mini|hochkant=1.3|Schlosskirche (2024)

Die Schlosskirche, auch Kirche der Reformation, ist eine evangelische Kirche in Lutherstadt Wittenberg und seit 1996 UNESCO-Welterbestätte. Sie gilt als Ausgangspunkt der Reformation, nachdem am 31. Oktober 1517 Martin Luther von hier aus seine 95 lateinischen Disputationsthesen verbreitet hatte. Sie gehört zu den Luthergedenkstätten in Eisleben und Wittenberg.

Lage Die Schlosskirche liegt im Westen der Altstadt von Wittenberg am Ende der vom Markt kommenden Schlossstraße. Sie ist baulich mit dem Schloss Wittenberg verbunden und bildet den nördlichen Seitenflügel der nach Osten offenen Dreiflügelanlage des Schlosses. Der Zugang zur Kirche erfolgt über das Besucherzentrum im Schlosshof.

Die Kirche ist nicht streng geostet. Ihre Längsachse weicht um etwa 14 Grad nach Süden von der Ostrichtung ab.

Geschichte Das erste Schloss an heutiger Stelle und mit ihm die früheste Schlosskirche, die Kapelle aller Heiligen, wurde um 1340 von dem askanischen Herzog Rudolf I. gebaut. Am 6. Mai 1346 wurde die Stiftung „Allerheiligen“ errichtet, die sich im neu errichteten askanischen Schloss befand. Die von Rudolf I. gestiftete Kapelle „Aller Heiligen“ wurde darin dem direkten Recht des römischen Stuhls unterstellt. Am 24. Februar 1361 stattete Herzog Rudolf II. die „allen Heiligen“ gestiftete Kapelle mit Einkommen aus, gab ihr Statuten und regelte ihre Gottesdienstordnung. Diese Regelungen galten auch unter den nachfolgenden Herrschern. 1400 wurden auf Weisung des Papstes Bonifatius IX. die Stadtkirche St. Marien und die Marienkapelle auf dem Apollensberg der Schlosskirche unterstellt.

mini|hochkant|Schlosskirche Wittenberg (1509), nach L. Cranach d. Ä. mini|hochkant|Kirchenraum um 1730 mini|hochkant|… und 1832 1490 bis 1515 ließ Friedrich der Weise das gesamte Schloss neu errichten, beginnend mit dem Süd- und dem Westflügel. Erst ab 1496 wurde von Konrad Pflüger die Schlosskirche als Nordflügel angefügt, wo erst fünf Jahre nach der Kirchweihe (17. Januar 1503) die Wölbarbeiten vollendet waren. Seitdem bildet die Schlosskirche den Nordflügel. Friedrich der Weise legte darin eine umfangreiche Reliquiensammlung an, die Wallfahrer von weither anzog, und stattete sie entsprechend aufwändig aus. Viele der über 19.000 „Heiltümer“ (Reliquien) mit dem Gegenwert von rund zwei Millionen Jahren Ablass fanden ihren Platz auf den 16 Altären der schmalen Dreiseiten-Empore, von wo aus auch ihre „Weisung“ (Präsentation) geschah.G. Stiehr (Hg.): Die Schlosskirche zu Wittenberg. Übersicht ihrer Geschichte bis auf die Gegenwart. Zur Säcularerinnerung an die beiden Jahre 1560 und 1760. Zusammengestellt und im Auftrage des Vereines für Heimatkunde des Kurkreises hrsg. von G. Stier. mit fünf Holzschnitten; Wittenberg 1860, S. 6f – Digitalisat der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB), Signatur Hist.Sax.H.1915Hans-Joachim Krause: Die Emporenanlage der Torgauer Schloßkapelle in ihrer ursprünglichen Gestalt und Funktion; in: Bau- und Bildkunst im Spiegel internationaler Forschung; Hg. vom Institut für Denkmalpflege der Deutschen Demokratischen Republik, Zentraler Bereich Dokumentation und Publikation; Berlin 1989, S. 233–245Dieter Großmann: Emporenkirchen und Kirchenemporen in Deutschland im 16. Jahrhundert; in: Klaus Raschzok, Reiner Sörries (Hg.): Geschichte des protestantischen Kirchenbaues. Festschrift für Peter Poscharsky; Erlangen 1994 S. 30

Nach der Gründung der Wittenberger Universität Leucorea im Jahr 1502 wurde ihr die Schlosskirche 1507 als Universitätskirche beigestellt; dadurch entwickelte die Kirche sich zur akademischen Weihestätte. Hier erhielten die Studenten ihre Promotionen, hier hielt Philipp Melanchthon seine berühmte Antrittsrede, es wurden Andachten in der Kirche durchgeführt, und die akademischen Würdenträger der Universität wurden hier beigesetzt. Einige dieser Würdenträger sind heute noch an den Mauern in ihren Epitaphen zu erkennen.

