Schatten über Innsmouth (Originaltitel „The Shadow over Innsmouth“) ist eine Horror-Novelle des US-amerikanischen Schriftstellers H. P. Lovecraft. Sie wurde 1931 fertiggestellt und 1936 zum ersten Mal veröffentlicht. Die Erzählung beschreibt aus der Sicht eines jungen Mannes, wie dieser die Küstenstadt Innsmouth in Neuengland besucht. Dort findet er heraus, dass die Bewohner der Stadt in Verbindung zu einer uralten Art von Meereswesen, den sogenannten „Tiefen Wesen“ stehen. Der Protagonist dringt immer tiefer in die Geheimnisse von Innsmouth ein und findet heraus, dass die Bewohner der Stadt sich mit diesen Wesen kreuzen und deren Kinder sich selbst langsam in fischähnliche Kreaturen verwandeln. Die Nachforschungen des Protagonisten erregen die Aufmerksamkeit der Wesen. Mit knapper Not entkommt er ihren Fängen und schafft es, aus Innsmouth zu fliehen.

Handlung Die Handlung beginnt mit dem Bericht über eine geheime Untersuchung der Regierung der Vereinigten Staaten in der verfallenen Hafenstadt Innsmouth in Massachusetts. Diese Ermittlung kam zustande, nachdem der Erzähler der Geschichte durch Zufall nach Innsmouth gelangt war, aus der Stadt flüchtete, und sich mit seiner grauenhaften Entdeckung an die Behörden wandte.

Der Erzähler begibt sich im Alter von 21 Jahren auf eine Reise durch Neuengland, um das Land kennenzulernen und genealogische Studien zu betreiben. Zu dem Zeitpunkt, an dem seine Erzählung beginnt, ist er gerade in Newburyport und sucht eine günstige Möglichkeit, um nach Arkham zu kommen, von wo seine Familie stammt. Als ihm die Fahrkarte für den Zug zu teuer ist, bekommt er vom Fahrkartenverkäufer den Tipp, den alten Bus von Joe Sargent zu nehmen, der jedoch über die Stadt Innsmouth fährt. Auf weiteres Nachfragen erfährt er unter anderem, dass die Bewohner der Nachbarstädte die Gegend um Innsmouth meiden, deren Einheimische komisch aussähen und selten ihre heruntergekommene Stadt verlassen würden. Außerdem solle ein Pakt mit dem Teufel geschlossen worden sein, wodurch Geister aus der Hölle in die Stadt gekommen seien und eine schreckliche Epidemie ausgelöst hätten, welche über die Hälfte der Einwohner dahingerafft habe. Durch diese Hinweise und die Tatsache, dass die Stadt auf keiner bekannten Karte verzeichnet ist, wird die Neugier des Protagonisten geweckt, und er beschließt, besagten Bus zu nehmen.

Da der Bus erst am nächsten Tag fährt, hat der Protagonist noch genügend Zeit, um von den Bewohnern von Newburyport mehr über die geheimnisvolle Stadt zu erfahren. Da sich diese jedoch sehr reserviert zeigen, geht er in die Stadtbibliothek, um dort weitere Informationen zu bekommen. Er entdeckt neben Berichten über die dortige Goldraffinerie auch einen Hinweis auf ein eigenartiges Schmuckstück, eine Tiara mit merkwürdig unirdischem Stil, welche in Newburyport ausgestellt ist. Bei der Besichtigung des Schmuckes empfindet er Faszination, aber auch eine seltsame Beunruhigung, die von den darauf abgebildeten Kreaturen herrührt. Die Kuratorin des Museums erzählt ihm von einem Geheimkult in Innsmouth, dem Esoterischen Orden von Dagon.

Als er am nächsten Morgen den Bus nach Innsmouth besteigt, fallen ihm sofort die faltigen Hälse, schmalen Köpfe, hervortretenden Augen und ausdruckslosen Gesichter der Insassen aus Innsmouth auf. Der Anblick lässt in ihm ein Gefühl von Abneigung hochkommen. Er nennt dieses Aussehen den Innsmouth-Look. In Innsmouth angekommen sieht er durch eine Kellertüre der Steinkirche eine Gestalt in eigentümlichen Gewändern und derselben Tiara, wie er sie bereits in Newburyport betrachtet hatte. Der Protagonist beginnt seine Nachforschungen in dem Laden einer Lebensmittelkette, in dem ein junger Mann aus der Nachbarstadt Arkham arbeitet. Von ihm bekommt er eine Karte der Stadt gezeichnet und den Hinweis auf weitere Informationen, falls er den alten Trunkenbold Zadok Allen ausfindig machen kann. Der Erzähler macht sich auf, um die großteils verlassene Stadt zu erkunden. Er wundert sich darüber, dass es weder Hunde noch Katzen gibt und die Fensterläden nicht nur bei den schlecht erhaltenen Gebäuden geschlossen sind. Zadok Allen findet er bei der baufälligen Feuerwache. Er besorgt sich eine Flasche Whiskey in einem Kramerladen und lockt Allen damit in ein einsames Viertel an der Küste, wo sie sich auf einem alten Pier niederlassen.

