus und seine Evolution und Lebensweise. In: Jurassic Harz: Dinosaurier von Oker bis Wyoming. Verlag Dr. Friedrich Pfeil, München 2017, ISBN 978-3-89937-220-5, S. 49–56, hier S. 50–51. Die fossilen Zähne weisen eine längliche Spatelform auf.Oliver Wings: Auf Zwergdinojagd im Langenberg-Steinbruch bei Goslar. In: Fossilien. Journal für Erdgeschichte. Heft 2/2014. Goldschneck, Wiebelsheim 2014, S. 44–50, hier S. 44. Sie waren eng beieinander angeordnet, besonders im vorderen Kieferbereich und überlappten sich dort leicht. Ein großes Jochbein bildet die obere vertikale Kante des Schädels. Das Merkmal tritt sowohl bei jungen als auch erwachsenen Tieren auf und stützt daher die These einer Heterochronie. Damit ist gemeint, dass die evolutionäre Verzwergung von Europasaurus und damit zusammenhängend der Wachstumsstop dazu führte, dass viele Merkmale erwachsener Sauropoden nicht voll ausgebildet wurden.
Die Hohlräume der rekonstruierten Schädel konnten 2022 mittels computertomographischen Scans untersucht werden. Auf diese Weise gelang die Rekonstruktion des Gehirns, der Innenohren und einiger Nerven. Es zeigte sich, dass die Bereiche für das Hörvermögen im Innenohr besonders groß ausfielen. Die Paläontologen vermuten daher, dass die Kommunikation in einem Herdenverband für Europasaurus eine wichtige Rolle gespielt haben könnte. Da bei dem Innenohr die Form und die relative Größe sich zwischen Jung- und Alttieren kaum unterscheidet, wird zudem von einem früh hochentwickelten Gleichgewichtssinn ausgegangen. Dies legt nach Meinung der Forscher nahe, dass Europasaurus schon kurz nach dem Schlüpfen sich als Nestflüchter selbst versorgen konnte.Marco Schade et al.: Neurovascular anatomy of dwarf dinosaur implies precociality in sauropods. In: eLife, 20. Dezember 2022, abgerufen am 19. Februar 2023, doi:10.7554/eLife.82190.
Körperskelett Die Wirbelsäule ist nicht vollständig bekannt. Der Paläontologe José Carballido schätzt jedoch, dass sie aus 12 Hals-, 12 Rücken-, 5 Becken- und 60 Schwanzwirbeln bestand.Michael Scheil, Martin Sander: Ein Zwerg unter Riesen. Der sauropode Dinosaurier Europasaurus und seine Evolution und Lebensweise. In: Jurassic Harz: Dinosaurier von Oker bis Wyoming. Verlag Dr. Friedrich Pfeil, München 2017, ISBN 978-3-89937-220-5, S. 49–56, hier S. 52. Unklarheit besteht auch bei den exakten Größenverhältnissen der Beine. Hier wurden nur Knochenbruchteile gefunden, etwa vom Oberarmschenkel. Dieser war wie auch bei nah verwandten Spezies wahrscheinlich kürzer als der Oberschenkel.Michael Scheil, Martin Sander: Ein Zwerg unter Riesen. Der sauropode Dinosaurier Europasaurus und seine Evolution und Lebensweise. In: Jurassic Harz: Dinosaurier von Oker bis Wyoming. Verlag Dr. Friedrich Pfeil, München 2017, ISBN 978-3-89937-220-5, S. 49–56, hier S. 53. Schädel und Halsknochen, aber auch das Schulterblatt ausgewachsener Tiere weisen auf zwei verschiedene Morphotypen oder Dimorphismus hin. Die genannten Knochen sind nicht nur von unterschiedlicher Größe, sondern weisen auch verschiedene Proportionen auf.Jose Luis Carballido, Michael Scheil, Nils Knötschke und Martin Sander: The appendicular skeleton of the dwarf macronarian sauropod Europasaurus holgeri from the Late Jurassic of Germany and a reevaluation of its systematic affinities, Journal of Systematic Palaeontology, (2019) doi:10.1080/14772019.2019.1683770. Die Unterschiede werden unter anderem durch geschlechtsspezifische Abweichungen erklärt. In Frage kommen aber auch auf unterschiedlichen Inseln entwickelte Populationen, die sich an verschiedene Lebensräume anpassten. Möglicherweise vermieden die Tiere durch eine Spezialisierung auf unterschiedliche Nahrungsressourcen die Konkurrenz zueinander. Einer weiteren Theorie nach handelte es sich um verschiedene Arten, die zu unterschiedlichen Zeiten lebten. Auch über individuelle Variationen wird diskutiert.Jean Sebastian Marpmann, José Luis Carballido, P. Martin Sander, Nils Knötschke: Cranial anatomy of the Late Jurassic dwarf sauropod Europasaurus holgeri (Dinosauria, Camarasauromorpha): ontogenetic changes and size dimorphism. In: Journal of Systematic Palaeontology, Taylor & Francis, London 2014, doi:10.1080/14772019.2013.875074. Bei Untersuchungen am Extremitätenskelett 2019 wurden nur wenige morphotypische Variationen gefunden. Dies wird unter anderem durch eine Diagenese, also den geologischen Prozess der Verfestigung von Sedimenten zu Gestein, erklärt. Einige Knochen könnten dadurch so weit beeinträchtigt worden sein, dass sich morphotypische Abweichungen nicht mehr erkennen lassen. Einer anderen Erklärung nach waren bei den Gliedmaßen kaum dimorphische Merkmale ausgeprägt. Die Studie stellte mögliche ontogenetische Veränderungen fest. Demnach waren die Vorderbeinknochen bei Exemplaren in einem frühen Entwicklungsstadium noch robuster und kürzer gebaut, danach wurden sie filigraner und länger.Jose Luis Carballido, Michael Scheil, Nils Knötschke und Martin Sander: The appendicular skeleton of the dwarf macronarian sauropod Europasaurus holgeri from the Late Jurassic of Germany and a reevaluation of its systematic affinities, Journal of Systematic Palaeontology, (2019) doi:10.1080/14772019.2019.1683770
Fundgeschichte Entdeckung und Namensgebung