Die Odenwaldschule (kurz OSO für Odenwaldschule Ober-Hambach) war ein Landerziehungsheim im Stadtteil Ober-Hambach der hessischen Stadt Heppenheim (Bergstraße). Die Odenwaldschule entstand in engem Zusammenhang mit der reformpädagogischen Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts und wurde am 14. April 1910 von Edith und Paul Geheeb gegründet. Die Schule befand sich, mit Unterbrechung 1934–1945, in freier Trägerschaft und galt lange als Vorzeigeinternat der Reformpädagogik.
Öffentliche Aufmerksamkeit erlangte die Odenwaldschule insbesondere, als ab Ende der 1990er-Jahre jahrzehntelanger systematischer sexueller Missbrauch von den 1960er bis in die 1990er Jahre durch verschiedene Lehrkräfte und den Schulleiter Gerold Becker an Schülern bekannt wurde. Am 16. Juni 2015 stellte die Odenwaldschule einen Insolvenzantrag, der Schulbetrieb endete wenige Wochen später.
Geschichte und pädagogisches Konzept mini|Edith und Paul Geheeb, 1909 mini|Odenwaldschule, das Schulhaus („Goethehaus“) im Jahr der Schulgründung 1910; vormals „Kurpension Lindenheim“. Zeitgenössische Ansichtskarte. mini|„Eigenartige Unterrichtssorganisation (Arbeitsgemeinschaften)“ – Inserat in: Kosmos Handweiser für Naturfreunde, 1912. mini|Das Schulgelände mit den um 1911 errichteten Schulgebäuden am Waldrand, von links: „Herder“-, „Fichte“-, „Schiller“- und „Humboldthaus“, rechts daneben abgesetzt: „Max-Cassirer-Haus“ und „Drude-Haus“ (1927 „Pestalozzihaus“). Am linken Bildrand, mittig: Gasthaus „Zum Lindenstein“, oberhalb davon das „Goethehaus“. Zeitgenössische Ansichtskarte, 1918. mini|Schüler auf dem „oberen Weg“, mit „Schiller“- und „Fichtehaus“, im Hintergrund das „Herderhaus“. Zeitgenössische Ansichtskarte, um 1920. mini|„Humboldt“- und „Schillerhaus“ (Sonnenuhr am Giebel), verdeckt dahinter das „Fichtehaus“. Zeitgenössische Ansichtskarte, um 1958. mini|„Goethehaus“, 2008
Baugeschichte Nach Paul Geheebs Zerwürfnis mit Gustav Wyneken an der Freien Schulgemeinde Wickersdorf 1909 und bei der Suche nach einem Standort für ein neu zu konzipierendes Landerziehungsheim kam Geheeb eher zufällig nach Ober-Hambach. Das erste Schulgebäude war das später noch mehrfach ausgebaute „Goethehaus“, die vormalige „Kurpension Lindenheim“, die 1905 von Lehrer Georg Müller erbaut worden war. Den Geländekauf und die weiteren Bauten finanzierte der Vater Edith Geheebs, der Berliner Stadtrat Max Cassirer, der die Odenwaldschule nachhaltig förderte und seit 1925 auch selbst auf dem Schulgelände wohnte. Bereits 1910/1911 entstand nach Plänen des Architekten Heinrich Metzendorf der architektonische Kern der Odenwaldschule im Heimatstil und benannt nach Geheebs „Heroen“ des Idealismus, bestehend aus dem „Herder“-, „Fichte“-, „Schiller“- und „Humboldthaus“ (von der nationalsozialistischen Schulleitung 1938 in „Dürerhaus“ umbenannt), und dem Maschinenhaus (später „Waschhaus“). Die baugleichen, spiegelbildlich angeordneten Häuser „Herder“ und „Humboldt“ zeigen hangseitig die markanten Treppenhaus-Runderker und Mansarden-Giebel. Wenig später entstand am oberen Weg das Haus des Schriftstellers Wilhelm von Scholz, das er für seine Frau Irmgard und die Kinder Wilhelm und Irmgard bauen ließ; diese gehörten am 14. April 1910 zu den ersten 15 Kindern, die an der Odenwaldschule unterrichtet wurden.Arnulf Moser: Wilhelm von Scholz. Die Familie des Dichters und die Odenwaldschule. In: Schriften des Vereins für die Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, 128. Heft 2010, Thorbecke Verlag, Ostfildern 2010, S. 169–179; Digitalisat. 1915 zogen Edith Geheebs Bruder Kurt und dessen Frau Eva Cassirer, geb. Solmitz, in das Haus, das danach „Cassirer-Haus“ genannt wurde (1934 von der nationalsozialistischen Schulleitung in „Bachhaus“ umbenannt). 