Das Hauptportal, damals aus Holz, wurde von den Universitätsangehörigen zum Anheften von Informationen genutzt. Martin Luther, Konventuale des Augustinerklosters und Theologieprofessor, soll hier am 31. Oktober 1517, dem Vorabend des Patronatstags der Schlosskirche, seine 95 Thesen angeschlagen haben, um zur Disputation über den Ablasshandel aufzufordern. Das war der Auslöser der Reformation. Ob der Thesenanschlag tatsächlich in dieser Form stattgefunden hat, ist umstritten.Heinz Schilling: Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Eine Biographie. Sonderausgabe, C.H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-63741-4, S. 167 f. (EA ebenda 2012; 2., durchges. Auflage. 2013; Rezension, H-Soz-u-Kult). Nachgewiesen ist, dass Luther die Thesen an dem Tag handschriftlich an zwei Bischöfe und in der Folgezeit an weitere Theologen versandte.Daniel Jütte: Thesenanschlag. Schwang Luther 1517 tatsächlich den Hammer? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 16. Juni 2014, abgerufen am 19. August 2016 („Martin Luthers Thesenanschlag von Wittenberg ist sicher der berühmteste, aber längst nicht der einzige: Eine Geschichte des Anschlagens von Zetteln an Kirchen.“).

1525 wurde Friedrich der Weise in der Schlosskirche begraben. Im selben Jahr wurde der lutherische Gottesdienst in der Kirche eingeführt. 1546 erhielt Martin Luther, 1560 Philipp Melanchthon sein Grab in der Schlosskirche.

Im Siebenjährigen Krieg brannte 1760 die Kirche aus. Die Innenausstattung ging großteils verloren, der Außenbau wurde bis 1770 verändert wieder aufgebaut. Dabei wurde der Schlossturm zum Kirchturm umgebaut. Neue Schäden vor allem am Turm erlitt die Kirche 1814 durch die Erstürmung Wittenbergs während der Befreiungskriege. Dabei sind die größten Teile der Inneneinrichtung der Kirche mit ihren wertvollen Kunstwerken und Reliquien verlorengegangen. Einzig erhalten sind die Kunstdenkmäler aus Metall, im Besonderen das Grabmal Friedrich des Weisen, das der bekannte Bronzegießer Peter Vischer in Nürnberg 1527 erschuf.

1815 kam Wittenberg nach dem Wiener Kongress zu Preußen. Nachdem die Wittenberger Universität 1817 nach Halle (Saale) verlegt worden war, wurde die Schloss- und Universitätskirche dem neugegründeten Evangelischen PredigerseminarWebsite des Evangelischen Predigerseminars Lutherstadt Wittenberg. In: predigerseminar.de, abgerufen am 8. Oktober 2016. zur Nutzung übergeben.

Anstelle der 1760 verbrannten hölzernen Thesentür stiftete der Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. die in Bronze gegossene Thesentür zum 375. Geburtstag Martin Luthers am 10. November 1858 mit einer Einweihungszeremonie.

Anlässlich von Martin Luthers 400. Geburtstag 1883 begann unter Leitung von Friedrich Adler ein tiefgreifender Umbau der Kirche im neugotischen Stil als „Denkmal der Reformation“, der 1892 abgeschlossen war. Dabei wurde ihr innerer Kern vollkommen neu nach historischen Aufzeichnungen gestaltet und die Haube des Schlosskirchturms neu errichtet. Am 31. Oktober 1892 wurde die umgestaltete Kirche in Anwesenheit Kaiser Wilhelms II. und im Rahmen eines historischen FestzugsBilder vom Festakt 1892. In: landesarchiv-bw.de. Landesarchiv Baden-Württemberg, abgerufen am 4. Oktober 2018. neu geweiht.

Im Jahr 1949 wurde die Schlosskirchengemeinde gegründet, um der Kirche neben dem Predigerseminar eine eigene Gemeinde zuzuordnen.. In: kirchenkreis-wittenberg.de, abgerufen am 8. Oktober 2016.

Anlässlich der 500-Jahr-Feier des Geburtstages von Martin Luther 1983 wurden in der Schlosskirche zwölf Glasfenster mit den Porträts der dreizehn wichtigsten Reformatorenschüler Luthers eingeweiht. Der Lutherische Weltbund hatte damit die Hallenser Künstlerin Renate Brömme beauftragt, die die Glasmalereien in einem adaptiv zeitlosen Stil anfertigte.

