mini|hochkant=1.5|Ein „Tiny Home“ im Wald, ein populäres Sinnbild für ein einfaches Leben Einfaches Leben (von ) oder freiwillige Einfachheit (von engl. ; auch LOVOS von engl. ) bezeichnet einen Lebensstil, für den das Prinzip der Einfachheit zentral ist. Ein solches Leben kann sich beispielsweise durch die freiwillige Reduzierung des Besitzes – bekannt als Minimalismus – oder den Versuch der Selbstversorgung auszeichnen.
Im einfachen Leben wird durch Konsumverweigerung ein selbstbestimmtes Leben angestrebt, das – ganzheitlich betrachtet – als Steigerung der Lebensqualität empfunden wird. Das einfache Leben ist eine Alternative zum heute verbreiteten konsumorientierten Leben. Dessen materialistischer Lebensstil wird von einfach Lebenden als oberflächlich und nur auf kurzfristige Freuden ausgerichtet empfunden. Auch der zunehmenden Reizüberflutung und Entfremdung des Menschen in der modernen Welt soll mit freiwilliger Einfachheit etwas entgegengesetzt werden. Die individuellen Beweggründe und deren Gewichtung sind aber nicht einheitlich und unterscheiden sich mitunter stark.
Die philosophische und politische Strömung des Primitivismus sieht das einfache Leben als Ideal für die gesamte Gesellschaft an.
Beweggründe und Praxis Reduzierung von Besitz und Konsum
Beim einfachen Leben wird vor allem darauf geachtet, das eigene Verhalten hinsichtlich Konsum und Besitz auf Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit zu hinterfragen. Ein Übermaß an Besitz wird als hinderlich und belastend betrachtet. Daher entscheiden sich einige Leute dafür, ihr Leben grundlegend zu vereinfachen und Besitz loszulassen. Man vermeidet auch Konsum, der lediglich der Unterhaltung und Freizeitbeschäftigung dient oder gar der bloßen Steigerung des Prestiges, und fokussiert sich stattdessen auf die vermeintlich „wirklich wichtigen“ Dinge im Leben. Es wird dabei zwischen Begehren und Notwendigkeit unterschieden. Man gibt sich zufrieden mit dem, was man hat, anstatt immer mehr zu wollen und damit nie zufrieden zu sein. Der Lebensstil ist von der grundlegenden Haltung geprägt, weniger Dinge zu besitzen, um sich und die Umwelt mit deren Anschaffung (und Bezahlung), Pflege und Entsorgung nicht unnötig zu belasten. Dieser materiell bewusst reduzierte Lebensstil weist mitunter asketische Züge auf.
Reduzierung des Besitzes Die „Entrümpelung“ des eigenen Lebensumfeldes von nicht benötigten Gegenständen ist der offensichtliche erste Schritt hin zu einem einfachen Leben. Diese bewusste Reduzierung des materiellen Besitzes ist als Minimalismus bekannt. Dabei finden oft bestimmte Aufräummethoden oder Strategien Verwendung, die Gegenstände systematisch sortieren und vor allem priorisieren. Hierbei wird aus ökologischen Gründen oft versucht, ein Wegwerfen zu vermeiden und die Dinge lieber zu Ende zu gebrauchen, zu verschenken, zu tauschen oder zu verkaufen.
Unter anderem der US-amerikanische Autor Joshua Becker empfiehlt, das gesamte Wohnumfeld zu vereinfachen. Die Menschen heutzutage hätten in ihren Häusern oft viel überschüssigen Platz, dessen Leere ihnen das Gefühl gebe, Dinge kaufen zu müssen, um ihn zu füllen. Die Tiny-House-Bewegung setzt unter anderem hier an, indem sie für das Leben in hochfunktionalen, vergleichsweise kleinen Häusern wirbt. Auch die japanische Autorin Marie Kondo hat bereits viele Werke zum Themenbereich Aufräummethodik geschrieben.
Reduzierung von Konsum und Arbeitszeit Ein weiteres wesentliches Unterscheidungsmerkmal eines einfachen Lebens von einem „normalen“ Leben ist aus den oben genannten Gründen die deutlich geringere Zahl der getätigten Käufe.