Durch den Whiskey wird der alte Stadtbewohner gesprächig und erzählt von der Geschichte Innsmouths, die eng mit Obed Marsh verbunden sei. Marsh habe einige Schiffe besessen, mit denen er Handel getrieben habe. Unter seinen Handelspartnern waren die Eingeborenen einer kleinen Insel gewesen, die über Unmengen an seltsamem Goldschmuck und Fischen verfügten, da sie mit seltsamen Wesen aus dem Meer einen Pakt geschlossen haben. Diese Tiefen Wesen lebten im Meer und seien Mischwesen halb Mensch halb Fisch. Der Handel versiegte, als die Eingeborenen von den Bewohnern der Nachbarinseln vernichtet worden seien. Marsh hätte jedoch zuvor ein Stück Metall und Zauberformeln zur Beschwörung jener Tiefen Wesen vom Häuptling der Eingeborenen bekommen. Dieses benutzten Marsh und seine Männer, um vor der Küste Innsmouths am Teufelsriff eine Beschwörung dieser Wesen mit Menschenopfern vorzunehmen. Die Tiefen Wesen hätten mit den Bewohnern von Innsmouth einen Handel gemacht: Die Menschen bekämen Goldschmuck und Fisch, dafür müssten sie die Fisch-Kreaturen in ihrer Stadt aufnehmen und sich mit ihnen paaren. Die Kinder aus dieser Vermischung sollten nie sterben, sie würden den Innsmouth-Look annehmen und zu Mutter Hydra und Vater Dagon ins Meer zurückkehren. Auch erfährt der Erzähler vom alten Allen, dass er selbst „die Augen der Marshs“ habe.

Der Erzähler weiß nicht recht, was er von dieser fantastischen Geschichte halten soll und beschließt, die Stadt zu verlassen. Joe Sargent erklärt ihm jedoch, dass der Bus eine Panne habe, er aber die Nacht im Gilman House verbringen könne. Da kein Riegel an der Tür des ihm zugewiesenen Hotelzimmers vorhanden ist, befestigt er das Schloss des Kleiderschranks an der Tür. Die Geschichte Allens hat ihn so beunruhigt, dass er nicht schlafen kann. Zu später Stunde knarren die Dielen und jemand versucht ohne Erfolg, in sein Zimmer einzudringen. Kurz darauf beginnt ein lautes Klopfen an der Tür. Der Protagonist flieht durch eine Verbindungstür in ein anderes Zimmer und klettert dort aus dem Fenster. Er flüchtet durch die Stadt, stets bemüht, ungesehen im Finsteren zu bleiben. Da die Straßen von den Stadtbewohnern überwacht werden, bleibt ihm als Fluchtweg nur die stillgelegte Eisenbahnlinie zur Nachbarstadt Rowley.

Nachdem er mehrmals beinahe entdeckt wird, erreicht er ein sumpfiges Gelände, wo das Bahngleis auf einem niedrigen Damm verläuft, der von Büschen und Dickicht umgeben ist. Als ein Suchtrupp an einer nahe gelegenen Straße näherkommt, sucht der Gejagte Schutz im dichten Gestrüpp. Er beobachtet die Gestalten, die nichts Menschliches mehr an sich haben und einen fürchterlichen Fischgeruch verbreiten. Ihre Hautfarbe ist graugrün, ihre Bäuche sind jedoch weiß und die Köpfe jene von Fischen, mit Kiemen und grotesk herausstarrenden Augen. Ihre Fortbewegung ist mehr ein Hopsen, manchmal auf zwei Beinen und manchmal auf allen Vieren. Durch den Anblick dieser Gestalten erkennt der Erzähler die Wahrheit hinter der Geschichte des alten Zadok Allen und erliegt einem Ohnmachtsanfall. Er erwacht erst am nächsten Tag und flüchtet weiter nach Rowley und von dort nach Arkham, wo er die Behörden informiert.

Während im Folgenden die Jahre vergehen und er in seinem Familienstammbaum nachforscht, gelangt er zu der verstörenden Vermutung, dass er ehemalige Innsmouth-Bewohner als Vorfahren hat. Da er zunehmend selbst den Innsmouth-Look annimmt, denkt er zunächst daran, sich umzubringen. Seine Einstellung wandelt sich jedoch allmählich in ein Akzeptieren der Tatsachen und er plant, seinen Cousin, welcher mit ihm das gleiche Schicksal teilt und in einer psychiatrischen Anstalt gefangen gehalten wird, zu befreien. Mit ihm will er zu seinen Vorfahren ins Meer gehen und dort in der Unterwasserstadt der Tiefen Wesen, Y’ha-nthlei, für alle Zeiten als unsterbliche Kreatur leben.