Von 1978 bis 1992 wirkte an dieser Kirche der Prediger Friedrich Schorlemmer, der mit der Aktion des symbolischen Umschmiedens eines Schwertes zu einer Pflugschar – einem Hoffnungszeichen der DDR-Friedensbewegung – international bekannt wurde.

1999/2000 wurde der Dachstuhl saniert und das Dach nach dem Vorbild von 1892 neu gedeckt.

Mit Blick auf das 500. Jubiläum des Thesenanschlags 2017 erfolgte eine umfassende Sanierung des Gotteshauses. Sie kostete rund 8,2 Millionen Euro.. In: blsa.sachsen-anhalt.de. Bau- und Liegenschaftsmanagement Sachsen-Anhalt, abgerufen am 9. Oktober 2016. Am 2. Oktober 2016 erhielt die Schlosskirche von der dänischen Königin Margrethe II. einen von ihr entworfenen Altarbehang als königliches Gastgeschenk zur Wiedereröffnung nach der Restauration. In: waz.de. WAZ. 2. Oktober 2016, abgerufen am 4. Oktober 2016. In: kongehuset.dk. 20. September 2016, abgerufen am 4. Oktober 2016 (offizielle Website der dänischen Königin; englisch; Zentralmotiv des Antependiums ist die Lutherrose; mit Abbildungen).

Beschreibung Architektur mini|hochkant|Netzgewölbe der Decke mini|hochkant|Inschrift am Turm Die Schlosskirche Wittenberg ist eine einschiffige spätgotische Hallenkirche mit Netzgewölbe über fünf Joche und einer Apsis mit 5/8-Schluss, das bis Ende des 19. Jahrhunderts von Außen-Strebepfeilern gestützt wurde. Das hintere Joch nimmt die Orgelempore ein. Eine seit 1892 umlaufende steinerne Empore ist flachbogengestützt, ihre Säulen tragen nun auch das feingliedrige Netzgewölbe und bilden somit eine Wandpfeilerkirche.

Der bauzeitliche und der spätere Innenraum war durch Merkmale bestimmt, die heute verändert sind oder fehlen. Sie sind noch ablesbar an einem überlieferten Grundriss und an drei überlieferten Abbildungen: Der Holzschnitt (1509) von Lucas Cranach d. Ä. zeigt im Westdach beim Turm ein Zwerchhaus als Nordgiebel des im Süden der Kirche rechtwinklig anschließenden Schloss-Westflügels. Dessen Dachwerk war gestützt von einer Säule, die auf der Innenansicht von 1730 hinten vor der Westempore zu sehen ist. Hier sind auch weitere Einzelheiten erkennbar: links am vierten Südemporen-Pfeiler stand die ursprüngliche Kanzel, also in der Mitte der Längswand mit Blick auf den mittigen Nordeingang. Das Parterre-Gestühl war von drei Seiten auf die Kanzel ausgerichtet, ihr nördlich genau gegenüber war 1540 eine „naw phorkirche“ für den Kurfürsten angelegt worden. Er konnte vom Westflügel aus über die Westempore zu dieser seiner „Loge“ gelangen. Bestätigt wird dieser ursprüngliche Charakter der Schlosskirche als einer Querkirche durch den auf die Bauzeit zurückgehenden Bestandsgrundriss von 1758. Die beiden verheerenden Brände von 1760 und 1814 hatten den Gewölbeverlust und die Verbreiterung der Dreiseiten-Empore zur Folge, wie die Innenansicht von 1832 zeigt. Erst der neugotische Umbau am Ende des 19. Jahrhunderts führte die Stützen der nun kompletten Umlauf-Empore als Pfeiler bis in das vermutlich völlig neue Kirchengewölbe hinauf. Die neugotische Kanzel und auch die neuen Fürstenstühle wurde um eine Position näher an die Ostapsis gesetzt und die Bestuhlung längs auf den Altar ausgerichtet.Friedrich Adler: Schlosskirche Wittenberg. Wiederherstellung – Grundrisse; in: Atlas zur Zeitschrift für Bauwesen, hrsg. v. Ministerium der öffentlichen Arbeiten, Jg. 45, 1895 – einsehbar als PDF in

Das Dach ist mit bunt glasierten Dachziegeln in einem Rautenmuster gedeckt. Es trägt einen Dachreiter in gotischem Stil und einige Gauben mit zeltförmigem Aufbau. Die gotischen Spitzbogenfenster zwischen den äußeren Stützpfeilern sind zweigeteilt. Den westlichen Giebel ziert ein gotisches Maßwerk. Das ursprüngliche westliche Quer-Dachwerk des Westflügels mit seinem nördlichen Zwerchhaus existiert nach den Bränden und dem Umbau des Schlosses zu einer Festung nicht mehr.