mini Jacob Löb Goitein (* 30. November 1867 in Högyész; † 12. Oktober 1939 in Haifa)Die nachfolgenden Ausführungen über diesen Familienzweig basieren – soweit keine anderen Quellen benannt werden – auf einem Auszug aus dem Buch The history of the Goitein family: 1771–2012, das von Hagar Oren, Jacob Löb Goiteins Urenkelin, zur Verfügung gestellt wurde. gehört zur 5. Generation der auf Baruch Bendit Goitein zurückgehenden Familie Goitein. Er lebte um vierzig Jahre lang als Weinhändler in Frankfurt am Main und war der Begründer der dortigen zionistischen Bewegung.
Leben Jacob Löb Goitein ist eines der acht KinderSiehe hierzu: Die Elijahu-Menahem-Goitein-Linie von Elijahu Menahem Goitein (1837–1902), Rabbiner in Hőgyész, und dessen Frau Amalie (geborene Baneth; 1840–1927).Gábor Lengyel: Moderne Rabbinerausbildung in Deutschland und Ungarn, S. 225 In The history of the Goitein family: 1771–2012 (siehe Literatur) wird berichtet, Jacob Löb Goitein habe keine Rabbinerausbildung beginnen können, da seine Stimme für die eines Rabbiners nicht geeignet gewesen sei. Viel mehr ist über seine Kindheit und Jugend nicht bekannt.
Das genaue Datum seiner Übersiedlung nach Frankfurt ist nicht bekannt. Erstmals erwähnt in den städtischen Adressbüchern wird er im Jahr 1890 mit einer Weinhandlung für „Ungarwein“. Von da an lassen sich sowohl seine Geschäftsadressen in Frankfurt als auch seine Wohnadressen bis zu seiner Auswanderung im Jahr 1935 lückenlos nachverfolgen. In späteren Jahren wird in Anzeigen der Weinhandel um den Zusatz „eigene Kelterung“ erweitert; 1896 verweist er auf „Referenzen mehrerer orthodoxer Rabbinen“ für sein GeschäftDer Israelit, Jg. 37 (1896), Heft 19 vom 5. März 1896, S. 388, und 1902 hat er auch „Palästina-Weine“ im Angebot.Frankfurter Israelitisches Familienblatt, Jg. 1 (1902–1903), Heft 2 vom 7. November 1902, S. 7 Im Februar 1936, kurz nach der Auswanderung der Familie Goitein, empfiehlt sich der „langj. Kellermeister b. d. Fa. J. L. Goitein“, S. Goldberg, mit seiner Weinhandlung.Der Israelit, Jg. 77 (1936), Heft 9 vom 27. Februar 1936, S. 16 Deren Firmensitz ist die vorletzte Frankfurter Adresse von Jacob Löb Goitein, die Uhlandstraße 40 im ehemals jüdisch geprägten Frankfurter Ostend. Jacob Löb Goitein war 1933 von hier aus in die benachbarte Thüringer Str. 1 umgezogen.
1893 hatten Jacob Löb Goitein und Berta Abraham (1867 in Windesheim – 28. März 1946 in Ramat Gan) geheiratet.Das Jahr der Eheschließung ergibt sich aus einer Notiz im Frankfurter Israelitischen Familienblatt, in dem sich das Ehepaar Goitein für die ihnen gewidmeten Aufmerksamkeiten anlässlich ihrer Silbernen Hochzeit bedanken. (Frankfurter Israelitischen Familienblatt, Jg. 16 (1918), Heft 3 vom 18. Januar 1918, S. 6). Direkt auf das Hochzeitsjahr 1893 verweist eine Spendenmitteilung im Der Israelit vom 27. April 1893 (Der Israelit, Jg. 34 (1893), Heft 34 vom 27. April 1893, S. 98) Aus der Ehe der beiden gingen fünf Kinder hervor, die alle in Frankfurt am Main geboren wurden.
Der Zionist Jacob Löb Goiteins Neffe, Shlomo Dov Goitein, schrieb in einem Artikel zum 70. Geburtstag seines Onkels, dieser sei ein Schüler und Verehrer von Markus Horovitz gewesenArtikel zum 70. Geburtstag von Jacob Löb Goitein von dessen Neffen Shlomo Dov Goitein, veröffentlicht am 21. November 1938 in der Tageszeitung Davar, zitiert nach Meriam Haringman; Ayala Gordon; Edith Frankel: The history of the Goitein family: 1771–2012, dem orthodoxen Rabbiner der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main, auf den die Gründung der Börneplatzsynagoge zurückgeht, die auch Goiteins religiöse Heimstatt war. Nach Paul Arnsberg geriet Goitein „schon Anfang 1895 in den Bann von Theodor Herzl“ und war 1897 Mitbegründer der Frankfurter Ortsgruppe der Zionistischen Vereinigung für Deutschland.Paul Arnsberg, Band III, S. 151–152 Dass dies zur damaligen Zeit auch für die Frankfurter Juden kein selbstverständlicher Akt war, macht Arnsberg an anderer Stelle deutlich.