1918 wurde das bereits bestehende „Haus Sonnenschein“, vormals eine Haushaltschule für höhere Töchter, hinzugekauft; als „Drude-Haus“ bezeichnet, wurde es 1927 in „Pestalozzi-Haus“ umbenannt und beherbergte die Vorschulkinder im integrierten Kindergarten und die Grundschulkinder. Als nächste Bauvorhaben folgten 1921 das „Wettsteinhaus“, 1923 das „Werkstättenhaus“ mit der Druckerei und den Werkräumen, das 1923 an der Stelle eines zuvor zwischen „Herder-“ und „Goethe-Haus“ geplanten Saalbaus errichtet wurde, und 1925 das „Platonhaus“, das in einem Kellergeschoss die Aula aufnahm und im Erdgeschoss die Wohnung für Max und Hedwig Cassirer. Nach der Emigration Geheebs 1934 und der Gründung der „Gemeinschaft der Odenwaldschule“ wurde 1937/38 eine „Sport- und Festhalle“ errichtet. Die Erweiterungsbauten nach 1945 wurden mit dem „Laborhaus“-Bau 1956 eingeleitet; es folgten 1964 das „Paul-Geheeb-Haus“, 1967 das „Bürohaus“, 1971 das neue „Werkstättenhaus“ und 1978 der Speisesaal.Vgl. Margarita Kaufmann, Alexander Priebe (Hrsg.): 100 Jahre Odenwaldschule. Der wechselvolle Weg einer Reformschule. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2010; hier das Kapitel: Alexander Priebe: „Keine ‚gotische‘ Kaserne und kein Schloss“. Zur Baugeschichte der Odenwaldschule. S. 211–223. Das Gebäudeensemble gilt heute als Baudenkmal und genießt Denkmalschutz.Kulturdenkmäler in Hessen: Odenwaldschule. unter: denkmalpflege-hessen.de.
Pädagogische Konzepte Geheeb fühlte sich vom Leitsatz „Werde, der du bist“ () des griechischen Dichters Pindar inspiriert. Demnach sollte die Schule die Gemeinschaft, die Persönlichkeit und das selbstbestimmte Handeln fördern. Das pädagogische Konzept der Gründer war geprägt durch die Grundsätze der Landerziehungs- oder Landschulheimbewegung um 1900, der pädagogischen „Nähe zum Kind“, mit Koedukation und Einführung eines jahrgangsübergreifenden Kurssystems unter Verzicht auf Jahrgangsklassen. Statt nach herkömmlichen Stundenplänen mit zehn und mehr Fächern wurden die Schüler in frei wählbaren Kursen unterrichtet: jeweils zwei Fächer während einer vierwöchigen Kursperiode. Der mit Geheeb befreundete Pädagoge Otto Erdmann, erster Unterrichtsleiter an der OSO, und Geheebs ehemaliger Schüler Mario Jona (1890–1949) erarbeiteten 1912 einen entsprechenden Plan für diese „Arbeitsorganisation“, deren Ansätze Jona bereits am Landerziehungsheim Wickersdorf konzipiert hatte.Vgl. hierzu: Ulrich Herrmann: Die Odenwaldschule 1909–1934. Texte von Paul Geheeb. Berichte und Diskussionen von Mitarbeitern und Schülern. IKS (= edition Paideia), Jena 2010, dort die Kapitel: Otto Erdmann: Die Arbeitsorganisation der Odenwaldschule (1914), S. 155–161, ders.: Die Kursorganisation der Odenwaldschule als Modell der künftigen Gestaltung des öffentlichen Schulwesens (1930), S. 162–165, und Mario Jona: Aus der Entstehungszeit der Kursorganisation (1930), S. 166–168. Alle Schüler, an der Odenwaldschule „Kameraden“ genannt, sollten mitgestalten, mitbestimmen und mitverantworten können. „Die Odenwaldschule ist eine freie Gemeinschaft, in der die verschiedenen Generationen unbefangen miteinander umgehen und voneinander lernen können“, hieß es in der ersten Schulordnung. An der Odenwaldschule sollten Kinder und Jugendliche möglichst individuelle Lernanregungen bekommen – intellektuelle, handwerklich-praktische und musisch-künstlerische. Das „äußere Ziel“ der Odenwaldschulausbildung war der Abschluss mit dem staatlich anerkannten Abitur wie an einem damaligen Realgymnasium oder einer Oberrealschule. Gelebt wurde in altersgemischten Wohngruppen, den „Familien“, deren „Oberhaupt“ der Lehrer („Mitarbeiter“) oder ein Lehrer (Ehe-)paar war und die jedes Jahr neu zusammengestellt wurden. Zu den weiteren Merkmalen des pädagogischen Konzepts der Schule gehörte unter anderem der gemeinsame Nacktsport von Mädchen und Jungen, das allmorgendliche nackte „Luftbaden“ auf einer eigens dafür vorgesehenen Wiese am Waldrand sowie das Duzen der Lehrer. Durch die – erstmals innerhalb der Landerziehungsheimbewegung – zum Konzept erhobene Koedukation von Mädchen und Jungen und die in der „Schulgemeinde“ verwirklichte Mitbestimmung der Kinder und Jugendlichen hatte die reformpädagogische Praxis der Odenwaldschule eine große Anziehungskraft auf Maler, Schriftsteller, Dichter, Gelehrte und Intellektuelle der Weimarer Zeit. Gäste der Odenwaldschule, darunter auch persönliche Freunde von Paul Geheeb, waren u. a.: Ernst Barlach, Käthe Kollwitz, Karl Schmidt-Rottluff, Alfred Kubin, Karl Wolfskehl, Käthe Kruse, Karl Barth, Max Kommerell, Alfred Weber, Martin Buber und Frank Wedekind.Hanno Schmitt: Die Besucherbücher der Odenwaldschule (1910–1933). archiv.ub.uni-marburg.de. Die Schule war in den 1920er Jahren international angesehen; bis 1938 waren auch ausländische Lehrer aus England und den USA dort tätig.
