Der Industriemeister, früher und in Österreich auch derzeit Werkmeister, ist eine staatlich anerkannte Weiterbildung und Prüfung. Rechtsgrundlage ist in Deutschland das Berufsbildungsgesetz. Der Industriemeister ist nicht zu verwechseln mit dem Handwerksmeister, der zur selbständigen Führung eines Handwerksbetriebs berechtigt, und mit dem staatlich geprüften Techniker.
Ein Industriemeister wird in der Regel als industriell-technische Führungskraft auf der Ebene zwischen der Betriebsleitung und seinen unmittelbaren Mitarbeitern eingesetzt. Die Ausbildung zum Industriemeister verbindet technisches Wissen mit einer stärkeren Ausrichtung auf Führungsaufgaben. Neben technischen Aufgaben obliegen ihm betriebswirtschaftliche Aufgaben. Die Ausbildung zum Techniker ist hingegen stärker auf technische Fachthemen bezogen. Ein typisches Aufgabenfeld eines Industriemeisters ist das eines Produktionsleiters (reibungslose Abläufe in der Produktion und die Sicherstellung von Qualitätsstandards der Produkt, Arbeitsschutz und die Unfallverhütung).Informationsseite des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK); abgerufen am 10. Februar 2019.
Geschichte des Werk- und Industriemeisterberufs Die Anfänge mini|Wappen der ehemaligen Werkmeisterschule in Magdeburg (gegründet 1891). – Auch Berufswappen der WerkmeisterG. A. Seyler: J. Siebmacher’s Wappenbuch: Berufswappen, Bauer & Raspe, Nürnberg 1898, S. 6 u. Tafel 6, Abb. 5.
Die Stellung des Werkmeisters entstand im Zuge der Industrialisierung aus der Aufgabe des Meisters im traditionellen Handwerk: Aus dem zünftigen Handwerksmeister in der eigenen Werkstatt wurde der „Werkmeister“, zunächst in der Manufaktur, dann im Industriebetrieb, der Fabrik. Dieser war der sichtbare Vertreter des Betriebsinhabers, der mit den anderen handwerklich Tätigen in der Werkstatt arbeitete. Der Meister wies mehr Fachwissen und -können auf als der „normale“ Fabrikarbeiter. Damit stellte er das Bindeglied zwischen der Geschäftsleitung und den Arbeitern auf der unteren Hierarchieebene dar. – Die Bezeichnung „Werkmeister“ selbst wurde aus den Traditionen der mittelalterlichen Bauhütten übernommen, welche sich in ihrem Aufbau und bzgl. der Besitzverhältnisse von den Handwerkerzünften unterschieden und den Begriff „Fabrik“ schon kannten.
Der Meister hatte im Betrieb die Stellung eines Vorgesetzten, die im 19. Jahrhundert folgende Aufgaben ausübte:
fachliche Personalführung, disziplinarische Personalführung, technische Funktionen, organisatorische Funktionen.C.H. Antoni: Betriebliche Führungsstruktur im Wandel – Zur Rolle und Funktion von Meistern und Gruppensprechern im Rahmen von Gruppenarbeit. 1994, S. 117.
Die Ausbildung der Werkmeister erfolgte in der Regel bedarfsbezogen innerbetrieblich, vereinzelt von Arbeitgeberverbünden organisiert, in den am Ende des 19. Jahrhunderts expandierenden Großunternehmen auch in eigenen Werksschulen, jedoch ebenso in Kursen im entstehenden, zwischen Lehrlingsausbildung und Hochschulen angesiedelten technischen Fachschulwesen (Gewerk- bzw. Gewerbeschulen usw.). Bereits 1855 ist in Chemnitz die erste „Werkmeisterschule“ als eine auf handwerkliche Ausbildung aufbauende Fachschule entstanden. An deren Lehrprogramm orientierten sich viele später entstandene ähnliche Einrichtungen. Weitere ausdrücklich „Werkmeisterschule“ genannte Bildungsstätten gab es in Dortmund, Duisburg, Elberfeld-Barmen (Wuppertal), Gleiwitz, Hannover, Köln und Magdeburg. In Österreich übernahmen teilweise die Staatsgewerbeschulen diese Aufgabe.