Durch die Verringerung ihres Konsums, also der Ausgaben für Güter oder Dienstleistungen, haben einfach Lebende die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Diese Form der bewussten Reduzierung der Arbeitszeit mit dem Ziel, ein selbstbestimmteres, erfüllteres Leben zu führen, wird Downshifting genannt. Aufgrund der Einschränkung des persönlichen Konsums und bedachter Kalkulation des verfügbaren Budgets muss viel weniger Lebenszeit für die Erwerbstätigkeit aufgewendet werden. Familie, Freunde, Nachbarschaftshilfe und ehrenamtliche Arbeit treten beim einfachen Lebensstil oftmals stärker in den Vordergrund, da Fürsorge, soziales Engagement und Solidarität geschätzte Ideale darstellen. Die gewonnene Zeit kann auch dafür genutzt werden, die Lebensqualität anderweitig zu erhöhen, zum Beispiel durch das Erlernen und Ausüben kreativer Tätigkeiten wie einer Kunst oder eines Handwerks.
mini|In einigen warmen Regionen im Mittelmeerraum, wie hier an der Küste Sardiniens (Valle di Luna, Capo Testa), wohnen einfach lebende Aussteiger teilweise in Höhlen oder solchen selbst errichteten Unterkünften. Durch die Verringerung der Ausgaben kann alternativ aber auch Geld angespart werden mit dem Ziel der finanziellen Unabhängigkeit und der Möglichkeit zum frühen Ruhestand. Diese Methode erfreut sich in jüngerer Zeit unter dem Schlagwort Frugalismus immer größerer Beliebtheit. Sich von der Geldfokussiertheit zu befreien führt manche Menschen dazu, komplett ohne Geld zu leben,Hilary Osborne: Daniel Suelo: Free spirit or freeloader?, erschienen auf der Webpräsenz von The Guardian am 23. Juli 2009, abgerufen am 25. September 2020 (englisch).Jessica Salter: The man who lives without money, erschienen am 18. August 2010 auf der Webpräsenz von The Daily Telegraph, abgerufen am 25. September 2020 (englisch). so in der Vergangenheit beispielsweise die Deutschen Heidemarie Schwermer und Tobi Rosswogspektrum.de, abgerufen am 19. Juni 2023. oder manche der einfach lebenden Mitglieder von Hippie-Kommunen an Stränden europäischer Inseln wie bspw. auf La Gomera.Der Traum vom Paradies – Aussteiger auf La Gomera (Französisch), Dokumentation, erschienen auf arte 2018, abzurufen auf Deutsch hier.
Durch die Reduzierung von Arbeitszeit und Konsum, vor allem der Reizüberflutung des Internets, wird eine Entschleunigung des Lebens erreicht, die den Stress reduziert. Dies wirkt sich positiv auf die mentale Gesundheit aus.
Weniger zu arbeiten bedeutet meist weniger Verdienst und damit oft weniger Konsum, was zum Klimaschutz beitragen kann.
Selbstbestimmung statt Entfremdung
Der Begriff der Entfremdung ist für viele einfach Lebende elementar. Sie betrachten den modernen Menschen hauptsächlich als entfremdet, und zwar u. a. von sich selbst, von seinen Mitmenschen und von der Natur. Das heutige Leben, in dem auf abstrakte Art und Weise mit Arbeit Geld verdient wird, um sich damit Dinge zu kaufen, mache unglücklich. Diese Freuden seien für das Unbewusste schwer zu greifen, da sie sich (nicht vom Selbst ausgeführt) im Verborgenen abspielen, wie bspw. die Produktion fertig gekaufter Lebensmittel oder das Funktionieren komplexer Maschinen. Psychologisch gesünder sei es stattdessen, zum Beispiel mit eigenen Händen angebaute Lebensmittel zu essen oder eigens hergestellte Werkzeuge funktionieren zu sehen. Manche, darunter der einfach lebende US-amerikanische Primitivist Theodore Kaczynski (bekannt geworden als „Unabomber“), argumentieren weitergehend, dass der Wegfall des täglichen Überlebenskampfes ganz grundlegend verantwortlich sei für Unzufriedenheit und psychische Krankheiten, die in der westlichen Welt mehr und mehr verbreitet sind.
Manche einfach Lebende wollen durch eben dieses Leben als Selbstversorger oder das eigenständige Herstellen benötigter Gegenstände die Kontrolle über möglichst viele Aspekte ihres Lebens zurück erlangen. So wollen sie sich meist auch der zunehmenden Sozialen Kontrolle und dem Einfluss durch den Staat und den Überwachungskapitalismus entziehen, um selbstbestimmter leben zu können. Den Massenmedien und moderner Technik im Allgemeinen wird hierbei vorgeworfen, den Menschen das eigenständige Denken und den Sinn für Lebensqualität und -gefühl zu nehmen.
