mini|Albert Ammer (1965)
Albert (Otto) Ammer (* 31. Oktober 1916 in Windischenbernsdorf; † 23. Oktober 1991 in München) war ein deutscher Fotograf, Filmberichterstatter und Kameramann. Ammer drehte dokumentarische Filmdokumente und prägte die Bildsprache und Ästhetik für Die Deutsche Wochenschau mit. Nach dem Zweiten Weltkrieg drehte Ammer zahlreiche Dokumentationen für Der Augenzeuge (Wochenschau) in der damaligen SBZ (Sowjetische Besatzungszone) und der DDR. Während der Filmdreharbeiten dokumentierte Ammer die Ereignisse oft zusätzlich mit dem Fotoapparat.
Beim Volks-Aufstand vom 17. Juni 1953 filmte Ammer die Ereignisse in Halle (Saale). Die historisch einmaligen Filmaufnahmen entstanden mit Unterstützung der Filmassistentin Jutta-Regina Lau. Ammers Filmaufnahmen halfen zum 60. Jahrestag das Geschehen um den Volksaufstand von 1953 in Halle (Saale) zu rekonstruieren und gelten als historische Dokumente. Die Aufnahmen zeigen die friedliche und jubelnde Menschenmassen auf Marktplatz und Hallmarkt, die Befreiung von Häftlingen aus der Haftanstalt an der Kleinen Steinstraße und die blutig niedergeschlagenen Proteste vor dem Gefängnis Roter Ochse. Ammer wurde am 18. Juni 1953 von der DDR Staatssicherheit verhaftetAkte Ammer, BStU (Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik), Ast Hallo, AU 220/53, verschiedene Blätter und vier Wochen ohne Gerichtsbeschluss im Roten Ochsen inhaftiert.Akte Ammer, BStU (Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik), Ast. Halle, AU 220/53, Blatt 4 Die Filmaufnahmen und seine Ausrüstung wurden beschlagnahmt. In einem DDR-Schauprozess wurde Ammer zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt und mit Berufsverbot in der DDR belegt. Ammer musste die drei Jahre Gefängnisstrafe vollständig verbüßen. Gnadengesuche wurden abgelehnt. Nach seiner Entlassung aus der Justizvollzugsanstalt Waldheim flüchtete Ammer 1956 aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland. Im Anschluss war Ammer als Chefkameramann tätig (Hessischer Rundfunk). 1961 wurde Ammer in München als „Kameramann mit besonderen Aufgaben“ fest angestellt (Bayerischer Rundfunk). Im Jahre 1991 wurde das DDR-Urteil gegenüber Ammer juristisch aufgehoben und Ammer wurde von der Bundesrepublik Deutschland offiziell und vollständig rehabilitiert. Nach 50 Jahren wurden in den Unterlagen der Stasi-Behörde Einzelaufnahmen seines Filmmaterials vom 17. Juni 1953 wiedergefunden. Die besondere filmische und zeitgeschichtliche Bedeutung von Ammers Filmschaffen wurde in zahlreichen Publikationen hervorgehoben. Ammers frühes filmisches Lebenswerk wurde von dem Historiker Günter Agde umfassend erforscht und historisch eingestuft. Ammer verstarb 1991 in München und ist gemeinsam mit seiner Frau, der Fotografin Jutta-Regina Ammer, auf dem Waldfriedhof (München) beigesetzt.
Ammers fotografisches Werk wurde 2002 in einer umfassenden Werkschau des Museums für Angewandte Kunst in Gera gewürdigt.
Seit dem Jahr 2013 wird Ammers einzigartige Filmarbeit während des 17. Juni 1953 in Halle (Saale) in der Ausstellung „Die DDR zwischen Repression und Widerspruch“ gewürdigt. Diese Ausstellung wurde zuletzt 2022 im Land Sachsen der Öffentlichkeit präsentiert.
