mini|hochkant|Herbert Henry Asquith rahmenlos|hochkant|rechts|klasse=skin-invert-image|Signatur
Herbert Henry Asquith, 1. Earl of Oxford and Asquith KG, PC, KC (* 12. September 1852 in Morley, Yorkshire; † 15. Februar 1928 in Sutton Courtenay, Berkshire), üblicherweise bekannt als H. H. Asquith, war ein britischer Politiker der Liberalen Partei und Premierminister des Vereinigten Königreichs von 1908 bis 1916. Asquiths Name ist vor allem verbunden mit den großen sozialen Reformen seiner liberalen Regierung in den Jahren 1906 bis 1914 und den daraus resultierenden heftigen Auseinandersetzungen mit der konservativen Opposition.
Aus einer mittelständischen Familie stammend, gewann Asquith ein Stipendium am Balliol College der University of Oxford, wo er brillierte. Nach einer Karriere als Anwalt bewarb er sich als Kandidat der Liberalen Partei für einen Sitz im Unterhaus (House of Commons). Von 1892 bis 1895 war er in den Regierungen von Gladstone (viertes Kabinett) und Rosebery Innenminister.
Bereits seit dieser Zeit wurde er in seiner Partei als kommender Mann gehandelt. Nach einer längeren liberalen Oppositionsphase war er Schatzkanzler in der liberalen Regierung Campbell-Bannerman (5. Dezember 1905 bis 6. April 1908). Henry Campbell-Bannerman (1836–1908) erlitt 1907 einige Herzattacken, trat am 3. April 1908 zurück und Asquith wurde Premierminister. In seine Ägide als Premierminister fielen die andauernden politischen Auseinandersetzungen um die sozialen Reformvorhaben der Liberalen und um die umstrittene Frage der Selbstverwaltung Irlands (Home Rule). Im Parliament Act 1911 konnte schließlich das Vetorecht des traditionell konservativ dominierten Oberhauses (House of Lords) gebrochen und folgend auch eine Altersrente, eine Krankenversicherung und eine Invalidenversicherung eingeführt werden. Außenpolitisch wurde seiner Regierung das Flottenwettrüsten mit dem Deutschen Reich aufgezwungen, und Großbritannien band sich in einer immer engeren Allianz an Frankreich.
Im August 1914 führte Asquith das Vereinigte Königreich in den Ersten Weltkrieg. 1915 war er angesichts der schwierigen militärischen Lage (insbesondere wegen der erfolglosen Schlacht von Gallipoli) gezwungen, eine Koalitionsregierung mit der Konservativen Partei zu bilden (Zweite Regierung Asquith 25. Mai 1915 bis 5. Dezember 1916). In der Folge sank Asquiths politischer Stern und er geriet zunehmend in die Kritik einer ihm größtenteils feindlich gesinnten Presse. Erfolge wurden seinem innerparteilichen Rivalen Lloyd George zugeschrieben und Misserfolge Asquith angelastet. Ende 1916 wurde er schließlich von Lloyd George und den Konservativen gestürzt; er führte daraufhin den größeren Teil der Liberalen Partei in die Opposition und in den nachfolgenden Jahren in die politische Bedeutungslosigkeit.
Leben
Herkunft und früher Werdegang Asquith wurde als zweiter Sohn von Joseph Dixon Asquith und seiner Frau Emily in eine mittelständische Dissenter-Familie in Morley geboren.Stephen Bates: Asquith. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 9. In jungen Jahren wurde er in der Familie „Herbert“ gerufen, seine zweite Frau nannte ihn jedoch „Henry“. In der Öffentlichkeit wurde er immer H. H. Asquith genannt, er selbst unterschrieb ebenfalls immer mit „H. H. Asquith“. Sein Biograph Roy Jenkins schreibt dazu: „Es gibt wenige Personen von nationaler Bedeutung, deren Vornamen in der Öffentlichkeit so wenig bekannt waren“.Roy Jenkins: Asquith: Portrait of a Man and an Era. 3. Auflage. Collins, London 1986, S. 13.
