Johannes de Rupescissa, französisch Jean de Roquetaillade, deutsch gelegentlich Johann von Rupescissa und Johann vom Gespaltenen Felsen, (* um 1311 in Schloss Marcolès (Cantal) bei Aurillac, Auvergne; † wahrscheinlich 1365 oder 1366Udo Benzenhöfer: Johannes de Rupescissa. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 12 (zum Geburtsort Marcolès) und 701 („† (wahrscheinlich) 1365 oder 1366, Sterbeort unbekannt“).Gundolf Keil über Udo Benzenhöfer, Johannes’ de Rupescissa “Liber de consideratione quintae essentiae omnium rerum” deutsch. Studien zur Alchemia medica des 15. bis 17. Jahrhunderts mit kritischer Edition des Textes (Heidelberger Studien zur Naturheilkunde der frühen Neuzeit, Band 1). Stuttgart 1989, Franz Steiner Verlag Wiesbaden In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur. Band 122, Heft 3, 1993, S. 366–368, hier: S. 366.) war ein Franziskaner, Alchemist und apokalyptischer Visionär in Südfrankreich. Er wird den Joachimiten zugerechnetMarina Nardone: La persuasione dolce. La tradizione del gioachimismo nella cronachistica francescana tra XIII e XIV secolo. (PDF, Dissertation), Neapel 2011, S. 245 f. bzw. SpiritualenL. Hödl, Roquetaillade, Lexikon des Mittelalters (siehe Literatur). Hödl ordnet ihn gleichrangig mit Ubertino da Casale, Angelus Clarenus und Alvarus Pelagius in der Reformbewegung des Franziskanerordens seiner Zeit ein. und verband Ideen zu einer Quintessenz genannten, in der Materie verborgenen, aus allen Stoffen des Naturreiches destillierbarer subtiler, lebenserzeugender und lebenserhaltender „überirdischen“ Substanz bzw. Kraft des unvergänglichen, das Universum vor seiner Zerstörung bewahrenden „Himmels“ bzw. fünften Elements des Aristoteles,Joachim Telle: Zur spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Alchemia medica unter besondere Berücksichtigung von Joachim Tanck. In: Rudolf Schmitz, Gundolf Keil (Hrsg.): Humanismus und Medizin. Acta humaniora, Weinheim 1984 (= Deutsche Forschungsgemeinschaft: Mitteilungen der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), ISBN 3-527-17011-1, S. 139–157, hier: S. 148. mit Prophetien eines seiner Meinung nach bevorstehenden Weltuntergang in einer für das Mittelalter einzigartigen „apokalyptischen“ Alchemie. mini|Aus einem Manuskript von Rupescissa, um 1350

Leben Er studierte fünf Jahre Philosophie und die freien Künste in Toulouse, wo auch seine intensive Beschäftigung mit der Alchemie begann, und trat 1332 dem Franziskanerorden bei, wo er sein Studium vor allem in Theologie fortsetzte. Zwischen 1340 und 1344 war er im Minoritenkloster von Aurillac. Dort begann er, Prophezeiungen und Visionen zu verbreiten (unter anderem sah er den Antichrist in Gestalt eines Kindes in China). Aufgrund falscher Prophezeiungen und radikaler Kritik an der Kirche (er trat für franziskanische Armut ein und kritisierte das Papsttum in Avignon und die gängige Simonie) wurde er von seinen Oberen 1344 eingesperrt und als Inhaftierter von einem Kloster zum anderen versetzt (1344 Figeac, gefolgt von Martel, Brive, Donzenac, Limoges, Saint-Junien sowie Toulouse und 1347 Rieux). 1349 kam er in den Carcer Soldani nach Avignon, um sich vor Papst Clemens VI. zu verteidigen. – Er sollte eigentlich ins Kloster nach Castres, doch er überzeugte die ihn begleitenden Mönche, ihn nach Avignon zu bringen. – Ein erster Prozess begann Ende 1349, doch blieb er bis November 1356 in Avignon eingesperrt, nachdem ein 1354 begonnener neuer Prozess keine häretischen Ansichten entdecken konnte. Eine mildere Form von Gefangenschaft wurde aber aufrechterhalten, auch als er 1360 unter Innozenz VI. auf das Schloss Brignoles gebracht wurde. Letzte Nachrichten von ihm sind vom Dezember 1365: Er erhielt verschiedene Zuwendungen von der apostolischen Kammer, war aber krank und in einem Minoritenkloster in Avignon.Jeanne Bignami-Odier: Études sur Jean de Roquetaillade (Johannes de Rupescissa). Paris 1952, S. 16–50.