Inspiration Fishhead Nach S. T. Joshi griff Lovecraft die Idee der Fisch-Hybriden in zwei Büchern auf. Ein Werk davon ist Fishhead von Irvin S. Cobb. Diese Geschichte las Lovecraft im Jahr 1913 im CavalierJoshi: A Dreamer & A Visionary: H. P. Lovecraft in His Time. Liverpool Univ. Press, Liverpool 2001, S. 305f. und schrieb auch einen begeisterten Leserbrief, in dem er das Werk lobte. Es ist die Geschichte über einen Mörder, der dem missgebildeten fischähnlichen Sohn einer Halbindianerin und eines schwarzen Mannes das Leben nimmt.

The Harbor-Master In The Harbor Master, geschrieben von Robert W. Chambers sieht Joshi ein weiteres Buch, das dem Autor Inspiration zu seiner Erzählung lieferte. Es handelt sich um eine Kurzgeschichte, die später das erste von fünf Kapiteln des Buches In Search of the Unknown (1904) darstellt. In dem Werk geht es um einen Zoologen, der die letzten überlebenden amphibischen Menschen entdeckt, welche in einer ungefähr acht Kilometer tiefen Meeresspalte im Atlantik leben.

John Silence – Physician Extraordinary Die beiden oben genannten Werke behandeln jedoch nur einen einzelnen Fall von Mischbildung. H. P. Lovecraft erschafft hingegen gleich eine ganze Gesellschaft beziehungsweise eine Zivilisation von Hybridwesen, wodurch er das Gefühl einer weltweiten Bedrohung beim Leser bewirkt. Vor allem durch die Unsterblichkeit der Tiefen Wesen ergibt sich die Sichtweise, dass die Menschen von ihnen auf der Erde geduldet werden und nicht umgekehrt. Die Verwandlung einer ganzen Gesellschaft beschrieb vor Lovecraft schon der Schriftsteller Algernon Blackwood in seiner Geschichte John Silence – Physician Extraordinary, die 1908 erschien. In dem Werk kommt ein Reisender in eine kleine französische Stadt und entdeckt, dass sich alle Bewohner in der Nacht in Katzen verwandeln. Durch diese Gemeinsamkeit hatte dieser Roman nach S. T. Joshi einen größeren Einfluss auf Lovecraft als die Werke von Cobb und Chambers.

Neuengland Die reale Stadt Newburyport in Neuengland, die Lovecraft im April 1923 besichtigt hatte, diente ihm als Inspirationsquelle für die Stadt Innsmouth. Sein Freund, der Amateurschriftsteller Edgar J. Davis, welcher damals erst 15 Jahre alt war, begleitete ihn bei der Besichtigung.Joshi: A Dreamer & A Visionary: H. P. Lovecraft in His Time. S. 164. Lovecraft war sofort von Newburyport fasziniert, denn dort fand er genau jene Atmosphäre städtischen Verfalls, die er dem Leser in Schatten über Innsmouth nahebringen wollte. In einem Brief an Samuel Loveman schildert Lovecraft ausführlich ihre Ankunft in Newburyport. Mit dem Bus fuhren sie durch eine der schönsten Landschaften Neuenglands, mit anmutigen und sanften Hügeln. Die Umgebung der Stadt hatte sich im Lauf der Jahrhunderte wenig verändert. Auch die uralten Häuser, die malerischen Schornsteinaufsätze auf alten Bruchbuden genauso wie auf neueren Herrenhäusern mit Kuppeldächern und die altertümlichen georgianischen Straßen deuteten auf wenig Veränderung in den letzten hundert Jahren hin.Joshi: A Dreamer & A Visionary: H. P. Lovecraft in His Time. S. 164f.

Entstehung Entstehungsgeschichte Schatten über Innsmouth entstand in einer von H. P. Lovecraft selbst als Tiefpunkt bezeichneten literarischen Phase. Er startete die Erzählung im Geiste als „laborartiges Experiment“, wie er es selbst formulierte, und hatte dabei heftig zu kämpfen; heute ist es schwer nachzuvollziehen, was er mit dieser Aussage gemeint haben könnte. Es gelang ihm erst nach mehreren Anläufen, sein Werk Ende 1931 fertigzustellen. Die Geschichte wurde von Lovecraft mehrmals umgeschrieben, und er experimentierte mit verschiedenen atmosphärischen Stimmungen und Tempovariationen. Nach drei gescheiterten Versuchen war der Autor immer noch unzufrieden und hielt nicht viel von seinem Werk: