Die Sammlung Luftfahrt.Industrie.Westfalen ist eine wissenschaftliche Sammlung zur Vor- und Frühgeschichte der aluminiumverarbeitenden Industrie, die sich vereinsgetragen seit 2017 im Aufbau befindet. Die Sammlung ist eng verbunden mit der frühen (Zeppelin-)Luftschifffahrt in Südwestfalen. Von etwa 1890 an bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs war der Werdohler Ortsteil Eveking der bedeutendste Standort dieser neuen metallverarbeitenden Industrie. Mit dem Zusammenschluss mehrerer Unternehmen zur Berg-Heckmann-Selve AG entfielen selbst 1928/1929 mit einer Produktionsmenge von rund 3.000 t noch rund 15 % der reichsweiten Halbzeugproduktion auf die Gesellschaft. Das Städtedreieck Altena – Lüdenscheid – Werdohl hatte mit den zahlreichen dort entstandenen Innovationen maßgeblichen Einfluss auf die deutsche Aluminiumindustrie und damit Industrie-, Technik- und Innovationsgeschichte geschrieben.
Geschichte Im Verlauf des Jahres 2017 fanden sich einige Werdohler und Auswärtige mit Interesse an der Thematik der Entwicklung der frühen Aluminiumindustrie in den Werdohler Ortsteilen Eveking und Bärenstein in der westfälischen Kleinstadt zusammen. Ihr Idee war, zukünftig die mit der Stadt Werdohl untrennbar verbundenen Entwicklung der frühen (Zeppelin-)Luftschifffahrt verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken.
Trägervereine Anfang 2018 entwickelte sich die Arbeitsgemeinschaft Zeppelinstadt Werdohl. Die ersten Ziele waren zu diesem Zeitpunkt bereits formuliert. So sollte mit der bevorstehenden Regionale 2025 der zukünftigen Entwicklung Werdohls ein positiver Schub gegeben werden. Grundlage war die historische Aluminiumindustrie zur Nutzung für ein zukünftiges Stadtmarketing sowie die Definition einer eigenen städtischen Identität. Die lose Struktur einer Interessen- bzw. Arbeitsgemeinschaft erwies sich dafür jedoch als ungeeignet und eine Vereinsgründung wurde vorangetrieben.
Verein Zeppelinstadt Werdohl e. V. Mitte 2018 gründete sich dann der Verein Zeppelinstadt Werdohl e. V., um mit einer festen Vereinsstruktur als Zuwendungsempfänger zukünftig Fördermittel aus den verschiedenen Bereichen der Kulturförderung erhalten zu können. Von Anfang an setzte sich der neu gegründete Verein inhaltlich von bereits bestehenden Vereinen, wie beispielsweise dem Heimat- und Geschichtsverein Werdohl e. V. oder dem Kleinen Kulturforum e. V., ab. Dies führte seitens der bereits etablierten Vereine zu Spannungen und stieß auf teilweise Ablehnung.Deshalb kam es zum Disput um den Zeppelin-Verein. In: Süderländer Volksfreund. 30. August 2019.
Die abgrenzende Linie wurde trotz inhaltlicher Überschneidungen und Interessen jedoch weiter geführt, da das Vereinsprogramm doch deutlich neue und andere Aspekte und Ziele enthält. Dazu zählen, neben den vereinsüblichen Zielen von Heimat- und Kulturvereinen insbesondere auch integrative Aspekte, Stadtmarketing und Stadt- und Regionalentwicklung. Darüber hinaus war es der ausdrückliche Wunsch verschiedener namentlich ungenannt bleibend wollender Leihgeber, die leihweise zur Verfügung gestellten Sammlungsobjekte nur einem Kreis ausgewiesener Spezialisten zu überlassen.
Verein Luftfahrt.Industrie.Westfalen e. V. Die schnell wachsende Sammlung ließ schon bald die notwendige zukünftige inhaltliche Neuausrichtung respektive Erweiterung des ursprünglichen Sammlungskonzeptes erkennen. Ausgehend vom ursprünglichen Gedanken, die Darstellung der Geschichte auf das Versetal und den Raum Altena – Lüdenscheid – Werdohl zu begrenzen, kamen insbesondere in den Jahren 2020 und 2021 zahlreiche Objekte mit überregionaler Bedeutung zur Sammlung hinzu. Daher wurde die thematisch-inhaltliche Erweiterung des Einzugsraum auf Westfalen unumgänglich, was sich zukünftig auch im Vereinsnamen widerspiegeln soll.