Standesbewusstsein und Berufsverbände Die gegenüber den lohnabhängigen Arbeitern herausgehobene Stellung als Angestellte mit fixem Gehalt und als „Herren der Werkstatt“ führte trotz der mit diesen geteilten materiellen Abhängigkeit vom Betriebseigentümer zu einem – mit anderen Angestelltenberufen geteilten – Standesbewusstsein, das sich nicht zuletzt auch aus den Traditionen der selbständigen „ehrbaren“ Handwerksmeister speiste. Schon in den 1880er Jahren gründeten sie ständische, von den Arbeitergewerkschaften sich abgrenzende Interessenverbände – zum Teil gemeinsam mit, zum Teil in Konkurrenz zu den Angehörigen der sich gleichzeitig entwickelnden Spezialistenberufe der Techniker und Ingenieure, von denen sich die Werkmeister durch ihren Tätigkeitsschwerpunkt in der Betriebsorganisation und der Personalführung unterschieden.
mini|Abzeichen des Deutschen Werkmeister-Verbands (um 1914)
In Deutschland entstand 1884 in Düsseldorf der Deutsche Werkmeister-Verband (DWV), der 1921 den Dachverband Allgemeiner freier Angestelltenbund (AfA-Bund) mitgründete. Mit ungefähr 130.000 Mitgliedern im Jahr 1929 war er der größte Zusammenschluss in diesem Berufssegment. Daneben gab es den zum christlich-nationalen Gesamtverband deutscher Angestelltengewerkschaften beigetretenen, erst 1919 gegründeten Deutschen Werkmeisterbund (DWB) mit Sitz in Essen und ungefähr 18.000 Mitgliedern im Jahr 1930 sowie einige wesentlich kleinere branchenbezogene Vereinigungen wie etwa den 1907 gegründete Werkmeister-Verband der Schuhindustrie. – Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 fand die Arbeit aller Verbände ihr Ende. Die bisher eigenverantwortlich organisierte Bildungsarbeit der Werkmeisterorganisationen übernahm die nationalsozialistische Deutsche Arbeitsfront, die in Gelsenkirchen eine „Reichsschule für Werkmeister“ organisierte und mit dem Kursmaterial für die „Lehrgemeinschaften für Werkmeister“ und den Kurs-Abschlussprüfungen ideologischen Einfluss geltend machte, jedoch auch mit den innerbetrieblichen Bildungsmaßnahmen der Industrie in Konkurrenz geriet. In Österreich wurde 1895 in der nordböhmischen, damals österreichischen Industriestadt Reichenberg der Allgemeine österreichische Verband der Werkmeister gegründet, dessen Name später in Allgemeiner österreichischer Verband der Werkmeister und Industriebeamten [im heutigen Sinne: -angestellten] erweitert wurde. Er hatte in Wien einen zweiten Sitz. Bereits im Jahr 1911 zählte er 11.500 Mitglieder. Mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 wurde er aufgelöst. In der Schweiz entstand 1893 der Schweizer Werkmeister-Verband (SWV), der 1918 Gründungsmitglied der Vereinigung schweizerischer Angestelltenverbände war, sich 1988 in Schweizer Kader Organisation (SKO) und 2021 in Swiss Leaders umbenannte und noch heute besteht.
Diese Verbände entwickelten neben ihrer berufsbezogenen Tätigkeit mit Schulungen, Vorträgen und der Vertretung wirtschaftlicher und rechtlicher Interessen ihrer Mitglieder zum Teil auch ein eigenes Vereinsleben mit Abzeichen und Fahnen als Kennzeichen sowie Kulturprogrammen mit bürgerlich-kulturellem Anspruch. So bestand innerhalb des DWB der Werkmeister Frauen-Verein für die Ehefrauen der Werkmeister, für die es in der verbandseigenen „Werkmeister-Zeitung“ seit 1903 die Beilage „Die Frau Meisterin“ gab,Deutscher Werkmeister-Verband 1884-1909. Festschrift zur 25jährigen Jubelfeier. Werkmeister-Buchhandlung, Düsseldorf 1910, S. 74. und in Wien bestand ein „Gesangverein der Werkmeister und Industriebeamten“.