Zum 70. Jahrestages des 17. Juni 1953, entstanden mehrere TV- und Hörfunkproduktionen über die Rolle von Albert Ammer beim Volksaufstand. ZDF Terra X „Kampf für die Freiheit“ berichtete über Ammers Filmaufnahmen. ARD History widmete sich Ammer und seiner Filmassistentin Lau. In der Gedenkstätte Roter Ochse wurde vom 17. Juni 2023 bis 2023 eine Sonderausstellung über Albert Ammers filmisches und fotografisches Werk präsentiert. Am 17. Juni 2023 berichteten die ARD Tagesthemen über Albert Ammers Rolle beim Volksaufstand vor 70. Jahren.
Seit Dezember 2025 ist eine Aufnahme von Ammer mit fröhlich demonstrierenden Frauen und Krankenschwestern auf dem Hallmarkt in Halle/S. am 17. Juni 1953 Teil der Dauerausstellung des Museums der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn.
Leben Familie Albert Ammer war der Sohn zweier Fabrikarbeiter aus dem ländlichen Thüringen und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Sein Vater Otto Paul Ammer (1889–1943) stammte aus Windischenbernsdorf und arbeitete in der Textilindustrie als Schlichter. Seine Mutter Helene Lina, geborene Fröhlich (1889–1975), stammte aus Schafpreskeln. Albert Ammer verband eine lebenslange Freundschaft mit Luis Trenker. Im Sommer 1940 heiratete Ammer die Stenotypistin Emma Wilhemina Eid (1909–1957). Emma Ammer verstarb überraschend 1957. Im September 1959 heiratete Ammer die Fotografen-Meisterin Jutta-Regina Ammer, geborene Lau (1931–2019). Der Sohn Andreas Ammer wurde 1960, der Sohn Alexander K. Ammer 1968 in München geboren. Beide Söhne arbeiteten für Film und Fernsehen. Ein Deutscher Fernsehpreis wurde 2011 Andreas Ammer verliehen. Alexander K. Ammer ist Absolvent der Hochschule für Fernsehen und Film München. Albert Ammer verstarb 1991 und ist auf dem Waldfriedhof (München) mit seiner Frau Jutta-Regina Ammer beigesetzt. Nach Ammers Tod kämpfte Jutta-Regina Ammer für die Wiederauffindung des beschlagnahmten Filmmaterials vom 17. Juni 1953 und für die historische Aufarbeitung. In der Folge entstanden mehrere Ausstellungen mit Fotos aus Ammers Filmaufnahmen vom 17. Juni 1953.
Ausbildung Albert Ammer absolvierte eine Lehre zum Schauwerbegestalter im Warenhaus von Oscar Tietz in Gera. 1939 arbeitete er als Assistent des Standfotografen Ernst Baumann beim Luis-Trenker-Film Der Feuerteufel. Von 1940 bis 1943 diente er im Zweiten Weltkrieg als Bildsoldat und Spezialist für Luftaufnahmen in der Luftwaffe.
Die Deutsche Wochenschau (1943–1945) 1943 wurde Ammer an der Bildberichterschule in Berlin zum Filmberichterstatter ausgebildet. Ammer drehte als Filmberichter im Filmtrupp z.b.V., im Heeresfilmberichterzug (HKBZ) beim Oberbefehlshaber West und 1945 im Berliner Teil der Propagandakompanie. Ammer filmte für die Wochenschau das Kriegsgeschehen in BerlinDie Deutsche Wochenschau, 1944, Nr. 19/1944 (712) Der Geburtstag des Führers/Tausend Viermotorige, vom 26. April 1944, an der Westfront/NormandieDie Deutsche Wochenschau, 1945, Nr. 9/1945 (754), 2. Sujet, Kampf im Westen, vom 16. März 1945, in den Vogesen und in Ungarn. Ammer gehörte zu den wenigen Kriegsberichtern, die bis zum Ende des Weltkrieges Filmreportagen erstellten.