„Gemeinschaft der Odenwaldschule“ (1933–1945) Bereits am 7. und 11. März 1933 wurden im Vorfeld der „Aktion wider den undeutschen Geist“ „Säuberungsaktionen“ der Schüler- und Lehrerbibliotheken durch Angehörige der hessischen Hilfspolizei bzw. SA durchgeführt. Am 11. März wurde auf dem Goetheplatz eine Bücherverbrennung veranstaltet. Der damalige Chemielehrer Erich (Esra) Steinitz wurde aufgrund seiner jüdischen Herkunft bei der Durchsuchungsaktion am 7. März 1933 vorübergehend festgenommen und in ein Gefängnis nach Darmstadt transportiert. Am 11. März 1933 misshandelte die SA den in der Odenwaldschule lebenden Bruder Edith Geheebs, Kurt Cassirer. Als die SA Ende März 1933 erneut in die Schule kam und Steinitz die neuerliche Verhaftung drohte, flüchtete er am 1. April 1933 in die Schweiz.Vgl. Dennis Shirley: Reformpädagogik im Nationalsozialismus. Die Odenwaldschule 1910 bis 1945. Beltz Juventa, Weinheim 2010, ISBN 978-3-7799-2235-3, S. 114–119.
Am 7. April 1933 kamen der neue hessische Kultusminister Friedrich Ringshausen und der Leiter des Höheren Schulwesens, Rudolf Blank, in die Odenwaldschule und eröffneten Geheeb die Bedingungen für einen Fortbestand der Odenwaldschule im nationalsozialistischen Staat: Es sollten fast alle Lehrkräfte entlassen und durch ein NS-konformes Kollegium aus jungen hessischen Studienassessoren ersetzt werden. Außerdem sollte das selbstorganisierte „Wartesystem“ aus jeweils fünf Schülern abgeschafft und die Koedukation aufgegeben werden. Mit dem Mathematiklehrer Dr. Otto Freidank wurde ein Nationalsozialist zum stellvertretenden Schulleiter bestimmt, mit dem Auftrag, regelmäßigen Kontakt mit Blank zu halten und über die Umsetzung der geforderten Maßnahmen zu berichten.Dennis Shirley: Reformpädagogik im Nationalsozialismus. Die Odenwaldschule 1910 bis 1945. Beltz Juventa, Weinheim 2010, ISBN 978-3-7799-2235-3, S. 122 ff. Geheeb, der die bedrohlichen Konsequenzen der NS-Machtübernahme für die Schule, seine Person, die Familie Cassirer und nicht zuletzt für die verbliebenen 16 jüdischen Schüler an der OSOVgl. hierzu: Klaus Bregler: Die jüdischen Schüler der Odenwaldschule (1910–1934). Entrechtung – Verfolgung – Flucht – Deportation – Ermordung – Selbsttötung. In: Margarita Kaufmann, Alexander Priebe (Hrsg.): 100 Jahre Odenwaldschule. Der wechselvolle Weg einer Reformschule. Berlin 2010, ISBN 978-3-86650-018-1, S. 44–74. zunächst noch abwehren oder doch abmildern zu können glaubte, emigrierte 1934 mit seiner jüdischen Frau Edith und ca. 25 Schülern und einigen Mitarbeitern in die Schweiz und gründete dort die Ecole d’Humanité.