Die Sumpfohreule (Asio flammeus) ist eine Vogelart aus der Gattung der Ohreulen (Asio) innerhalb der Familie der Eigentlichen Eulen (Strigidae). Ihre kurzen Federohren sind meist angelegt und somit nicht sichtbar. Der englische Name Short Eared Owl betont dieses Merkmal, während der deutsche die Lebensraumpräferenzen der Art für Feucht- und Marschgebiete unterstreicht.

Der mit etwa 40 Zentimeter Körperlänge knapp krähengroße Vogel kommt in zumindest sieben Unterarten beinahe weltweit vor und zählt damit zu den Eulenarten mit dem größten Verbreitungsgebiet. Sumpfohreulen gehören zu den wenigen Arten der Strigidae, denen es gelang, auch küstenferne Inseln zu besiedeln. Auf Hawaii ist sie die einzige Eulenart.

Die zum Teil auch tagaktive, meist bodenbrütende Eule ernährt sich vor allem von kleinen Säugetieren, insbesondere von Wühlmäusen. In vielen Gebieten sind ihre Bestände in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen. In Mitteleuropa ist sie ein seltener Brutvogel mit weiträumig zerstreutem Brutvorkommen. Sumpfohreulen führen ein weitgehend vagabundierendes, wenig ortsgebundenes Leben, die nördlicheren Populationen sind Zugvögel mit Zugstrecken von mehreren Tausend Kilometern.

Merkmale

Aussehen

mini|Eher graubraun gefärbte Eule der Nominatform aus Südwestengland mini|Sumpfohreule im Flug

Die Gefiederfärbung der Sumpfohreule ist recht variabel. Typisch sind stroh- oder fahl schilfbraune Grundfärbungen, es kommen auch Exemplare in warmen Brauntönen und graue Individuen mit sehr heller, fast weißer Unterseite und Beinbefiederung vor. Charakteristisch für die Art sind die schwarz umrandeten Augen mit der schwefelgelben Iris, der runde Kopf meist ohne sichtbare Federohren sowie die deutliche Längsstrichelung der Bauchseite.

Eine typisch gefärbte Sumpfohreule der Nominatform ist auf der Oberseite auf schilfgelbem oder strohfarbenem Untergrund unregelmäßig und grob rötlichbraun geflockt. In dieses Muster sind tropfenförmige weiße Markierungen eingelassen, die am Rücken und der Schulter deutlich sein können. Die Armdecken sind dunkler und oft ungezeichnet. Die Handschwingen sind ähnlich wie die Oberseite gefärbt und deutlich, meist dreifach dunkelbraun gebändert. Diese Bänderung setzt sich auf den Armschwingen fort, die an den Basen deutlich heller sind und oft einen hell rötlichbraunen, manchmal orangebraunen Farbton aufweisen; dieses Merkmal und die dunklen Armdecken sind auch beim sitzenden Vogel auffällig. Der gerade abgeschnittene, mehrfach dunkelbraun gebänderte Schwanz ist rötlichbraun. Die Schwingen und die Steuerfedern sind auf der Oberseite recht auffällig weiß gerandet, die Außenfahnen der äußeren Steuerfedern sind weiß. Nacken und Kopf sind rötlichbraun und unregelmäßig dunkelbraun gestrichelt. Die kurzen, eng beieinander liegenden Federohren sind meist überhaupt nicht oder nur als kleine Stummel wahrnehmbar. Bei Erregung voll aufgerichtet ragen sie weniger als einen Zentimeter aus dem Kopfgefieder hervor.HBV Bd. 9. (1994) S. 423 Die Unterseite ist insgesamt heller gelblich-rahmfarben, in der Kehlregion am dunkelsten und wird zum Steiß hin heller. Sie ist deutlich dunkelbraun längsgestrichelt, Querzeichnungen wie bei der Waldohreule fehlen. Die Beine und die Zehen sind im Grundton der Unterseite dicht befiedert. Die Krallen sind dunkel hornfarben. Schwingen und Schwanz sind auf der Unterseite sehr hell und besonders an den Spitzen der Handschwingen auffällig quergebändert. Markant ist ein dunkler, halbmondförmiger Handwurzelfleck. Der Gesichtsschleier ist breit herzförmig, dunkel-hell gerandet und auf hellem, zum Rand hin etwas dunklerem Grund dunkel strahlig gezeichnet. Besonders bei älteren Vögeln ist die untere Umrandung oft rein weiß. Die Augen sind von einer auffälligen und arttypischen schwarzen Maske umgeben, die Iris ist gelb. Ein borstenartiger, heller Federsaum fasst die Augen und den Schnabel zum Teil ein und bildet eine markante X-Zeichnung.