Fotoarbeit (1939–1947) Während der Kriegseinsätze als Soldat erstellte Ammer private Fotoreportagen über Sizilien, Kreta, Athen und Paris. Bereits 1942 präsentierte der Kunstverein Gera eine Ausstellung seiner schwarz-weiß Fotografien aus Sizilien und Griechenland in einer Ausstellung. Ammers Fotografien lenkten das Bild auf die ländliche Bevölkerung, zufriedene alte Menschen und fröhliche Kinder sowie auf die alten Kulturschätze. Der Kurator der Fotoausstellung 2002 urteilte: „Von Albert Ammer ist bekannt, dass er ausschließlich im eigenen Auftrag und frei von ideologischen Zwängen fotografierte, um seine Eindrücke und Bildvorstellungen zu realisieren. Ein von ihm verfasster Artikel über die Bilder seiner Ausstellung (1942) in der Geraer Zeitung wie auch die Bilder selbst belegen, dass sich der zum Wehrdienst verpflichtete Soldat offensichtlich nicht für die Anliegen der Nationalsozialisten instrumentalisieren ließ.“ Trotz der schwierigen Bedingungen gelang es Ammer einzelne Fotografien in den Kriegsjahren in Fachzeitschriften zu veröffentlichen.
Ab 1945 arbeitete Ammer als freier Fotograf in Gera. Ammers Aufnahmen aus dieser Zeit dokumentieren historische Ereignisse in Gera. Am 8. November 1945 dokumentiert Ammer mit seinen Fotografien den ersten freien Markt auf dem Roßplatz. Ammer fotografierte Kriegsflüchtlinge in Thüringen und die Ankunft von Umsiedlern aus den Ostgebieten nach 1945 am Bahnhof Langenberg. Einiger dieser Fotoaufnahmen befinden sich im Besitz des Stadtmuseums Gera. Im Juni 1946 veröffentlicht Ammer eine Fotoreportage über Vertriebene aus der Tschechoslowakei in der Abendpost Weimar. Weitere Fotoreportagen für die Neue Berliner Illustrierte folgten. mini|Filmklappe Albert Ammer für „Der Augenzeuge“ im Oktober 1948
Der Augenzeuge (Wochenschau 1947–1953) mini|Albert Ammer bei Außenaufnahmen in Thüringen mit Arriflex 35mm, 1949
1946 bemühte sich Ammer in Thüringen ein eigenständiges Studio für Filmnachrichten aufzubauen. Mit der Unterstützung des ebenfalls aus Gera stammenden Ministerpräsidenten von Thüringen Rudolf Paul konnte 1947 das Filmstudio der Defa in Weimar eröffnet werden. Von 1947 bis 1950 arbeitete Ammer als festangestellter Kameramann für die DEFA-Außenstelle Weimar/Thüringen. Er drehte dokumentarische Berichte für die DDR-Wochenschau Der Augenzeuge. Das Sujet der Berichte konnte Ammer zum Teil selbst vorschlagen und entscheiden. Ammers Souveränität beim Drehen und seine Freiheit bei der Auswahl von Dokumentationsthemen in Thüringen stießen bereits 1948 auf politische Kritik in der sozialistischen Führungsriege Thüringens. Ammer und der DEFA-Stab setzten dennoch ihren Kurs der erzählerischen Dokumentation fort „Ammers Wille als Kameramann war auf Klarheit gerichtet. Auf Klarheit des Vorgangs und der Erzählung. Er hatte den Zuschauer im Auge“.
Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in Halle (Saale) Am 17. Juni 1953 filmte Ammer, gemeinsam mit der Film-Assistentin Jutta-Regina-Lau, ab circa 13 Uhr die Ereignisse des Volks-Aufstand vom 17. Juni 1953. Ammers Ziel war es die außergewöhnlichen Ereignisse zu dokumentieren. Ammer verwendete dabei seine private 35mm-Arriflex-Filmkamera, für die die DEFA ihm monatlich Nutzungsgebühren zahlen musste. Ammer und Lau drehten etwa 250 Meter 35mm-Film. Heute sind von diesem Filmmaterial mehr als 150 Einzelbilder erhalten. Diese Aufnahmen bilden neben Berliner Fotos die umfangreichste Dokumentation der Ereignisse vom 17. Juni 1953 in Halle (Saale). Erst aufgrund Ammers Aufnahmen wurde die Bedeutung der Stadt Halle (Saale) bei dem Volksaufstand 2003 rekonstruiert. Mit fast 100.000 Demonstranten bildete Halle eines der größten Zentren des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 in der DDR. „Nur in Berlin und Magdeburg gingen mehr Menschen auf die Straße!“