Zwischenzeitlich richtet sich die Sammlung bereits schon auf den gesamten Raum Nordrhein-Westfalen und weit darüber hinaus aus. Da die Sammlung aber auch weiterhin den Schwerpunkt auf (Süd-)Westfalen legen soll, bleibt der Name auf zunächst unbestimmte Zeit erhalten. Eine spätere Neuausrichtung ist aber, abhängig vom weiteren Wachstum der Sammlung, nicht ausgeschlossen und wird sich dann ebenso wieder im Namen widerspiegeln.
Pandemiebedingt wird die Umbenennung des Vereins zu Sammlung Luftfahrt.Industrie.Westfalen auf voraussichtlich 2022 verschoben.
Bedeutung der Sammlung mini|Löffel, Schachtel und Zertifikat der bei Wilhelm Berg gefertigten Erinnerungsstücke, 1908 mini|Trümmer des LZ 4 im Werk Eveking der Firma Carl Berg, 1908 mini|Wrackteile des im November 1916 abgeschossenen Marineluftschiffes LZ 78 – L 34 mini|Funktionsmodell eines Selve-Flugmotors, um 1920 mini|Abbau der Paraboloidelemente am ehemaligen Konsument-Warenhaus am Brühl, Leipzig (März 2010) mini|Eine Hortenkachel aus der Fassade des Warenhauses in Hamm
Sammlungsspezifik und Gliederung Eine wesentliche Besonderheit der Sammlung Luftfahrt.Industrie.Westfalen ist die inhaltliche Ausrichtung. Die Sammlung ist bereits heute die größte Spezialsammlung zur Vor- und Frühgeschichte der Aluminiumindustrie in Verbindung mit der Entwicklung der Luftfahrt. Bedeutende Museen zur Geschichte der (Zeppelin-)Luftschifffahrt gibt es in Deutschland beispielsweise in Friedrichshafen (Zeppelin Museum Friedrichshafen), dem Neu-Isenburger Stadtteil Zeppelinheim (Zeppelin-Museum Zeppelinheim) und in Nordholz (Aeronauticum).
Die Sammlungstätigkeit wurde bislang von verschiedenen institutionellen Unterstützern wie der Vereinigten Sparkasse im Märkischen Kreis, der Volksbank in Südwestfalen, der Kulturstiftung der Westfälischen Provinzial Versicherung sowie zahlreichen heimischen Unternehmen und Privatpersonen unterstützt.
In Friedrichshafen wird mit dem Schwerpunkt der Geschichte Zeppelins die weltweite Entwicklung der Luftschifffahrt erzählt. In Zeppelinheim die Geschichte des zur Unterbringung der Mitarbeiter des Flug- und Luftschiffhafens Rhein-Main entstandenen Ortsteils, in Nordholz die Geschichte der Marineluftschiffer und Seeflieger des ehemaligen Marineluftschiffhafens Nordholz.
Mit der Umsetzung der Museumsidee im Versetal wäre es nach dem Holmestrand Aluminium Museum das weltweit zweite relevante Museum zur Geschichte der Aluminiumindustrie und das weltweit erste, dass diese beiden symbiotisch verbundenen Themen konkret beinhaltet.
Derzeit gliedert sich die Sammlung in folgende Hauptgruppen: Sammlung Aluminium im Alltag Sammlung Aluminium- und Luftfahrtindustrie in Südwestfalen Sammlung Luftschifffahrt Sammlung Flugzeugbau in Südwestfalen Sammlung Gemälde und Graphik Sammlung Zeppelin-Memorabilien Sammlung Alliierte Kriegsflugblattpropaganda 1939-1945 im Märkischen Kreis Sammlung Lüdenscheider Impuls 1901-1906
Bedeutende Objekte Objekte zu LZ 4 und der Zeppelin-Euphorie ab August 1908
Eine der „Kernsammlungen“ des heutigen Sammlungsbestandes ist eine private Sammlung zur Geschichte des am Morgen des 5. August 1908 bei Echterdingen verunglückten Zeppelin-Luftschiffes LZ 4. Für Werdohl und die Firma Carl Berg ist das Luftschiff in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung. Die Aluminiumprofile des Luftschiffes wurden in Werdohl-Eveking gefertigt, per Kreis Altenaer Eisenbahn über den Werksanschluss nach Lüdenscheid gebracht und dort bei Wilhelm Berg konfektioniert und teilweise vormontiert. Danach wurde das Material per Staatsbahn ab Bahnhof Lüdenscheid an den Bodensee transportiert.
