mini|Wappen der Saionji (Hidari mitsu Tomoe), dem historischen Vorbild für die Familie Suzaku.
Aufstieg und Fall der Suzakus (, Suzaku-ke no Metsubō) ist ein am 25. Oktober 1967 veröffentlichtes Theaterstück von Yukio Mishima in vier Akten.
Es ist in die vier Akte „Frühling“, „Herbst“, „Sommer“ und „Winter“ gegliedert. Inhaltlich schildert es den Zerfall der einflussreichen Familie Suzaku, insbesondere des kaisertreuen Markgrafen Tsunetaka, während der letzten beiden Jahre des Pazifikkrieges. Zugleich ist das Stück eine Hommage an die griechische Tragödie Herakles von Euripides. Wie ihr Vorbild schildert sie ersten Akt den „Aufstieg des Tyrannen“, im Zweiten die „Ermordung des Kindes“, im Dritten die „Ermordung der Frau“ und im vierten und letzten Akt die „Akzeptanz des Schicksals“ (Amor fati). Durch seine offene Kritik am damaligen Kaiser Hirohito und sein Unbehagen mit der Nachkriegswelt wird das Werk häufiger mit Mishimas Kurzgeschichte Die Stimmen der heroischen Toten verglichen.
Obgleich überwiegend positiv aufgenommen, erreichte das Theaterstück nicht denselben kritischen Beifall wie Mishimas vorherige Bühnenwerke, insbesondere Rokumeikan und Madame de Sade. Dadurch animiert verwarf Mishima seinen Plan, Aufstieg und Fall der Suzakus zu seinem letzten Theaterstück zu machen und schrieb mit Mein Freund Hitler und Die Terrasse des aussätzigen Königs zwei seiner bekanntesten Werke unmittelbar nacheinander. Dieses Mal zu internationalem, universellem Beifall.
Charaktere Tsunetaka Suzaku mini|Hachiro Saionji, der 38. Oberhaupt der Saionji und Vorbild für den Markgrafen.
Markgraf, Oberhaupt der angesehenen Familie Suzaku und ein prominentes Mitglied der Adelsfamilie Dojo. Ehemaliger Kämmerer und früherer Schulkamerad des Tennō. Seine erste Ehefrau starb jung, angeblich wegen der Eifersucht der Göttin Benzaiten (der Schutzpatron der Familie). Auch seine zweite Ehefrau starb nur ein Jahr nach ihrem Ankommen.
Tsunehiro Suzaku Tsunetakas Sohn und Schüler des Gakushūin-Gymnasiums. Er meldet sich freiwillig bei der Marine und fällt im Einsatz bei der Belagerung einer Insel im Süden.
Rei Das Dienstmädchen der Familie Suzaku und eigentliche Mutter von Tsunehiro. Ihren Sohn nennt sie „Wakasama“ (dt. in etwa „junger Meister“; eine Höflichkeitsanrede). Sie versucht ihn davon abzuhalten, sich freiwillig für den Kriegsdienst anzumelden; als dies misslingt, ändert sich ihr frohes Gemüt. Nach dem Krieg wirft sie Tsunetaka vor, den Tod ihres gemeinsamen Sohnes verursacht zu haben.
Ritsuko Matsunaga Tsunehiros Freundin und Studentin an der Gakushūin-Frauenschule. Einen Tag vor seiner Abreise zu den Südinseln fragt sie ihn, ob er sie heiraten möchte und er bejaht es. Ihren letzten Abend verbringen sie an einer mondhellen Nacht im Park, stolzierend „wie ein Bräutigam und seine Braut.“
Mitsuyasu Suzaku Tsunetakas jüngerer Bruder. Mit Hilfe seiner Kontakte schlägt er vor, seinen Neffen Tsunehiro an einen sicherer Ort im Landesinneren zu versetzen, anstatt in den gefährlichen Süden, doch sein Bruder lehnt das Angebot ab.
Aufbau mini|200px|Benzaiten-Statue aus dem Jahr 1605 im Hōgon-ji auf Chikubushima im Biwa-See bei Nagahama, Präfektur Shiga. Das Theaterstück erfolgt in vier Akten, jeweils zu einer anderen Jahreszeit.
Der erste Akt spielt im Frühling 1944. Der zweite Akt ein halbes Jahr später, im Herbst 1944. Der dritte Akt ein dreiviertel Jahr später, im Sommer 1945. Der Schlussakt ein halbes Jahr später, im Winter 1945.
Der zweite Akt ist der einzige Akt, in dem alle fünf Charaktere vorkommen. Der erste Akt besteht nur aus Tsunetaka und seinem Sohn Tsunehiro, der dritte Akt nur aus Tsunetaka und Rei und der letzte nur aus Tsunetaka und Ritsuko. Mithin ist Tsunetaka der einzige wiederkehrende Charakter des Theaterstücks.
