Rajani Palme Dutt (* 19. Juni 1896 in Cambridge; † 20. Dezember 1974 in London) war ein britischer kommunistischer Politiker, Journalist und Autor. Der gleichermaßen publizistisch wie politisch engagierte Dutt war über vier Jahrzehnte lang eine Schlüsselfigur im Führungsapparat der Communist Party of Great Britain. Obwohl er die eigentliche Führung der Partei nur kurz und unter außergewöhnlichen Umständen innehatte und ansonsten über lange Zeiträume eher informell oder im Rahmen eines Leitungskollektivs Einfluss ausübte, gilt er heute als „the most important figure in the Communist Party of Great Britain.“Callaghan, John, Rajani Palme Dutt. A Study in British Stalinism, London 1993, S. 7. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts war er zudem der weltweit – insbesondere in den britischen Kolonien und Dominions – meistrezipierte marxistische Theoretiker englischer Sprache. Allerdings war der menschlich schwierige, als „cold fish“Siehe Callaghan, Dutt, S. 10. beschriebene Dutt innerparteilich durchaus umstritten und außerhalb der Partei – vor allem bei nichtkommunistischen Linken – nicht selten regelrecht verhasst.Der 1948 aus der CPGB ausgetretene Daily Worker-Redakteur Dougas Hyde charakterisierte Dutt als „utterly unhuman“. Siehe Callaghan, Dutt, S. 231. Ein trotzkistischer Autor hielt es noch 1993 für angebracht, Dutt in einer Besprechung von Callaghans gerade erschienener biographischer Studie als „scoundrel“ (Halunke, Schuft) zu bezeichnen. Siehe Callas, Duncan, The Shyster Lawyer, in: Socialist Review, Nr. 167 (September 1993), S. 30. Ein anderer – durchaus kritischer – Zeitgenosse sah in ihm hingegen „a man of intellectual brilliance amounting to genius.“ Siehe Callaghan, Dutt, S. 231. Zu diesem noch immer weitgehend wirksamen Negativbild trug insbesondere die im Kalten Krieg durch die britische Publizistik verbreitete Charakterisierung Dutts – „the prototype of the Communist robots“Siehe Callaghan, Dutt, S. 231. – bei, die nach seinem Tod fast unverändert von der eurokommunistischen Strömung in der CPGB übernommen wurde.

Leben Herkunft Dutts Vater Upendra Krishna Dutt wurde in Kalkutta geboren. Einer seiner Angehörigen war der Kolonialbeamte und Historiker Romesh Chunder Dutt, dessen zwischen 1902 und 1904 erschienene Economic History of India dem entstehenden indischen Nationalismus wichtige Argumente lieferte. Auf Basis eines einjährigen Stipendiums kam Upendra Krishna Dutt 1875 18-jährig nach Großbritannien, wo er Medizin studierte und sich anschließend als Arzt niederließ. Dutts Mutter war die schwedische Schriftstellerin Anna Palme. Sie stammte aus einer bürgerlich-konservativen Familie, die den Kontakt zu ihr abbrach, als sie von der Beziehung mit dem sowohl wegen seiner Herkunft als auch wegen seiner Armut abgelehnten indischen Arzt erfuhr. Über seine Mutter war Rajani Palme Dutt mit dem nachmaligen schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme verwandt. Dutts älterer Bruder war der Botaniker Clemens Palme Dutt, seine Schwester die Mathematikerin und ILO-Angestellte Ellie Dutt.Siehe Callaghan, Dutt, S. 9ff.

Upendra Krishna Dutt hatte eine Praxis in einem vornehmlich von Eisenbahnarbeitern bewohnten Stadtteil von Cambridge aufgebaut. In diesem Umfeld verbrachte auch sein 1896 geborener Sohn seine Kindheit. Gleichzeitig kam er im Elternhaus mit indischen Nationalisten wie Surendranath Banerjee und Lala Lajpat Rai sowie britischen Sozialisten wie Philip Snowden und Tom Mann in Kontakt.Siehe Callaghan, Dutt, S. 12. Dutt selber hielt allerdings nicht diese Einflüsse, sondern eigene Kindheitsbeobachtungen für prägend. Im Entwurf seiner nicht veröffentlichten Autobiographie hielt er fest:

„I was a socialist before I knew what socialism was. My father had a practice in the working-class district in Cambridge. (...) Then at the extreme other end of Cambridge would be the huge grounds of the professors and big people; mansions with slippery floors to walk on and cups you had to balance in your hands and high conversation about literature and art and all kinds of big questions. It was clear to me as a simple fact of life that these were the criminal classes living on the loot and the others were the ones that did the work.“Zitiert nach Callaghan, Dutt, S. 13.