Obwohl man ihn über zwanzig Jahre einsperrte, stellte man ihm Schreibmaterialien (und teures Pergament) im Gefängnis zur Verfügung, manchmal auch Bücher. Im Gefängnis schrieb er Visiones seu revelationes (1349) und 1356 Vade mecum in tribulatione (sein bekanntestes Werk, in dem Rupescissa die Endzeit in der Zeit zwischen 1360 und 1372 und kommen sah) sowie Liber ostensor. Seine Visionen und Prophezeiungen sind von den franziskanischen Spiritualen beeinflusst (Joachimiten, Petrus Johannis Olivi), er geht aber weit darüber hinaus und sieht das Studium von Bibel, Prophetien und der Natur (Alchemie) als Mittel zur Überwindung der in seiner Sicht bevorstehenden ApokalypseFrankreich wurde zu dieser Zeit von Heimsuchungen wie dem Hundertjährigen Krieg, Hungersnöten, Aufständen (Jacquerie) und der Pest bedroht und der Papst war im Exil in Avignon. und der Herrschaft des AntichristenDer Zusammenhang der alchemistischen und eschatologischen Schriften und Ideen ist in dem Buch von DeVun dargestellt oder (wie im Liber secretorum eventuum) der Antichristen, die mit der Ankunft des Engelspapstes (dem reparator oris) endet.

Ein ebenfalls von den Joachimiten beeinflusster Alchemist war der rund hundert Jahre vor Rupescissa geborene englische Franziskaner Roger Bacon.

Werk

Überblick

Von seinen etwa 30 Werken sind sieben erhalten: Fünf seiner Prophetica (Vatizinien) und zwei alchemistischen Inhalts. Rupescissa wird als alchemistischer Autor von dem hundert Jahre später lebenden Johannes Trithemius in dessen Annalium Hirsaugensium erwähnt (s. dazu Multhauf: Isis in den untenstehenden Literaturangaben); als Autor von Prophezeiungen war er dagegen so bekannt, dass ihn Chronisten wie Jean Froissart und Jean Le Bel erwähnen. Seine Visionen hatten Einfluss auf die entsprechende spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Literatur. Sie sind mit autobiographischen Angaben besonders über die Zeit seiner Gefangenschaft verwoben. Seine alchemistischen Werke entstanden um 1350. Er war beeinflusst durch die Schriften von Arnaldus de Villanova, Ramon Llull (DeVun Prophecy, alchemy and the end of time (s. Literatur) weist nach, dass einige Llull zugeschriebene Werke Ideen von Rupescissa verwenden), Roger Bacon, Geber – oder vielmehr die Schriften, die man diesen zuschrieb, denn die Autorschaft ihnen traditionell zugeschriebener alchemistischer Werke wird heute bezweifelt.

Seine Werke (einige der wenigen mittelalterlichen alchemistischen Werke, die sicher einem Autor zugeordnet werden können) zeigen außerdem, dass die Ideen einer medizinischen Chemie weit vor die Iatrochemie von Paracelsus und seinen Anhängern zurückreichen. Über seine Verfahren zur Gewinnung der Quinta essentia veröffentlichte er eine Reihe einflussreicher Bücher. Sie enthalten auch Informationen zu Destilliertechniken.

Sein Hauptwerk dürfte der auch humanmedizinisch ausgerichtete Liber de consideratione quintae essentiae omnium rerum, kurz die Consideratio, sein. Der lateinische Erstdruck der Consideratio ist aufgeteilt in zwei Bücher, wobei das erste Buch vor allem die Gewinnung der Quinta essentia zum Thema hat, sowie einige Arzneimittel in Form von Simplizien enthält, und das zweite, übertitelt mit De generalibus remedibus über zwanzig Heilmittel, vor allem Komposita, nach Indikationen geordnet enthält.Udo Benzenhöfer: Johannes’ de Rupescissa „Liber de consideratione quintae essentiae omnium rerum“ deutsch. Studien zur Alchemia medica des 15. bis 17. Jahrhunderts mit kritischer Edition des Textes. 1989, S. 15–21.

Schriften zur Quinta essentia

Er propagierte den von ihm, entsprechend damals schon bekannter und etwa durch Taddeo Alderotti überlieferter Verfahren zur Branntweinherstellung, destillierten Weingeist (Alkohol) als allgemeines Heilmittel,Eintrag in Winfried Pötsch, Annelore Fischer, Wolfgang Müller: Lexikon bedeutender Chemiker. Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-8171-1055-3 das auch das Leben verlängerte, und nannte es quinta essentia oder aqua vitae.Aqua Vitae oder Aqua ardens ist der Name für Alkohol früherer alchemistischer Autoren wie Arnaldus de Villanova, Vitalis von Furno, Thaddaeus Florentinus. Die Verwendung als Medizin war schon länger bekannt (z. B. de Villanova, Vitalis von Furno) Diese fünfte Essenz – in Anspielung auf Aristoteles neben den klassischen vier Elementen Erde, Feuer, Wasser, Luft – war himmlischen Ursprungs und als solche den antiken Autoren auch als den Kosmos erfüllender Äther bekannt (s. Aither und Äther (Physik)), wirkte den verderblichen und zerstörerischen Einflüssen der Erde wie Alter und Krankheit entgegen und war nicht deren Verfall unterworfen. Nach Rupescissa ist die Quinta essentia von Gott gegeben, um den Körper zu erhalten, so wie er den Himmel geschaffen habe, um die Welt zu retten (und somit nach Rupescissa etwas wie ein menschlicher Himmel). Dass sie Inkorrumpierbarkeit (solange sie nicht entweicht) vermittle, zeige die Konservierung von Fleisch im Alkohol, allerdings vermittle sie keine Unsterblichkeit, was Gott selbst Adam im Paradies verweigert hätte. Sie sei nach Rupescissa:

ähnlich Wasser, aber im Gegensatz zu diesem brennbar, ähnlich Luft, aber nicht warm und feucht (und gebiert nicht spontan Insekten), es ist daher sehr scharf und warm, nicht wie die kühle, trockene Erde, es ist nicht wie Feuer, da es Fieber heilt und kühlt, hat aber von allen vier Elementen einige Qualitäten.Walter Pagel: Paracelsus. Karger, 1982, S. 263 ff. (Sources of Paracelsus)

Alchemistische Techniken brächten diese vor allem im Kosmos außerhalb der Erde auffindbare Substanz auch in der sublunaren Welt, d. h. auf der Erde, zu Tage. Man konnte sie nach Rupescissa prinzipiell allen Elementen der Natur entnehmen, z. B. Pflanzen (die er aber ebenso wie organisches Material von Tieren nur nebenbei erwähnt), Menschenblut, Mineralien, Metallen (besonders Gold, Quecksilber, Antimon), wenn auch in weniger perfekter Form als beim Alkohol. Sein Vorgehen ist häufig die Behandlung mit Mineralsäuren, gefolgt von Sublimation und Destillation. Er nennt mehrere Beispiele für derartigen Verfahren, darunter:

Die Umsetzung von Quecksilber (Argentum vivum) mit Römischem Vitriol (Sulphur philosophorum, das ist Eisen- oder Kupfersulfat; Rupescissa identifiziert Schwefel jenseits der teilweise stark philosophischen Spekulationen früher Autoren mit dem Geist des Vitriols) und sal petrae (eigentlich Salpetersalz, doch deutet das von ihm beschriebene weiße Endprodukt in diesem Fall auf ein Chlorid (Multhauf, loc. cit., S. 362)). Im Liber lucis (genannt auch Liber magisterii de confectione veri lapidis philosoporum; nach Benzenhöfer Rescissas metallurgisch-alchemische Ergänzungsschrift zu seiner humanmedizinisch ausgerichteten Consideratio) beschreibt Rupescissa diese Prozedur auch als eine Stufe im Prozess der Herstellung des Steins der Weisen (Lapis philosophorum), der seinen Angaben nach ein Kompositum aus Quecksilber und römischem Vitriol (also Schwefel) war; Quecksilber und Schwefel vereinigt Rescissa, indem er, wie er schreibt, zuvor in mehreren Prozeduren das Quecksilber von seiner Erdhaftigkeit befreit. Gold amalgamierte er erst, pulverisierte es und behandelte es mit Essig (Acetum) oder Urin. Antimon (in der Form des Sulfiderzes) behandelte er auch mit Acetum und destillierte es dann. In der medizinischen Anwendung von Alkohol mischte er auch Gold bei (von ihm affixio solis „Fixierung der Sonne im Himmel“ genannt), was ein verbreitetes Mittel der Verabreichung von Gold wurde.Multhauf, loc. cit.

Ausgaben, Einfluss und Rezeption