Unter Skisprungtechnik versteht man die Art und Weise, wie ein Skispringer seinen Sprung ausführt. In der über 100-jährigen Geschichte des Skispringens gab es mehrere unterschiedliche Techniken für Anlauf, Absprung, Flughaltung und Landung. Durch die Änderung der Technik im Laufe der Jahre konnten immer größere Weiten erreicht werden.
Mit „Flugsystem“, vereinfachend auch „System“ genannt, wird meist in Sportkommentaren und -berichten (sieheSZ Problem Brechstange sueddeutsche.deBerliner Morgenpost Neue Regeln lassen die alten Helden abstürzen morgenpost.de) das Zusammenwirken der Sprungtechnik-Details in der Flugphase des Sprungs bezeichnet.
Die Anfänge (1800–1860) mini|Optrakke-Stil mit angezogenen Beinen
Das Skispringen entwickelte sich Ende des 18. Jahrhunderts in der norwegischen Provinz Telemark aus der alpinen Abfahrt. In den Anfängen wurde hier über größere Schneehügel, schneebedeckte Holzhaufen und Scheunendächer gesprungen. Hierbei wurde der sogenannte „Optrakke-Stil“ verwendet. Bei diesem Stil nahmen die Skispringer etwa 15 Meter oberhalb des Absprungpunktes die Startposition ein. Beim Anlauf wurden die Knie gebeugt und der Oberkörper leicht nach vorne gebracht. Kurz vor Erreichen der Schanzentischkante wurde der Oberkörper aufgerichtet. Am Ende der Anlaufbahn ließ sich der Skispringer in die Höhe schleudern. Während der Flugphase wurden die Beine leicht angezogen, um den Sprung möglichst hoch wirken zu lassen. Mit diesem Stil konnten Weiten um 10 bis 20 Meter erreicht werden. Der erste nachweislich gemessene Sprung fand 1808 statt. Leutnant Olaf Rye gelang ein Sprung von 9,5 Metern über einen künstlich aufgeworfenen Schneehügel. 1860 erreichte der damals berühmteste Springer Sondre Norheim, ein Zimmermann und Skibauer aus dem Telemarker Dorf Morgedal, eine Weite von 30,5 Metern. Diese Weite wurde 33 Jahre lang nicht überboten.
Weiterentwicklung in Norwegen (1860–1900) Weil der Landungsdruck bei einem schrägen Aufsprungwinkel erheblich geringer ist, wurde die Aufsprungzone von der Ebene in den Hang verlegt. Diesen neuen Gegebenheiten wurde auch der Sprungstil angepasst. Es bildete sich der so genannte „Sta-rak-Stil“ (sta-rak = aufrecht stehen). Hierbei wurde aufrecht, fast kerzengerade gesprungen. Dies sah eleganter aus und gab daher hohe Haltungsnoten, die damals wesentlich wichtiger waren als die Weitenpunkte. Die einzige Gemeinsamkeit mit dem Optrakke-Stil war das krampfhafte Rudern mit den Armen, um die Balance zu halten. Ein mitgeführter Balancestock erwies sich als eher hinderlich und verlor an Bedeutung. 1883 war es Torju Torjussen, der nach einem Sprung im Sta-rak-Stil die Telemarklandung einführte, die bis heute hohe Wertungsnoten gibt. Im Auslauf brachte sich der Springer mit einem abschließenden Telemarkschwung oder einer Scherenstellung der Skier endgültig zum Stehen.
Auf Grund höherer Haltungsnoten entwickelte sich der „Truppe-ned-Stil“ (Spitzen tief). Dieser ähnelte dem Sta-rak-Stil, jedoch wurden die Skier hierbei parallel zum Hang geführt, das heißt, die Skispitzen zeigten nach unten. Das damit verbundene Senken der Skispitzen wirkte sich allerdings erheblich auf die Sprungweite aus, da der erhöhte Luftwiderstand den Springer merklich bremste und ihm somit Schwung nahm.