Akademische Ausbildung Mit viel Mühe konnten die Eltern Dutt den Besuch der Perse School in Cambridge finanzieren. Dort zeichnete er sich aus und erhielt 1914 einen Freiplatz am Balliol College der Universität Oxford. Wenige Wochen nach dem Eintreffen in Oxford trat er im Herbst 1914 in die Independent Labour Party ein. Zu diesem Zeitpunkt umfasste die Gruppe kriegsgegnerischer Sozialisten an der Universität lediglich sechs Studenten; ihr stand eine überwältigende Mehrheit oftmals aggressiv nationalistischer Professoren und Kommilitonen gegenüber.Siehe Callaghan, Dutt, S. 14f. Der einzige Kriegsgegner unter den Lehrkräften, der Philosoph Bertrand Russell (für den Dutt Ende 1914 eine öffentliche Debatte mit dem Kriegsbefürworter Alexander Dunlop Lindsay organisierte), wurde entlassen und 1916 für zwei Jahre inhaftiert. In Oxford verband Dutt eine enge Freundschaft mit dem australischen Frühgeschichtler und Archäologen Vere Gordon Childe. Mit ihm und anderen bot er Bildungskurse für Arbeiter im ländlichen Oxfordshire an. Daneben engagierte er sich in der mit der Fabian Society verbundenen Universities Socialist Federation, auf deren Veranstaltungen er mit George Bernard Shaw, Beatrice und Sidney Webb sowie Ben Tillett zusammentraf.Siehe Callaghan, Dutt, S. 16. 1916 wurde Dutt für sechs Monate wegen Verweigerung des Kriegsdienstes inhaftiert, konnte aber anschließend an die Universität zurückkehren. Allerdings wurde er nun von der Universitätsverwaltung genau beobachtet. Sie nahm eine von Dutt Ende Oktober 1917 organisierte Vortragsveranstaltung, die von nationalistischen Studenten massiv gestört wurde, zum Anlass, um ihn als „Unruhestifter“ zum Verlassen des Universitätsgeländes zu zwingen. Ihm wurde ein Jahr später lediglich gestattet, zur Ablegung der Prüfungen für einen Tag zurückzukehren.Siehe Callaghan, Dutt, S. 18f. Obgleich er die Examen mit sehr gutem Erfolg durchlief, standen ihm die Oxford-Absolventen gewöhnlich gebotenen Entwicklungsmöglichkeiten nicht offen. Eine offenbar erwogene Ansiedlung als Lehrer in Indien wurde von der Universität durchkreuzt, die im Abschlusszeugnis ausdrücklich sein oppositionelles Gebaren vermerkte und denjenigen „who are responsible to make the appointment“Zitiert nach Callaghan, Dutt, S. 19. empfahl, eine Verwendung an ungefährlicherer Stelle zu erwägen.

Nachkriegszeit und Aufstieg in der CPGB Im Frühjahr 1919 erhielt Dutt eine Stelle als International Secretary im Labour Research Department, einem der Labour Party verbundenen, zu diesem Zeitpunkt von den Fabians kontrollierten Forschungsinstitut. Hier arbeitete der gerade 24-jährige den Führungsgremien der Labour Party zu, eine Karriere im Apparat dieser Partei schien sicher vorgezeichnet.Siehe Callaghan, Dutt, S. 21. Schnell erwies sich allerdings die völlige Inkompatibilität des in diesen Kreisen verfochtenen reformistischen Gradualismus mit den immer deutlicher leninistisch geprägten Politik- und Organisationsvorstellungen Dutts. Als entscheidend für seine weitere Entwicklung wertete Dutt insbesondere die Diskussionen mit kommunistischen und linkssozialistischen Studenten auf einer Zusammenkunft in Genf im Dezember 1919, an der auch bolschewistische Delegierte teilnahmen.Siehe Callaghan, Dutt, S. 34. In dieser Phase schloss er seinen 1915 begonnenen Übergang zu marxistischen Positionen ab und setzte sich in der Folge für den Anschluss der Independent Labour Party an die Kommunistische Internationale (KI) ein. Dutt gehörte zu einer ILP-Gruppe, die am 31. Juli/1. August 1920 am Gründungskongress der Communist Party of Great Britain teilnahm.Siehe Callaghan, Dutt, S. 24. Er wurde dort Mitglied der CPGB, gehörte aber bis Anfang 1921 auch noch der ILP an.Siehe Klugmann, James, History of the Communist Party of Great Britain. Vol. 1: Formation and early years, 1919-1924, London 1968, S. 26.