Überdenken von moderner Technik und Schnelllebigkeit mini|Beispiel für einen einfach gelebten „Abenteuer-Urlaub“ mit minimalem Technologie- und Energieeinsatz, aber maximalem Erlebnisgewinn: Trekkingtour mit Packpferd durch die Heimatregion Der Nutzen von Technik wird von vielen, die in freiwilliger Einfachheit leben, hinterfragt. Sie verwenden nur angepasste Technologie oder versuchen, möglichst gar keine zu verwenden, da sie den Menschen von sich selbst, der Natur und seinen Mitmenschen entfremde. Einige einfach Lebende sind Anhänger der philosophischen und politischen Strömung des Primitivismus. Dieser argumentiert dahingehend, dass einzelne technologische Fortschritte nützlich erscheinen mögen, in ihrer Gesamtheit auf Dauer aber nicht nur der Natur Schaden hinzugefügt haben, sondern auch den Menschen, unter anderem in Bezug auf individuelle Freiheit, Würde und mentale Gesundheit.
Viele einfach Lebende verwenden nicht nur deshalb keine moderne Technik, weil sie die Manipulation der Menschen zum Konsum durch Werbung kritisch sehen. Die verstärkte Massenüberwachung und soziale Kontrolle durch den Staat und die größten IT-Unternehmen mittels moderner Technik raube jedem Individuum die persönliche Freiheit. So warnte etwa der US-amerikanische Publizist Evgeny Morozov davor, dass das Internet für die neuerliche Ausbreitung von Massenüberwachung und politischer Verfolgung sorge. (Siehe auch: Überwachungskapitalismus)
Zusätzlich verliert der Mensch durch die Technik seine natürlichen Fähigkeiten. Ein markantes Beispiel hierfür ist die Verkümmerung der Fähigkeiten zur Orientierung durch Navigationssysteme und Kartendienste.
Verfechter eines einfachen Lebensstils kritisieren auch die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit, die mit einer Reizüberflutung einherginge. Der moderne Mensch sei in verschiedenen zentralen Lebensbereichen einem Zuviel ausgesetzt, also nicht nur einem Zuviel an Besitz, sondern auch einem Zuviel an Reizen innerhalb kürzester Zeit, spätestens, seit das Internet durch die Verbreitung des Smartphones einen großen Teil unserer täglichen Aufmerksamkeit vereinnahmt. Dem mit Informationen, Ereignissen, Terminen und To-Dos überfluteten Leben des modernen Menschen wird versucht, Entschleunigung entgegenzusetzen.
Moderne Methoden, die versuchen, die heutige Reizüberflutung unter Kontrolle zu bringen, wie z. B. Digital Detox und das umfassendere Dopamin-Fasten, werden von einfach Lebenden üblicherweise automatisch mit angewendet.
Selbstversorgung
Ein weiterer wichtiger Punkt kann eine stärkere Konzentration auf eine unkomplizierte, naturnahe, auf sich und die Menschen im nächsten Umfeld bezogene Lebensweise sein, bei der Eigenleistungen gegenüber Fremdleistungen deutlich in den Vordergrund rücken. Dies betrifft vor allem die Bereiche Ernährung und Handwerk, teils auch Bekleidung und Energieversorgung. Die Erhöhung des Grades an Selbstversorgung verringert die Abhängigkeit vom Geld und der Wirtschaft. Der Schlüssel zu einem freien und einfachen Leben ist laut dem britischen Autor Tom Hodgkinson, aufzuhören, zu konsumieren, und anzufangen, zu produzieren.Tom Hodgkinson: How To Be Free, veröffentlicht 2006, ISBN 9780241143216 (englisch).
Die Do-it-yourself-Bewegung verbreitet Fähigkeiten zum Selbermachen unter der Bevölkerung.
mini|Waldgarten des englischen Gartenbauers Robert Hart in Shropshire in England Der wohl wichtigste Teilaspekt der Selbstversorgung ist der der Ernährung in Form des eigenen Anbaus von Nahrung:
Das Permakultur-Konzept des Waldgartens, entwickelt von Robert Hart, einem britischen Gartenbauer und Anhänger eines einfachen Lebens, ist ein pflanzenbasiertes System der Nahrungsproduktion mit niedrigen Unterhaltskosten, das auf dem Ökosystem des Waldes basiert und Frucht- und Nussbäume, Sträucher, Kräuter, Reben, Stauden und Gemüse mit einbezieht.Robert Hart: Forest gardening: Cultivating an edible landscape, veröffentlicht im September 1996, S. 97, ISBN 9781603580502 (englisch).