mini|Carl Levin mit von links nach rechts überkämmter Glatze (2014) mini|Von rechts nach links überkämmte Glatze mini|Unvollständig mit einzelnen Strähnen überkämmte Glatze mini|Durch Wind in Unordnung geratener Comb-Over

Ein Comb-Over (auch Comb-over, Comb over, Combover; Aussprache (ˈkəʊmˌəʊ.vər, ˈkoʊmˌoʊ.vɚ); wörtlich Überkämmfrisur, überkämmte Glatze; auch Zwangsanleihe, Sardellen,Franz Dornseiff: Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen. Walter de Gruyter, 1933, S. 194. Sardellenbrötchen, Klappscheitel, Schummelscheitel) ist eine Frisur von Menschen mit Haarausfall, bei der eine Glatze durch das Frisieren langer Haare verdeckt wird. Häufig entsteht dadurch ein Seitenscheitel, es gibt jedoch auch andere Kämmrichtungen. Für den Halt der Strähnen können neben Haarnetz und Haarreif verschiedene Mittel der Haarkosmetik, etwa Pomade, Haarwachs, Haargel und Haarspray, verwendet werden. In Lehrbüchern des Friseurhandwerks ist die Frisiertechnik selten enthalten. Verschiedene zeitgenössische Ratgeber zum Thema Haarausfall raten davon ab, kahle Stellen, deren Umfang unter anderem nach dem Hamilton-Norwood-Schema klassifiziert werden kann, mit Strähnen zu überdecken.Matthew MacDonald: Your Body: The Missing Manual. O’Reilly Media, Inc. 2009, S. 36. Stattdessen wird eine KahlrasurDavid Scott Bartky: Grooming Secrets for Men: The Ultimate Guide to Looking and Feeling Your Best. iUniverse, 2008, S. 81. oder eine HaartransplantationWilliam R. Rassman, Robert M. Bernstein: Hair Loss and Replacement For Dummies. John Wiley & Sons, 2008, S. 268.Samuel J. Stegman, Theodore A. Tromovitch, Richard G. Glogau: Cosmetic Dermatologic Surgery. Year Book Medical Publishers, 1990, S. 89. empfohlen.

Im Gegensatz zu anderen Sprachen gibt es im Deutschen keinen Standardausdruck für die Frisur. Das Substantiv „“ wird im Englischen seit den 1980er Jahren mit ironischem Unterton verwendet. Das Wort „comb-over“ im Sinne einer Frisur wurde 1980 in Merriam-Webster’s Collegiate Dictionary aufgenommen.Merriam-Webster’s Collegiate Dictionary. Eleventh Edition. Merriam Webster, Springfield, S. 247. Im Deutschen wurde das Wort „Comb-Over“ durch den 45. bzw. 47.US-Präsidenten Donald Trump bekannt, in gedruckten Wörterbüchern ist es nicht verzeichnet, selten das Wort „Sardelle(n)“. Seit dem 19. Jahrhundert sind im Volksmund europäischer Sprachen verschiedene Bezeichnungen mit Metaphern aus dem Bereich des Kredits („Anleihe“, „Zwangsanleihe“, „innere Anleihe“, Schwedisch: „Robin-Hood-Frisur“) in Gebrauch. In der Rheinischen und Berlinerischen Mundart sowie im Luxemburgischen sind Vergleiche mit Sardellen oder Sardinen geläufig.

Über kahle Partien gelegte oder gebundene Strähnen gehörten in der Antike zur Ikonografie von Denker- und Greisendarstellungen. Zahlreiche historische Persönlichkeiten waren vom 19. bis zum 21. Jahrhundert mit seitlich überkämmten Glatzen abgebildet. Seit Ende des 20. Jahrhunderts nimmt die Verbreitung der Frisur ab. Überkämmte Glatzen sind seit der Antike Gegenstand von Satire und Karikatur, werden aber auch in Literatur, Theater und Bildender Kunst dargestellt. Oft werden spärliche Haare oder Strähnen als drei Haare stilisiert, etwa bei Otto von Bismarck. Häufige Motive sind die erfolglose Verdeckung der Kahlheit als Zeichen von Eitelkeit, die Unbeständigkeit der Frisur gegenüber Wind und Wetter sowie das Überkämmen von Glatzen mit Körperbehaarung statt Kopfhaar.

Geschichte Antike mini|Büste von Homer als Greis (5. Jahrhundert v. Chr.) mini|Spätarchaisches Vasenbild des trojanischen Königs Priamos mini|2003 auf Pantelleria gefundene Büste von Julius Caesar (1. Jh. n. Chr.)

Der griechische Dichter Homer wird auf einer Büste aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. als Greis mit einer Frisur dargestellt, die eine Glatze kunstvoll verdeckt. Sein Haar wird von einem Reif oder einer Wulstbinde zusammengehalten. Vom Wirbel her verlaufen nach vorne zwei breite Strähnenbahnen, die über der Mitte der Stirn zusammengeknotet sind. Die Darstellung entspricht dem spätarchaischen Stil (560–500 v. Chr.), in dem auch der mythische letzte trojanische König Priamos mit verknoteten Haarsträhnen auf kahlem Kopf auf einer Vase dargestellt ist.Paul Zanker: Die Maske des Sokrates. Das Bild des Intellektuellen in der antiken Kunst. C. H. Beck, München 1995, S. 23. Der Geschichtsschreiber Thukydides ist mit einer Locke auf der Stirn dargestellt, die seine Glatze kaschiert.

Das am häufigsten erwähnte Beispiel einer überkämmten Glatze im alten Rom ist Gaius Iulius Caesar, der damit auf mehreren Büsten zu sehen ist. Der Geschichtsschreiber Sueton erwähnt Caesars Haartracht in seinen Kaiserviten (2. Jh. n. Chr.):

Zahlreiche Darstellungen Caesars aus augusteischer Zeit zeigen ihn mit vollem, lockigem Haar. Eine 1825 bei Tusculum entdeckte zeitgenössische Büste zeigt Caesar mit Stirnglatze und überkämmtem Haar, eine 2003 auf Pantelleria auf Sizilien gefundene, während der Zeit des Claudius entstandene Büste ebenfalls.

Mit ähnlichen Frisuren wie Caesar werden auch die Kaiser Caligula und Domitian beschrieben. Sueton berichtet, dass Domitian die Erwähnung seiner Kahlköpfigkeit als Beleidigung empfand, und zitiert eine Passage aus seiner Jugendschrift De cura capillorum (Über die Haarpflege), in der er seinen eigenen Haarausfall vorausahnt.Gaius Suetonius Tranquillus, Hans Martinet: Die Kaiserviten: lateinisch-deutsch = De vita Caesarum. 3. Auflage. Sammlung Tusculum. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2006, S. 932 f. Vom Satiriker Juvenal wird Domitian als „kahler Nero“ bezeichnet. Da Haare als Metapher für literarischen Stil galten, konnte das Bild als Spott über die Dichtungen Domitians verstanden werden. Der Philosoph Seneca erwähnt das Kämmen schütterer Haare auf die Stirn in seinem Werk Von der Kürze des Lebens (De brevitate vitae, ca. 49 n. Chr.).„[D]um de singulis capillis in consilium itur, dum aut disiecta coma restituitur aut deficiens hinc atque illinc in frontem compellitur?“ L. Annaeus Seneca: De brevitate vitae, 12,3.

Der Dichter Martial beschreibt überkämmte Glatzen in mehreren satirischen Epigrammen in den Epigrammaton libri duodecim (85–103 n. Chr.). Darin werden die vom Wind durcheinandergebrachten seitlichen Locken mit zwei Jünglingen verglichen, zwischen denen die Glatze wie ein alter Mann steht. Martial empfiehlt, ehrlich zu sein und sich eine Vollglatze zu schneiden. Da Martial dem damaligen Kaiser Domitian mehrere seiner Schriften widmete, wurde die Darstellung als Anspielung auf dessen Haarausfall gedeutet.Vidissem modo forte cum sedentem solum te, Labiene, tres putavi. calvae me numerus tuae fefellit: sunt illinc tibi, sunt et hinc capilli quales vel puerum decere possint; nudumst in medio caput nec ullus in longa pilus area notatur. Als ich dich eben so da sitzen sah, dich ganz allein, da meinte ich, Labienus, es seien drei. Deine Glatze hat mich zahlenmäßig getäuscht: Hier hast du Haare, und da hast du Haare, wie sie wohl zu einem Knaben passen könnten. Doch nackt ist in der Mitte der Kopf, und kein einziges Haar ist auf weitem Gelände feststellbar.

Raros colligis hinc et hinc capillos et latum nitidae, Marine, calvae campum temporibus tegis comatis; sed moti redeunt iubente vento reddunturque sibi caputque nudum cirris grandibus hinc et inde cingunt: inter Spendophorum Telesphorumque Cydae stare putabis Hermerotem. vis tu simplicius senem fateri, ut tandem videaris unus esse? calvo turpius est nihil comato. Deine spärlichen Haare sammelst du: von hier, von da, und bedeckst, Marinus, der blanken Glatze weites Feld mit Haaren von den Schläfen, doch wenn der Wind es will, bewegen sie sich und kehren zurück: So werden sie sich selber wiedergeschenkt, bekränzen den nackten Kopf mit dicken Strähnen von hier, von dort: Zwischen Spendophorus und Telesphorus stehe, meint man, des Cydas Hermeros. Weshalb willst du dich nicht ehrlicher zu deinem Alter bekennen, so daß du endlich als eine Person erscheinst? Nichts ist widerlicher als ein langhaariger Glatzkopf.

Martial verwendet den Neologismus „trifilis“ („dreihaarig“) für den misslungenen Versuch, gekämmte Salbe wie Haare wirken zu lassen. Eine Haarzunge über der Stirnmitte, die eine beginnende Glatze kaschiert, gehörte in der späten Kaiserzeit zu Motiven der Ikonographie von Dichter- und Denkerdarstellungen. Der germanische Stamm der Sueben trug sogenannte Suebenknoten, bei denen Haare über den Kopf gekämmt und auf einer Seite zusammengeknotet werden. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet in der Germania, die Haartracht habe als Kriegsschmuck gedient, um im Auge des Feinds furchtbarer zu wirken. Sie sei bis ins hohe Alter getragen worden.Tacitus: Germania 38. Eine derartig frisierte Figur eines dem römischen Heer unterlegenen germanischen Fürsten ist auf dem Sarkophag von Portonaccio in Rom dargestellt. Sie wurde als „Spottstatue“ interpretiert.

Neuzeit mini|Napoleon Bonaparte, Porträt von Paul Delaroche (1814) mini|Kaiser Wilhelm I. gezeichnet 1895 mini|Georg I. von Griechenland (links), Gemälde von Paul Gustav Fischer, zwischen 1901 und 1910

Auf Porträts und Skulpturen vor dem 19. Jahrhundert sind überkämmte Glatzen selten abgebildet, da offizielle Personen häufig Kopfbedeckungen oder Perücken trugen. Die Encyclopédie Catholique beschreibt 1844 den angeblich erfolglosen Versuch Karls des Kahlen im 9. Jahrhundert, sein spärliches Haar nach Vorbild der antiken Kaiser nach vorne zu kämmen.„[I]l adopta une coiffure nouvelle qui consistait à ramener les cheveux des côtés de la tête sur le front, afin de cacher la calvitie dont il était affligé“. Einer der frühesten überlieferten neuzeitlichen Fälle einer überkämmten Glatze ist Napoleon Bonaparte. Während er als General das Haar lang trug, ließ er sich als Kaiser das Haar kurz schneiden. In der Grande Armée wurde er daher „le tondu“ („der Geschorene“) genannt. Der Friseur seiner Frau Josephine kämmte ihm das schütter werdende Haar nach vorne.Raymond Horricks: Napoleon’s Elites. Transaction Publishers, 1995, S. 252.Frédéric Masson: Napoléon chez lui. La journée de l’empereur. Paris 1894, S. 96.

Verschiedene Staatsmänner des 19. Jahrhunderts waren mit seitlich überkämmten Glatzen abgebildet, darunter Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, der Mann von Königin Victoria, Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, Georg I. von Griechenland, Otto von Bismarck und Kaiser Wilhelm I.Laut Friedrich Wilhelm Adami stutzte sich der Kaiser seine Stirnlocke morgens häufig selbst. Viele Porträts aus der Zeit des Biedermeier und des Realismus zeigen die Frisur.

Zahlreiche Staatsoberhäupter und Regierungschefs wurden im 20. und 21. Jahrhundert mit überkämmter Glatze abgebildet. Darunter sind

Frisiertechniken mini|Werbeanzeige für Pomade, links Kopf mit teilweise überkämmter Glatze, rechts Kopf mit vollem Haar (1869)