Im Juli 1921 rief Dutt gemeinsam mit Robert Page Arnot die Zeitschrift Labour Monthly ins Leben. Das in Abstimmung mit der KI gegründete Blatt, dessen Linie Dutt jahrzehntelang verantwortete, war als überparteiliches Forum der Arbeiterbewegung konzipiert und sollte vor allem dabei helfen, Vertreter des linken Flügels der Labour Party mit der CPGB ins Gespräch zu bringen. Im Jahr darauf wurde er – zusammen mit Harry Pollitt und Albert Inkpin – in eine dreiköpfige Organisation Commission berufen, die die CPGB entlang „bolschewistischer Prinzipien“ reorganisieren sollte.Siehe Klugmann, Formation, S. 76f. sowie Callaghan, Dutt, S. 42f., 47ff. Hierzu zählte auch die Neustrukturierung der Parteipresse, die Dutt im Februar 1923 mit der Gründung von Workers' Weekly anstieß. Unter seiner Redaktion konnte das neue Zentralorgan die Auflage innerhalb weniger Wochen von 19.000 auf 51.000 Exemplare steigern.Siehe Klugmann, Formation, S. 216 sowie Callaghan, Dutt, 52. Diese und andere Erfolge ebneten Dutt den Weg in die engere Parteiführung; seit dem Sommer 1923 gehörte er dem fünfköpfigen Political Bureau der Partei an.Siehe Callaghan, Dutt, S. 50. Kurz zuvor hatte er sich erstmals in Moskau aufgehalten und bei dieser Gelegenheit den Führungszirkel der KPR (B) kennengelernt. Viele aus dieser Runde enttäuschten ihn, einige – etwa Gregorij Sinowjew – hielt er für „arrogant windbags“. Einen günstigen Eindruck hinterließ hingegen Josef Stalin. 1970 erinnerte sich Dutt:

„After all the verbal pyrotechnics (...) Stalin spoke. (...) From that moment I could see that he was head and shoulders above all the others.“Zitiert nach Callaghan, Dutt, S. 67.

Bis 1924 zählte Dutt zu den Befürwortern einer engen Zusammenarbeit mit der Labour Party. In diesem Zusammenhang beurteilte er auch die einige Wochen nach den Parlamentswahlen vom 6. Dezember 1923 gebildete erste Labour-Regierung vorsichtig optimistisch; zwar illusionslos hinsichtlich ihres programmatischen Potentials, nahm er doch an, dass dieser Schritt geeignet sei, das eingespielte System bürgerlicher Politik mit seinem folgenlosen Wechselspiel konservativer und liberaler Regierungschefs aus dem Gleichgewicht zu bringen.Siehe Callaghan, Dutt, S. 53. Als das politische Desaster dieser nach zehn Monaten gestürzten Regierung zum faktischen Zusammenbruch des linken Labour-Flügels und damit einhergehend zum Abschluss der Integration der Labour Party in die etablierten Politikmechanismen geführt hatte, entwickelte sich Dutt zu einem der profiliertesten Anwälte einer konfrontativen Linie gegenüber Labour.Siehe Callaghan, Dutt, S. 58.

1924 heiratete Dutt in Stockholm die estnische Kommunistin und KI-Mitarbeiterin Salme Murrik, die er 1920 bei den Verhandlungen im Vorfeld der CPGB-Gründung kennengelernt hatte. Von Murrik, die in dieser Phase eine Art informelle Aufsicht über die britische Partei ausübte und direkte Verbindungen zum Exekutivkomitee der Komintern – insbesondere zu Otto Kuusinen – unterhielt, wird angenommen, dass sie Dutts auffällig rasches Vordringen in die erste Reihe britischer Kommunisten wesentlich beschleunigte.Siehe Callaghan, Dutt, S. 45f. Im gleichen Jahr übersiedelte Dutt mit seiner Frau nach Brüssel, wo er sich bis 1936 – von kurzen Unterbrechungen abgesehen – aufhielt. Er behielt allerdings seine Führungspositionen in der CPGB und die Herausgeberschaft von Labour Monthly.

Tätigkeit in Brüssel, Paris und Berlin