Die Geschlechter unterscheiden sich in der Färbung nicht; das erste Adultkleid gleicht bereits weitgehend dem Jahreskleid dieser Art.

Charakteristisch für das Flugbild der Art sind die langen schlanken Flügel mit der hellen, oft bis auf die Spitzen annähernd zeichnungslosen Unterseite. Sumpfohreulen fliegen mit kräftigen, tief durchgezogenen Flügelschlägen, gleiten weihenartig in leichter V-Stellung und rütteln oft.

Biometrische Daten

Sumpfohreulen entsprechen in der Größe weitgehend der Waldohreule, sind aber kompakter und wesentlich schwerer als diese. Der reverse Geschlechtsdimorphismus ist in Hinblick auf das Gewicht moderat ausgeprägt, in Bezug auf die Größe unauffällig. Die Weibchen sind schwerer und wiegen im Durchschnitt 420 Gramm, die Männchen 350 Gramm. Gewichte unter 280 Gramm gelten für die Nominatform als Hungergewichte.HBV Bd. 9. (1994) S. 426. Die Körperlänge erwachsener Eulen reicht von 34 bis 42 Zentimeter, die Flügelspannweite liegt zwischen 97 und 107 Zentimetern, wobei die höchsten Werte wieder auf Weibchen entfallen.Mebs, Scherzinger, 2000, S. 270.

Gewicht und Größe variieren zwischen den verschiedenen Unterarten recht erheblich: Individuen der Nominatform und der im südlichen Südamerika beheimateten Unterart A. f. suinda sind die größten und schwersten, jene der Inselform A. f. ponapensis von den Karolinen die kleinsten und leichtesten.König, Weick, 2008, S. 485.

Akustische Äußerungen

Sumpfohreulen verfügen über eine Reihe von Lauten, Rufen und Instrumentallauten. Der Revierruf des Männchens ist ein hohles, nicht sehr lautes, bis zu 20-mal gereihtes „Hu“ oder „Bu“. Die in der Tonhöhe leicht ansteigende Ruffolge erinnert etwas an die Rufe des Wiedehopfs. Der Ruf wird sowohl im Fliegen als auch sitzend vorgetragen. Die Rufe der Weibchen haben einen fauchenden, zischenden Charakter und lassen sich nur schwer transkribieren. In Konfliktsituationen und bei Beunruhigung ist ein miauendes, langgezogenes „Kiiijá“ zu hören, bei dem die zweite Silbe deutlich betont ist.

Eindrucksvoll ist das Flügelklatschen dieser Eulenart, das sowohl während der Balz in Sturzflügen als auch bei Auseinandersetzungen mit Rivalen eingesetzt wird. Das Zusammenschlagen der Flügel in rascher Abfolge erzeugt ein knatterndes, an Fahnenknattern erinnerndes Geräusch.Mebs, Scherzinger, 2000, S. 278. Wie andere Eulen fauchen Sumpfohreulen in Konflikt- oder Abwehrsituationen oder knappen mit dem Schnabel. Beunruhigte Sumpfohreule (MP3-Datei; 747 kB) Revierruf (MP3-Datei; 57 kB)

Mauser

Ab dem fünften Lebenstag wachsen die Mesoptil­federn in die Eidunen ein. Das Wachstum des Großgefieders beginnt um den 10. Lebenstag. In der Jugendmauser, die schon nach 25–28 Tagen einsetzt, werden das Mesoptilgefieder weitgehend und zudem große Teile der Armdecken ersetzt. Diese Mauser ist nach etwa 30 Tagen abgeschlossen. Die immature, etwa 2 Monate alte Eule ist in ihrem ersten Adultkleid nur mehr schwer von Eulen im Alterskleid zu unterscheiden. Manchmal bleiben Mesoptilreste im Bauchbereich länger stehen und ermöglichen auch feldornithologisch eine Altersbestimmung.HBV Bd. 9 (1994) S. 426. Die Jahresmauser adulter Vögel beginnt mit dem Großgefieder bei den Weibchen oft schon während der Brut. Dabei werden, beginnend mit der ersten Handschwinge, die Schwingen und die Steuerfedern zur Gänze gewechselt. Der Wechsel des Kleingefieders setzt etwas später ein und ist im Spätsommer oder Frühherbst beendet.Aebischer (2008) S. 107.

Ähnliche Arten

Bei ausreichenden Beobachtungsbedingungen ist die Sumpfohreule immer bestimmbar, Verwechslungen könnten bei fliegenden Vögeln aber vorkommen. Eine Geschlechtsbestimmung ist feldornithologisch ohne situativen Bezug nicht möglich.

Für Verwechslungen kommen die Waldohreule und die Schreieule (Asio clamator) in Frage. Beide Eulen haben markante, immer sichtbare Federohren. Die Waldohreule ist schlanker, der Gesichtsschleier ist schmaler, die Augen sind dunkelorange. Die Unterseite ist nicht nur längsgestrichelt, sondern auch leicht quergezeichnet. Ihre Flügel sind kürzer und runder und auf der Unterseite dunkler und meist deutlicher gebändert. Der Schwanz weist zahlreichere und schmalere Binden auf als der der Sumpfohreule.

Die Schreieule unterscheidet sich abgesehen von den arttypischen Lautäußerungen vor allem durch den breiten, schwarz gerandeten Gesichtsschleier und die etwas geringere Größe.König, Weick, 2008, S. 202, 482, 484.

Verbreitungsgebiet

mini|hochkant=1.5|Verbreitungsgebiet der Sumpfohreule. Zugrichtungen wurden durch blaue Pfeile markiert. Grüne Pfeile kennzeichnen Inselvorkommen. Die Art kann außerhalb der Brutzeit in weiten Bereichen südlich der bekannten Brutgebiete vorkommen.mini|hochkant=1.5|

Das Verbreitungsgebiet der Sumpfohreule ist sehr groß. In den meisten Gebieten ist die Art nicht flächendeckend vertreten, sondern kommt nur zerstreut, dem jeweiligen Nahrungsangebot folgend, vor, sodass die Brutdichte dieser Art sehr großen Schwankungen unterworfen ist. In einer groß angelegten finnischen Untersuchung wurden von 1986 bis 2004 zwischen einem und 132 beflogenen Nestern festgestellt; 2005 erhöhte sich diese Zahl auf 304 Nester, um im Jahr darauf wieder auf einen Stand von 55 Nestern zu fallen.Pertti Saurola: Bad news and good news: population changes of Finnish owls during 1982–2007. In: ARDEA 97 (4): 469 – 482.

In der Nearktis besiedelt die Art Nordamerika südwärts etwa bis zum 35. Breitengrad. Die nördlichsten Brutgebiete liegen auf Banks Island und Victoria Island. 4000 Kilometer von den Festlandvorkommen entfernt, brüten Sumpfohreulen auf einigen der Hawaii-Inseln. Ein weiteres Vorkommen im Pazifik ist von Pohnpei, einer Insel der Karolinen, und einigen Marianeninseln bekannt. In der Karibik ist die Sumpfohreule Brutvogel aller großen Antilleninseln und einiger der Kleinen Antillen. In Südamerika liegen die dichtesten Vorkommen in der Südhälfte des Kontinents und reichen dort bis Feuerland; zerstreut und selten brütet sie im nördlichen Teil sowie in den Andenregionen. Die Sumpfohreule ist darüber hinaus Brutvogel der Falklandinseln und der Juan-Fernández-Inseln. Die lange als Unterart geltenden Ohreulen der Galapagosinseln wurden als eigenständige Art, Galápagos-Ohreule (Asio galapagoensis), abgetrennt.König, Weick, 2008, S. 486–487.

In der Paläarktis liegen die westlichsten Brutvorkommen auf Island, wo sie neben der nur fallweise brütenden Schneeeule die einzige Eulenart ist. Sie kommt sehr zerstreut in Großbritannien vor, in Irland wird sie häufig nachgewiesen, Bruten wurden bisher nicht bestätigt.Bestandssituation in Großbritannien und Irland. (PDF; engl.; 29 kB). Sehr zerstreut und in der Dichte stark fluktuierend brüten Sumpfohreulen in West-, Südwest- und Mitteleuropa. Ob Brutvorkommen in den südlichen Balkanstaaten und in der Türkei bestehen, ist unsicher. Das weitgehend geschlossene paläarktische Verbreitungsgebiet umfasst weite Teile Skandinaviens, das Baltikum, Belarus sowie die Ukraine und erstreckt sich ostwärts in einem breiten Gürtel bis an die Pazifikküste. Die Nordgrenze der paläarktischen Verbreitung liegt bei 70° Nord, die uneinheitliche Südgrenze schwankt um den 50. Breitengrad. Die südlichsten Vorkommen gibt es in den zentralasiatischen Steppen zwischen Kaspischem Meer und Aralsee.