Die Asquiths waren seit langem eine der bekannteren Familien in Morley, wo sich ihre Wurzeln (teils auch Askwith buchstabiert) mindestens bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen lassen.V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 10 f. Sein Vater, als mittelständischer Angestellter im Wollhandel beschäftigt, konnte der Familie einen bescheidenen Wohlstand ermöglichen. Asquith beschrieb diese frühen Jahre als „ein Leben in einfacher Behaglichkeit inmitten einer halbländlichen Umgebung“.V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 14. Joseph Asquith starb frühzeitig an einer plötzlichen Krankheit im Juni 1860, als Asquith erst acht Jahre alt war; er hatte aufgrund dieses frühen Todes im Gegensatz zu seiner Mutter kaum einen prägenden Einfluss auf Asquith.Roy Jenkins: Asquith: Portrait of a Man and an Era. 3. Auflage. Collins, London 1986, S. 13 f. Zu seinem Bruder William hatte er in der Jugendzeit ein enges Verhältnis.V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 13.
Die Familie zog nach dem Tod des Vaters nach Huddersfield, wo sie von Asquiths Onkel, William Willans, unterstützt wurde.Sir Oliver Popplewell: The Prime Minister and His Mistress. Lulu Publishing Services, London 2014. Dieser sorgte dafür, dass Asquith das Huddersfield New College besuchen konnte.Roy Jenkins: Asquith: Portrait of a Man and an Era. 3. Auflage. Collins, London 1986, S. 15. Nachdem Willans ebenfalls verstorben war, zog die Familie nach Sussex um und wurde von John Willans unterstützt. Als John Willans aus geschäftlichen Gründen nach Yorkshire umzog, wurde die Familie getrennt und bei verschiedenen Familien untergebracht.
Asquith und sein Bruder besuchten nun die City of London School, wo Asquith hervorragende Leistungen erzielte,V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 15 f. wobei er vor allem in Englisch und der Klassischen Altertumswissenschaft brillierte. Dazu erlernte er mehrere Fremdsprachen wie Deutsch und Französisch. In seiner Freizeit besuchte er den Palace of Westminster und hörte sich als Zuschauer einige der Parlamentsdebatten an.Roy Jenkins: Asquith: Portrait of a Man and an Era. 3. Auflage. Collins, London 1986, S. 21. In einem Brief an seine Mutter bemerkte er, er habe den Reden von Benjamin Disraeli und Robert Lowe zugehört.V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 17. Seinem Schuldirektor Edwin Abbott Abbott blieb er zeitlebens verbunden und äußerte, dass er tief in dessen Schuld stehe. Dieser meinte jedoch, er habe nie einen Schüler gehabt, der ihm weniger verdanke und so viel seinen eigenen vorhandenen Fähigkeiten. Abbott ermutigte Asquith, sich für ein Stipendium am Balliol College der Universität Oxford zu bewerben, eines der landesweit führenden Stipendien. Asquith erhielt es und im Herbst 1870 begann er seine Studien am Balliol College.V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 19. mini|hochkant|Balliol College, Oxford
Er kam ans Balliol College zu einer Zeit, als dieses in seiner Reputation und der Zahl seiner Studenten stark anwuchs. Verdankten Balliol und die anderen Colleges in Oxford ihre Studenten vormals mit großer Mehrheit den Public Schools (vor allem Eton und Harrow), begann sich dies in den 1870ern graduell zu ändern und Balliol zog nun Studenten aus aller Welt an.V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 19 f. Unter der Leitung von Benjamin Jowett blühte Balliol auf und errang im Renommee einen führenden Platz unter den Colleges in Oxford.V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 20. Asquith übertraf alle Erwartungen und erbrachte glänzende Leistungen. Er machte sich schnell einen Namen und wurde Mittelpunkt einer Gruppe junger Studenten, zu der auch Charles Gore, Herbert Woodfield Paul und William Hurrell Mallock gehörten.V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 