Ebenfalls 1897, so eine von Meriam Haringman, Ayala Gordon und Edith Frankel zitierte israelische PublikationRuth Bondy: פליקס : פנחס רוזן וזמנו / Feliḳs: Pinḥas Rozen ṿe-zemano, Zemorah-Bitan, Tel-Aviv 1990. (Pinchas Rosen in seiner Zeit), gehörte Goitein zusammen mit Max I. Bodenheimer und David Wolffsohn dem Komitee an, das einen Jüdischen Kongress in München vorbereiten sollte, der dann aber aufgrund von Rabbinerprotesten nach Basel verlegt wurde und als Erster Zionistenkongress in die Geschichte einging. Für Goitein dürfte dies keine einfache Zeit gewesen sein, denn sein religiöser Mentor, Markus Horovitz, gehörte zu den Protestrabbinern, die gegen Herzls Pläne revoltierten, doch Goiteins Teilnahme an diesem 1. Kongress ist durch das Protokoll belegt.Zionisten-Congress Basel 1897 - Officielles Protokoll, S. 138 Sammy Gronemann habe berichtet, man habe Goitein zum Ordner bestimmt, damit er nicht dauernd durch seine Zwischenrufe störe.Referiert von Ulrich Tromm: Der Markenhof als zionistisches Auswanderungslehrgut 1919–1925, in: Andreas Paetz/Karin Weiss (Hrsg.): „Hachschara“. Die Vorbereitung junger Juden auf die Auswanderung nach Palästina, Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1999, S. 25 Dazu passt, was Shlomo Dov Goitein zum 70. Geburtstag seines Onkels in einem oben schon zitierten Zeitungsartikel schrieb: „Seine Art und Weise zu reden war und ist feurig und stürmisch, und seine Offenheit ging manchmal über das Akzeptable hinaus. Aber niemand nahm Anstoß daran, denn es war allgemein bekannt, dass das Feuer, das ihn trieb, rein und frei von Egoismus und der Suche nach Anerkennung war.“
Goitein nahm auch an vielen weiteren Zionistischen Kongressen teil, so 1899 (Basel), 1900 (London), 1901, 1903, 1905 1911 (alle Basel) und 1913 (Wien)Stenographische Protokolle der Verhandlungen der Zionisten-Kongresse, und vermutlich im Zusammenhang mit seiner Rolle als Kongress-Delegierter dürfte auch ein Aufenthalt im Dezember 1899 in London gestanden haben, wo sein Bruder Kalman Goitein lebte, der als Delegierter am V. Zionistenkongress teilnahm. Bei der Veranstaltung der „West London Zionists“ am 17. Dezember 1899 wurde „unserem Gesinnungsgenossen Goitein aus Frankfurt a. M. […] ein herzliches Willkommen zutheil“, wie es in einem zeitgenössischen Presseartikel hieß.Die Welt, 4. Jg. (1900), Nr. 5 vom 2. Februar 1900, S. 16 Noch in einem Nachruf im Oktober 1939 wird erwähnt, wie prägend es für Goitein war, „an dieser ersten Phase der zionistischen Entwicklung persönlich beteiligt“ gewesen zu sein. „Von seinen Begegnungen mit Theodor Herzl sprach er nicht wie ein alter Delegierter, der von Sitzungen und Kommissionen berichtet, sondern als von einem tiefen Erlebnis.“Nachruf auf Jacob Löb Goitein, in: Mitteilungsblatt, Oktober 1939. Das Mitteilungsblatt (auch MB) war das Verbandsorgan der Vereinigung der Israelis mitteleuropäischer Herkunft.
Zu Beginn der 1900er Jahre übernahm Goitein den Vorsitz der Frankfurter Ortsgruppe der Zionistischen Vereinigung für Deutschland von seinem Vorgänger Fritz Sondheimer (1879–1930).Paul Arnsberg, Band II, S. 47 Das Frankfurter Israelitische Wochenblatt verkündete am 13. Oktober 1905 seine Wiederwahl zum VorsitzendenFrankfurter Israelitisches Wochenblatt, Heft 40 vom 13. Oktober 1905, S. 10 (Aus der zionistischen Bewegung), und Arnsberg führt ihn auch noch für das Jahr 1917 als Vorstandsmitglied. 1932/33 gehört er der Vereinigung als Ehrenvorsitzender an, und das vermutlich schon seit 1922. Im Juni dieses Jahres feierte die Vereinigung nämlich ihr fünfundzwanzigjähriges Bestehen. Während der Feier wurde Goitein als deren Begründer geehrt und zum lebenslänglichen Mitglied des Vorstands ernannt. Über seine Dankesrede, in der er seinen Weg zum Zionismus schilderte, wird leider nichts berichtet.Frankfurter Israelitisches Familienblatt (Neue jüdische Presse), 20. Jg. (1922), Heft 22 vom 22. Juni 1922, S. 3
Um 1906 wurde Goitein die Ehre eines Eintrags im Goldenen Buch des Nationalfonds zuteil, durch den sein Name „auf ewig mit Israel verbunden“ bleibt, wie es auf der Homepage des Jüdischen Nationalfonds heißt.Die Ehrenbücher des Jüdischen Nationalfonds Freunden und Bekannten von ihm war dies wiederum Anlass, zu seinen Ehren an den Nationalfonds zu spenden.Jüdische Rundschau, XI. Jg. (1906), Heft 35 vom 31. August 1906, S. 532
Goiteins in der Frankfurter Lokalgeschichte bislang kaum erforschte Rolle beschreibt Arnsberg wie folgt: „Er war ein religiöser, enthusiastischer und selbstloser Zionist, der seine Zeit und Gesundheit dafür hergab, den zionistischen Gedanken in Frankfurt und Deutschland zu verbreiten und Anhänger für den Zionismus zu gewinnen. Im jüdischen Frankfurt war er die Personifikation des Zionismus.“ Dafür nahm er auch Ungemach in Kauf. Seine öffentliche Gegenposition zu Rabbiner Horovitz führte zum Widerstand jüdischer Kreise gegen ihn, und auch seine Aktion unmittelbar nach dem 1. Zionisten-Kongress, einen Raum gegenüber der Synagoge anzumieten und davor die blau-weiße Fahne zu hissen, brachte ihm Ärger ein. Auch seine Tochter Theodora (Dorle), deren Name sich von Theodor Herzls Vornamen herleitet, der wenige Monate vor ihrer Geburt gestorben war, berichtete 1988 in einem Gespräch mit dem Historiker Ulrich Tromm, dass ihr Vater in Frankfurt bei „seinen sonntäglichen Ausfahrten in der Droschke mit der Fahne mit dem Staatswappen des heutigen Israel fuhr, um so Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen und das Gespräch auf den Zionismus zu lenken. Das Publikum hielt dies für eine Reklameaktion für den Verkauf palästinensischer Weine, die er kelterte und verkaufte. Beleidigt stellte er daraufhin den Weinverkauf in Frankfurt ein.“ Shlomo Dov Goitein schrieb zu diesen öffentlichen Provokationen seines Onkels: „Zu dieser Zeit war Jacob Löb Goitein ein kleiner bis mittelgroßer Weinhändler mit einer Familie; es gefährdete seinen Ruf, auch wenn er schließlich alle Hindernisse überwinden konnte. Das Geheimnis seines Erfolgs lag in seiner Ehrlichkeit bei allem, was er tat. Sein Handel wurde durch seine Geradlinigkeit und Vertrauenswürdigkeit bekannt, ebenso, wie sein Zionismus ohne Hintergedanken war, und so war auch seine Religiosität. Goitein war nie dem organisierten religiösen Zionismus zugeneigt (vgl. HaMisrachi), da er sich immer vor der Einmischung der Religion in die Parteipolitik fürchtete.“
Die häufigen Erwähnungen Goiteins in den einschlägigen Publikationen verweisen auf ein stark ausgeprägtes Engagement, das sich in der Mitgliedschaft in verschiedenen Vorständen jüdischer Einrichtungen zeigte, von denen nur einige aufgeführt werden sollen: Er war im Vorstand des von der Zionistischen Vereinigung bereits 1905 gegründeten Vereins Jüdische Bibliothek und Lesehalle, der die gleichnamige Einrichtung gründete und unterhielt, aus der 1922 die Bibliothek der Israelitischen Gemeinde Frankfurts hervorging.Paul Arnsberg, Band II, S. 65 In einem Nachruf wird erwähnt, dass er auch den leitenden Gremien der Zionistischen Vereinigung für Deutschland angehört habe. 1915 beteiligte er sich an der Einrichtung hebräischer Sprachkurse und ist Anlaufstelle für Anmeldungen.Frankfurter Israelitisches Familienblatt, Jg. 13 (1915), Heft 51 vom 31. Dezember 1915, S. 3 Er gehörte 1919 dem Vorstand des Zentralvereins israelitischer Gemeindemitglieder an.Frankfurter Israelitisches Familienblatt (Neue jüdische Presse), Jg. 17 (1919), Heft 10 vom 7. März 1919, S. 4 Im Mai 1920 wird Goitein in den Vorstand des Konservativ Jüdischen Gemeindevereins gewählt, dessen Vorsitzender Fritz Sondheimer ist, mit dem zusammen er bereits die Frankfurter Zionistische Vereinigung gegründet hatte.Frankfurter Israelitisches Familienblatt (Neue jüdische Presse), 18. Jg. (1920), Heft 19 vom 21. Mai 1920, S. 3 Ebenfalls 1920 wird er in die Gemeindevertretung der Frankfurter Israelitischen Gemeinde gewählt.Frankfurter Israelitisches Familienblatt (Neue jüdische Presse), 18. Jg. (1920), Heft 44 vom 3. Dezember 1920, S. 4