Weiterentwicklung außerhalb Norwegens (1900–1930) mini|Vorlagenstil 1951
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wanderten viele norwegische Skispringer in die USA aus, da sie hier mit Skispringen Geld verdienen konnten. Während in Norwegen die Ästhetik, also die Haltungsnoten, im Vordergrund standen, war das Publikum in den USA eher an großen Weiten und spektakulären Sprüngen als an einem schönen Stil interessiert. Zwischen 1900 und 1930 wurden alleine 12 der 20 aufgestellten Weitenweltrekorde von norwegischen Springern in Nordamerika aufgestellt. Daher kamen die meisten Weiterentwicklungen in den folgenden Jahren aus den USA. Hier wurden immer größere Sprunganlagen gebaut, was sich nicht nur auf die Weiten, sondern auch auf die Anfahrtsgeschwindigkeit und den damit verbundenen Luftwiderstand auswirkte. Daher musste der Sprungstil erneut angepasst werden. Es setzte sich ab 1912 der „Vorlagen-Stil“ durch. Bei diesem Stil wurde in der Flugphase der Oberkörper in den Hüften nach vorne gebeugt, um so den Luftwiderstand zu verringern. Erstmals Erfolg mit dem neuen Stil hatte Jacob Tullin Thams, der die Konkurrenz bei seinem überlegenen Olympiasieg 1924 in Chamonix deutlich deklassierte. Es wurde aber immer noch mit den Armen während des Fluges gerudert.Jacob Tullin Thams – Video und Bilder. Auf: www.olympic.org
In den 30er Jahren war der Norweger Birger Ruud einer der besten Skispringer, was sich an zahlreichen Titeln (Olympiasieg 1932 und 1936, dreifacher Weltmeister zwischen 1931 und 1937) zeigte.Birger Ruud – Video. Auf: www.olympic.org Er sprang den sogenannten Kongsberg-Stil. Dieser Sprungstil zeichnete sich durch einen extrem starken Hüftknick aus und wurde von Jacob Tullin Thams sowie Ruuds älterem Bruder Sigmund entwickelt.
Eine weitere Variante des Vorlagen-Stils benutzte Sepp Bradl, der 1936 in Planica als erster die 100-Metermarke erreichte. Statt zu rudern, streckte er seine Arme nach vorne.
Wissenschaft und der Fisch-Stil (1950–1986) mini|Fisch-Stil 1973 mini|Telemarklandung
Reinhard Straumann, ein Schweizer Flugzeugingenieur und selbst ehemaliger Skispringer, erkannte als erster bereits 1924 an den Sprüngen von Thams den entscheidenden Einfluss der Luft als tragendem Faktor. Er beschäftigte sich ab 1926 erstmals wissenschaftlich mit dem Skispringen und untersuchte die Beziehung von Geschwindigkeit, Technik, Körperhaltung und Schanzenprofilen. Er führte hierzu Messungen bei Sprungveranstaltungen durch und experimentierte mit Springerpuppen im Windkanal der Universität Göttingen. 1926/27 veröffentlichte er seine Theorie über die aerodynamisch günstigste Körperhaltung. Er kam zu der Erkenntnis, dass der Springer die besten Weiten erzielen kann, wenn er eine Flughaltung annimmt, die dem aerodynamischen Prinzip von Flugzeugtragflächen nachempfunden ist. Seine Theorie wurde jedoch erst 20 Jahre später praktisch umgesetzt. In den 1940er Jahren studierte er diesen theoretisch entwickelten Stil mit einigen Springern ein. Die Technik variierte dabei im Ausprägungsgrad der Körpervorstreckung und ging teilweise in eine fast gestreckte Flughaltung über. Weiter instruierte er die Springer, nach dem Absprung die Arme ganz ruhig an den Körper zu legen und die Hände neben die kaum noch geknickten Hüften wie Flossen zum Steuern des Fluges zu benutzen. Diese Technik wurde zunächst als Däscher-Stil bezeichnet. Später wurde sie wegen der Körperhaltung auch Tropfen-Stil oder Fisch-Stil genannt. Eine weitere Bezeichnung ist Finnischer Stil, da der neue Stil von Straumann zu einer Domäne einiger junger finnischer Springer wurde. Ab 1953, bei der ersten Vierschanzentournee, etablierte sich dieser Stil, jedoch wurde bis in die 1960er Jahre von einigen Springern weiterhin die Variante mit ausgestreckten Armen bevorzugt. Im Zusammenhang mit dem Ende der 1980er Jahre entstandenen V-Stil wird der Fisch-Stil heute meistens wegen der parallelen Skihaltung als Parallel-Stil bezeichnet. Bis in die 1980er Jahre hinein dominierte mit leichten Variationen die nach vorne gestreckte Flughaltung mit paralleler Skiführung. Besonders zu erwähnen sind hier drei Skispringer: Toni Innauer, Matti Nykänen und Jens Weißflog. Toni Innauer sprang 1976 bei der Oberstdorfer Skiflugwoche einen so perfekten Fisch-Stil, dass er fünfmal die beste Haltungsnote 20 erhielt. Matti Nykänen und Jens Weißflog dominierten die 1980er Jahre und lieferten sich oft spannende Zweikämpfe um die Siege. Eine weitere Neuerung der späten 1980er Jahren ist die Einführung des sogenannten Happle-Balkens, von welchem sich der Skispringer auf den Anlauf begibt. Erstmals bei Olympischen Spielen fand er 1988 Anwendung. In Sarajevo 1984 startete man noch aus den Luken.
Anlauftechnik Eine weitere Neuentwicklung fand 1975 in der DDR statt. Hier entdeckten Techniker, dass es beim Anlauf aerodynamisch günstiger ist, die Arme nach hinten zu nehmen, anstatt wie bisher nach vorne. Diese Anlaufhaltung setzte sich sehr schnell durch.
Entwicklung des V-Stils (ab 1986) Die Anfänge – Jan Boklöv (1986–1990) Jan Boklöv, ein bis dahin fast unbekannter schwedischer Skispringer, der eher wenig Erfolg hatte (45. im Weltcup 1986/87 mit 12 Punkten), sollte Ende der 1980er Jahre das Skispringen revolutionieren. Eher durch Zufall erkannte er im Jahr 1986 den Vorteil einer geänderten Beinhaltung: Um bei einem missglückten Trainingssprung einen Sturz zu vermeiden, nahm er die Beine auseinander und sprang dadurch noch drei bis fünf Meter weit, bis er schließlich sicher landete. Nach dieser Beobachtung begann er diesen Stil, der damals noch „Froschstil“ oder auch Boklöv-Schere genannt wurde, zu trainieren. Eine vergleichbare Technik hatte seit 1969 bereits der Pole Mirosław Graf angewandt und war damit auch beim Weltcup-Springen in Zakopane 1980 gestartet. Graf erzielte mehrfach große Weiten, erhielt jedoch regelmäßig schlechte Haltungsnoten, sodass sich seine Technik zunächst nicht durchsetzte.Karriererückblick Mirosław Graf auf skijumping.pl (polnisch), abgerufen am 9. September 2020.
Boklöv sprang vermutlich bei der Vierschanzentournee in der Saison 1986/87 das erste Mal mit dem neuen, ungewöhnlichen Stil. Die Variante stieß auch in seinem Fall auf Ablehnung, da er den ästhetischen Ansprüchen nicht genügte. Vor allem die Norweger, darunter der Präsident des Skisprungkomitees Torbjørn Yggeseth, wehrten sich gegen den neuen Stil des Schweden, daher bekam er für diesen Stilbruch hohe Abzüge bei den Haltungsnoten (statt 19 oder 19,5 Punkte nur 14 oder 15 Punkte). Diese Abzüge konnte er nicht immer durch die größeren Weiten kompensieren, was sich an den Ergebnissen aus der Saison 1986/87 und 1987/88 zeigt (1986/87 beste Platzierung 10. in Innsbruck, 1987/88 zwar zwei 2. Plätze in Lahti, jedoch auch mehrfach nicht unter den besten 30, Gesamtergebnis Platz 10 im Weltcup mit 64 Punkten).
In der Saison 1988/89 gelang ihm jedoch der endgültige Durchbruch mit seinem neuen Stil. Beim zweiten Weltcupspringen der Saison in Lake Placid siegte er das erste Mal. Er gewann in dieser Saison insgesamt fünf Weltcupspringen und war 18 Mal unter den ersten zehn Springern, was den Weltcup-Gesamtsieg bedeutete. Nach dieser Saison war klar, dass der neue Stil, der mittlerweile V-Stil genannt wurde, konkurrenzfähig zum klassischen Stil mit paralleler Skiführung war. Bereits in der nächsten Saison begannen einige Springer mit der Umstellung auf den neuen Stil. Dies sorgte für Diskussionen in Springer-, Trainer- und Funktionärskreisen. Nachteil dieses Stils waren weiterhin die hohen Abzüge bei den Haltungsnoten. Jan Boklöv konnte in den folgenden Jahren nicht mehr von seiner „Erfindung“ profitieren. So belegte er am Ende der Saison 1989/90 Platz 14 mit 80 Weltcuppunkten. Nur zu Beginn dieser Saison war er noch unter den Top Ten zu finden. Gegen Ende der Saison schaffte er oftmals keinen zweiten Durchgang. In der darauffolgenden Saison wurde er noch 50. im Gesamtweltcup.
Bereits Anfang der 80er Jahre sprang der kanadische Springer Steve Collins einen „umgekehrten V-Stil“.Kurier-Artikel, Bild 16 der Slideshow abgerufen am 2. Jänner 2015. Dieser Stil glich einem „Schneepflug-Stemmbogen“. Trotz der hohen Punktabzüge bei der Haltung wurde er 1980 so Juniorenweltmeister.
Die Umstellungsphase (ab 1990) mini|V-Stil