Neuere Entwicklungen Als die tayloristischen Fertigungs- und Organisationsfunktionen eingeführt wurden, erlebte das Berufs- und das Selbstbild des Meisters in der Industrie aufgrund von Arbeits- und Funktionsteilungen und der damit verbundenen Spezialisierung und Zentralisierung einen enormen Wandel. Steuernde und überprüfenden Aufgaben des Produktionszweigs, fachliche, organisatorische und technische Tätigkeitsfelder, die der Meister zuvor erledigt hatte, wurden umverlegt. Dies hatte deutliche Einschnitte bezüglich der Autorität, des Ansehens und der Aufgabe des Meisters zur Folge. Auch wurde die unmittelbare Verbindung zur Unternehmensleitung durch neu eingeführte Hierarchieebenen unterbrochen. Daher wird diese Zeit auch als die „erste Meisterkrise“ bezeichnet. In dieser Zeit wurde der Werkmeister faktisch zum Industriemeister.
In den 1930er Jahren gab es deutschlandweit Hunderte unterschiedlicher Bezeichnungen für Beschäftigte mit Meisteraufgaben in der Industrie, die erst 1947 unter dem Begriff Industriemeister vereinigt wurden. Die Bezeichnung wurde von der Arbeitsstelle für betriebliche Berufsbildung (ABB), einer von den Wirtschaftsverbänden getragenen Einrichtung, durch die Herausgabe des ersten Einheitskonzeptes für die Heranbildung von Meistern in der Industrie festgelegt. Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 hat sich der Meisterberuf mithilfe von öffentlich geregelten Aufstiegsfortbildungen weiterentwickelt. Auch in der DDR gab es diese Weiterentwicklung, allerdings nicht in der vollständig gleichen Form (s. unten).P. Fuchs-Frohnhofen, K. Henning: Die Zukunft des Meisters in modernen Arbeits- und Produktionskonzepten 1997, S. 1–44.
Der Beginn des Computerzeitalters veränderte wiederum die Stellung des Industriemeisters. Gut geschulte Facharbeiter besaßen vermehrt notwendige spezielle Maschinenkenntnisse, wodurch der Meister von ihnen abhängig wurde. Die Fachkräfte wollten aufgrund ihrer Kompetenzen auch Mitspracherechte eingeräumt bekommen, was die Entscheidungsmacht der Meister einschränkte. In den 1990er Jahren wurde die tayloristisch-fordistische Arbeitsweise von neuen Formen der Arbeitsorganisation, wie beispielsweise Gruppen- und Teamarbeit, abgelöst. Viele Mitarbeiter forderten aufgrund einer Vielzahl eigener Kompetenzen und Qualifikationen einen kooperativen Führungsstil vom Meister ein. Diese „zweite Meisterkrise“ erfolgte von „unten“, da die untergeordneten, fachlich sehr gut ausgebildeten Mitarbeiter auch mehr Entscheidungs- und Kontrollrechte erhielten. Durch den geforderten kooperativen Führungsstil verlor der Meister erneut an Autorität gegenüber seinen Mitarbeitern.
Heutzutage wird der Meister in der Industrie als Vermittler zwischen der Akademiker- und der Arbeiterebene angesehen, also ganz ähnlich der Aufgabe zu Beginn der Geschichte. Derzeit stehen Fragen bezüglich der Zukunft des Industriemeisters im Raum, wie zum Beispiel: „Verdrängt der Ingenieur den Meister?“ oder „Unterliegt der Industriemeister einem Fachkräftemangel?“.
Aufgaben der Meister in neuen industriellen Fertigungsgruppen Vereinfacht können zwei unterschiedliche Richtungen der Fertigungsorganisation innerhalb des Verantwortungsfelds der Meister im modernen Industriebetrieb umrissen werden: Erstens Gruppenarbeitskonzepte, die sich am Modell teilautonomer Arbeitsgruppen anlehnen, und zweitens Modelle, die sich an dem Konzept japanischer Fertigungsteams orientieren.
In teilautonomen Arbeitsgruppen Im Wesentlichen lassen sich, je nach Ausgestaltung der Kompetenzen der teilautonomen Arbeitsgruppe und der nächsthöheren Hierarchieebene, die folgenden fünf Aufgaben des Industriemeisters unterscheiden:
zielorientierte Führung und Koordination der Arbeitsgruppen, Stabilisierung der Rahmenbedingungen für die Gruppenarbeit, kontinuierliche Weiterentwicklung des sozio-technischen Systems, Mitarbeit bei Innovationen von Produkten, Technik- und Arbeitsorganisation, Personalführung.