Nach dem Unglück wurden die Wrackteile, wie schon von den vorangegangenen Luftschiffen, zum Einschmelzen wieder nach Eveking gebracht. Im Rahmen der sich nach dem Zeppelin-Unglück entwickelnden Zeppelin-Euphorie im damaligen Deutschen Reich wurden aus den Resten Löffel und Medaillen gefertigt. Die Sammlung umfasst zahlreiche einmalige Objekte wie das bislang größte bekannte Wrackteil des LZ 4 oder ein aus den Resten des Luftschiffwracks geformten Kopfreliquiar. Zahlreiche weitere Objekte beschäftigen sich mit der Kitsch- und Andenkenindustrie rund um den Grafen Zeppelin.
Deutsch-britische Propaganda Die Vielfalt der bereits jetzt unentgeltlich und zur freien Verfügung bereitgestellten Exponate lässt eine große Bandbreite von Fragestellungen zu den Themenkreisen Luftfahrt-, Industrie-, Material-, Mentalitäts-, Zeit- und Sozialgeschichte zur Beantwortung zu. Anhand des Sammlungsbestandes zum Thema der Marineluftschiffe des Ersten Weltkrieges ergibt sich beispielsweise ein interessantes Bild des Umgangs der britischen Zivilbevölkerung und des Staates mit der neuartigen Kriegsführung aus der Luft durch deutsche Zeppelinluftschiffe. Wrackteile und daraus gefertigte (Volks-)Kunstobjekte belegen den Umgang mit dieser Bedrohung an der Heimatfront.
Deutsch-deutsche Architekturgeschichte Aus dem Bereich der Architektur/Kunst am Bau können beispielsweise originale hyperbolische Paraboloidelemente der vom Leipziger Künstler Harry Müller (1930–2020) gestalteten Aluminiumvorhangfassade des ehemaligen Konsument-Warenhauses am Brühl, Leipzig, im Volksmund auch als Blechbüchse bekannt, gezeigt werden.
Das westdeutsche Gegenstück dazu bilden die von Helmut Rhode (1915–1995) entworfene Hortenkachel der Wabenfassade der von Egon Eiermann (1904–1970) konzipierten und ab 1960/61 umgesetzten Warenhäuser der Horten AG.
Sammlung Alliierte Kriegsflugblattpropaganda 1939–1945 im Märkischen Kreis Die historisch-dokumentarisch bedeutende Teilsammlung umfasst einen hauptsächlich zwischen 2000 und 2008 geformten Sammlungsbestand von alliierten Propagandaflugblättern, die nachweislich im Zweiten Weltkrieg zwischen 1939 und 1945 auf dem Gebiet des heutigen Märkischen Kreises gefunden wurden. Die Sammlung besteht aus ca. 300 verschiedenen Exemplaren von Flugblättern, Flugblattbroschüren und gefälschten Lebensmittelmarken. Die damaligen Finder deckten zum Zeitpunkt der Funde eine Altersspanne vom Jugendlichen bis zum jungen Erwachsenen ab. Die Fundorte und Fundumstände der vorhandenen Blätter sind jeweils dokumentiert. Der Bestand stellt damit den größten geographisch zusammenhängenden dokumentierten geschlossenen Sammlungsbestand von an die deutsche Bevölkerung gerichteter alliierter Kriegsflugblattpropaganda des Zweiten Weltkrieges dar.Sammlung Luftfahrt.Industrie.Westfalen, Teilsammlung Alliierte Kriegsflugblattpropaganda 1939–1945 im Märkischen Kreis
Ein literaturwissenschaftlich bedeutendes Objekt ist eine Ausgabe der zwischen Mai 1943 – März 1944 verteilten Flugblattbroschüre Die andere Seite. (Drittes Heft) (Code-Nr. G.27).Flugblattbroschüre Die andere Seite (Heft 3, 1943) bei: Künste im Exil. (Abruf am 24. Oktober 2021) Das heute seltene Heft wurde von der britischen Kriegspropaganda in Zusammenarbeit mit deutschen Emigranten herausgegeben und von den Bombern der Royal Air Force in hunderttausenden Exemplare über dem Deutschen Reich abgeworfen. Es enthält unter anderem Texte emigrierter Schriftsteller, wie Thomas Mann und Bertolt Brecht.
Sammlung Lüdenscheider Impuls 1901-1906
Der Begriff des Lüdenscheider Impuls 1901-1906 wurde 1984 von dem Kunstwissenschaftler und späterem Vorsitzender der Gesellschaft für Designgeschichte (GfDg) Siegfried Gronert (Bauhaus-Universität Weimar) im Rahmen des dezentralen Ausstellungsprojektes Der westdeutsche Impuls 1900-1914 geprägt. Er lehnt sich dabei an den durch den 1972 durch den niederländischen Kunstwissenschaftler und späteren Politiker Nic. Tummers (Nicolaas Hendrik Marie Tummers, 1928-2020) geprägten Begriff des Hagener Impuls an.