21. Alle vereinte das Interesse am Debattierclub Oxford Union, wo Asquith bereits einen Monat nach seiner Ankunft sprach und in seinem letzten Jahr zum Präsidenten gewählt wurde.V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 21 f. Die progressiven liberalen Ansichten des Tutoren Thomas Hill Green, die in Oxford großen Einfluss hatten, beeinflussten ihn zudem in seinen politischen Ansichten.V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 23 f. Gegen Ende seiner Zeit in Oxford wurde er Vorsitzender einer einflussreichen Studentenvereinigung. Er schloss sein Studium mit Bestnoten in Greats bzw. Literae humaniores ab.J. A. Spender, Cyril Asquith: Life of Herbert Henry Asquith, Lord Oxford and Asquith. Hutchinson, London 1932, S. 32. Balliol blieb sein ganzes Leben lang seine spirituelle Heimat.Stephen Bates: Asquith. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 11. Nach der Ansicht seiner Zeitgenossen verkörperte er wie kein anderer den von ihm geprägten Spruch, dass die Menschen des Balliol „das ruhige Bewusstsein einer mühelosen Überlegenheit“ besäßen.D. R. Thorpe: Supermac - The Life of Harold Macmillan. Chatto & Windus, London 2010, S. 41.
Seine Biographen sehen in seiner Zeit in Oxford seine formativen Jahre, in denen er bereits seine späteren Stärken – wie etwa seine Debattenstärke und seine schnelle Auffassungsgabe – aber auch seine Schwächen herausbildete. So sah der Historiker R. B. McCallum kurz nach dessen Tod gerade durch das Greats-Studium Asquiths spätere Tendenz zu einer zu starken Betonung intellektueller Analyse und einer Abwertung von tatsächlicher Erfahrung angelegt. Dieser „für das Greats-Training charakteristische Fehler“ hätte später zu einer zu eng gefassten Vision geführt.V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 23. Dazu sei durch das Studium griechisch-römischer Autoren ein Stoizismus zu seinem zweiten Naturell geworden.V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 25. Zudem wird seine Außenseiter-Position in seinen frühen Jahren betont; auch wenn er unter intellektuell Gleichen Freunde fand, erfuhr er von gesellschaftlich Höherstehenden Ablehnung, was ihn später Offenheit und Inklusion befürworten ließen.V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 24 f.
Familie mini|hochkant|Margot, die zweite Frau Asquiths (1909) 1877 heiratete Asquith Helen Kelsall Melland, die Tochter eines Arztes aus Manchester. Dem vorangegangen war eine lange Phase der (zunächst heimlichen) Verlobung. Helen entstammte einem ähnlichen sozialen Umfeld wie Asquith. Helens Vater war ein prominenter Arzt in Manchester, der ebenfalls für Liberalismus und Freihandel eintrat. Dazu hing die Familie ebenfalls den Nonkonformisten an.V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 33 ff. Aus der Ehe gingen vier Söhne und eine Tochter hervor, bevor Helen im Sommer 1891 an Typhus starb, während die Familie in Schottland Urlaub machte.Stephen Bates: Asquith. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing, London 2006, S. 25. Helen wird als eine einfache Frau des viktorianischen Zeitalters beschrieben, die vor allem ihre Familie als den Mittelpunkt ihres Lebens und ihre Lebensaufgabe ansah. Dagegen hegte sie keinerlei eigene Ambitionen und hatte auch für ihren Mann nur wenig Ehrgeiz; seine Entscheidung, politisch aktiv zu werden, bedauerte sie zunächst gegenüber einer Verwandten.V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 46 f. Asquith selbst schrieb posthum in einem Brief an Richard Haldane: „Sie war eher eine zurückhaltende als eine stimulierende Kraft, die aber loyal und hingebungsvoll jeden Schritt duldete, den ich machte, obwohl es mich in Sphären führte, die ihr fremd und ungleichartig waren.“V. Markham Lester: H. H. Asquith: Last of the Romans. Lexington Books, London 2019, S. 47.