Die Bühne ist in jedem der vier Akte die Residenz des Markgrafen in Tokio mitsamt ihrem Benzaiten-Schrein, wobei im letzten Akt die Residenz abgerissen wurde und nur noch die Statue besteht. Hierdurch wird der Niedergang der einstigen Adelsfamilie auch visuell verdeutlicht.
Handlung Die Geschichte beginnt im Frühling 1944 und endet im Winter 1945, also kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges.
Erster Akt (Frühling) Frühling 1944. Residenz des Markgrafen von Suzaku in Tokio: Markgraf Tsunetaka Suzaku, Mitglied der Adelsfamilie Dojo und seit Generationen Diener des Kaisers in Biwa, Kyoto, legt sein Amt als Kämmerer nieder und kehrt in sein Anwesen in Tokio zurück. Der mächtige Einfluss Tsunetakas wird früh etabliert: unter anderem gelang es ihm, den Kaiser unter Druck zu setzen, den tyrannischen Premierminister Tabuchi zu entlassen. Obgleich er offiziell kein Kämmerer mehr ist, dient er im Einverständnis des Kaisers diesem weiterhin heimlich.
In der Zwischenzeit teilt Tsunehiro, der Sohn Tsunetakas und Schüler am Gakushūin-Gymnasiums, seinem Vater mit, dass er sich für bei der Marineschule als Reserve beworben hat.
Zweiter Akt (Herbst) Herbst 1944. Residenz des Markgrafen von Suzaku in Tokio: Tsunehiro erzählt seinem Onkel Mitsuyasu Suzaku, dass er auf eine schwerumkämpfte Insel im Süden versetzt werden soll. Mitsuyasu besucht seinen älteren Bruder Tsunetaka und schlägt ihm vor, zum Marineminister Akiyama zu gehen und ihn zu bitten, Tsunehiro stattdessen im sicheren Landesinneren zu versetzen. Die Chancen dafür stehen durchaus gut: Akiyama, der zuvor Heeresminister war, ist durch die Intrige gegen Tabuchi zum Marineminister aufgestiegen und da Tsunetakas Einfluss auf die Entlassung ein offenes Geheimnis war, ist er Tsunetaka bis heute dankbar. Dennoch weigert sich Tsunetaka und schlägt das Angebot aus.
Das Dienstmädchen Rei – Tsunehiros echte Mutter – versucht ihn von dem Einsatz abzuhalten, aber es misslingt. Nach einem kurzen Streit über seinen gefährlichen Auftrag im Süden, fragt Ritsuko, Tsunehiros Freundin, ob er sie heiraten möchte, bevor er in den Süden reist. Da die Ehefrauen der Familie Suzaki, vermeintlich durch die Eifersucht Benzaitens, kurzlebig sind, erklärt sie sich damit freiwillig zu Benzaitens neuem Opfer.
Dritter Akt (Sommer) Sommer 1945. Residenz des Markgrafen von Suzaku in Tokio: Tsunehiro ist bei seinem Einsatz im Süden getötet worden. Rei ist außer sich vor Wut und beschuldigt Tsunetaka, tatenlos zugesehen zu haben, wie sein Sohn in den sicheren Tod gezogen ist. Einige Nächte später erfolgt ein Luftangriff auf das Anwesen, bei dem auch Rei stirbt.
Vierter Akt (Winter) Winter 1945. Die Residenz steht nicht mehr. Nur der Schein von Benzaiten ist geblieben: Auf einem Hügel blickt Tsunetaka über das Meer. Er denkt an seinen toten Sohn, betrauert den Untergang des Japanischen Kaiserreichs und grübelt über das weitere Schicksal des Tennō.
Es beginnt zu schneien und das Geräusch der Biwa (ein ostasiatisches Saiteninstrument) ertönt aus dem Schrein von Benzaiten. Eine spektrale Gestalt erhebt sich aus den Tiefen des Schreins; es handelt sich um Ritsuko, Tsunehiros Freundin, gekleidet in einem Jūnihitoe (12-lagiger Kimono). Kurz nach Tsunehiros Tod ist auch sie an unbekannten Umständen gestorben, vermeintlich wieder durch die Eifersucht der Göttin.
Sie tritt dem erschrockenen Tsunetaka entgegen und beschuldigt ihn lauthals, seinen Sohn getötet zu haben. Das einzige, was ihm noch bliebe, sei selbst zu sterben. Tsunetaka mustert sie lange schweigsam und antwortet schließlich: „Wie kann ich umkommen? Wie kann ich sterben, wenn ich schon längst gestorben bin?“
Thema (shōshō hikkin) mini|500px|Zentrales Thema von Aufstieg und Fall der Suzakus ist eine „existenzialistische Analyse des Geistes von shōshō hikkin (ehrfürchtiger Gehorsam gegenüber dem Kaiser)“, mitsamt seinen Vor- und Nachteilen, Auswirkungen und kontemporären Einordnung. Obwohl Mishima selbst die Macht und Bedeutung des Kaisers wiederherstellen wollte, zeigt das Stück zugleich die irrationalen Seiten einer solchen Denke auf.
Tsunetakas Abstieg in den Wahnsinn ist mit seinem Entschluss verbunden, dem Kaiser zu gehorchen, indem er „nichts unternimmt“Im zweiten Akt sagt Tsunetaka zu seinem Bruder: "Ich diene ihm (dem Kaiser), indem ich nichts tue, indem ich es ertrage, indem ich mich nicht bewege"., was ihn daran hindert, das Leben seiner Verwandten zu retten. Mishima erforscht die widersprüchlichen Aspekte von Tsunetakas Positionen in einem Interview:
Ausgehend von Mishimas Überlegungen haben mehrere Literaturwissenschaftler die Beziehung zwischen den Protagonisten dieses Stücks und dem Kaiser analysiert und Parallelen zwischen Aufstieg und Fall der Suzakus, Die Stimmen der heroischen Toten, Patriotismus und Zehntages Chrysanthemen gezogen, weil diese Werke Themen wie die Loyalität zum Kaiser, die Aufopferung derjenigen, die während des Krieges im Namen des Kaisers starben und die existenziellen Fragen der Überlebenden behandeln.
Im Wesentlichen teilt Mishima besagten shōshō hikkin in folgende Teilbereiche ein, die er von jeweils unterschiedlichem Gewicht würdigt:
1. Element: Loyalität (aktiv oder passiv) Mishima schrieb Patriotismus und Die Stimmen der heroischen Toten auf Grundlage des Februarputsches 1936, bei dem er „Loyalität, die bis zum Äußersten geht“ darstellt, indem sich beispielsweise der Leutnant in Patriotismus sogar im Namen der Majestät Seppuku begeht.Interview mit dem Autor in der Nagoya-Times vom 13. November 1967. Veröffentlicht in: Definitive Edition Yukio Mishima Complete Works Vol. 24 Drama 4. Shinchosha, November 2002. ISBN 978-4-10-642564-6. Die Loyalität des Leutnants drückt sich also darin aus, im Namen des Kaisers etwas zu tun – folglich handelt es sich um „Aktive Loyalität.“ Bei Tsunetaka ist es das genaue Gegenteil und er glaubt wohl, es sei richtig im Namen des Kaisers „nichts zu tun“ – „passive Loyalität“. Mishima betonte mehrfach, dass welche Art von Loyalität gewählt wird oft subjektiv ist; folglich fragte er sich, ob auch eine objektive, metaphysische Loyalität existiert:
2. Element: Konservatives Wertesystem Das Hauptelement, das dieses Stück mit seinem mythologischen Subtext verbindet, ist das Motiv des Sturzes des Helden.Luciana Cardi: Ancient Greece and Contemporary Japan in Mishima Yukio's Theatre. Universität Osaka, 31. März 2015. S. 9–16. Der Niedergang des Herakles – vom Helden zum wahnsinnigen Mörder – findet seine Parallele im Niedergang des Markgrafen Suzaku, der am Ende des Stücks zu einem mittellosen, verrückten Unglücklichen wird. In der Eröffnungsszene wird er als mächtiger Herrscher dargestellt, der die Gunst des Kaisers erlangt und seinen politischen Gegner (Minister Tabuchi, das Alter Ego von Lykus) zum Rücktritt gezwungen hat. Aus diesem Grund wird er von seinem Bruder Mitsuyasu mit Herakles verglichen: „Er hat den Palast des Usurpators mit herkulischer Kraft zertrümmert“.
Der Markgraf gehört zu einer aristokratischen Familie, die der Göttin Benzaiten geweiht ist, welche den männlichen Mitgliedern des Suzaku-Klans so sehr zugetan ist, dass sie deren Frauen vorzeitig sterben lässt (ihre Eifersucht spiegelt die der Hera wider). Auch Tsunetakas Frau scheint das Opfer von Benzaitens Eifersucht zu sein, denn sie stirbt kurz nach der Hochzeit. Nach ihrem Tod zeugt der Marquis mit seiner Bediensteten Rei seinen einzigen Sohn Tsunehiro, gibt aber vor, das Kind sei von seiner verstorbenen Frau. Seinen aristokratischen Idealen folgend, heiratet er Rei nie und erzieht Tsunehiro dazu, dem Kaiser zu dienen und die traditionellen Werte der Familie Suzaku zu respektieren.