Das HRT F1 Team (anfänglich: Hispania Racing F1 Team) war ein mit spanischer Lizenz fahrender Motorsport-Rennstall, der von 2010 bis 2012 in der Formel 1 antrat. Er ging aus dem an finanziellen Problemen gescheiterten Team Campos Grand Prix hervor„Aus Campos wird Hispania“ (Motorsport-Total am 3. März 2010) und gehörte neben Virgin und Lotus F1 Racing zu den drei Rennställen, die sich 2010 neu in der Formel 1 etablierten. Das HRT-Team, das eineinhalb Jahre lang eng mit Colin Kolles verbunden war und in dieser Zeit seinen faktischen Sitz in Deutschland hatte, war der finanziell und organisatorisch am schwächsten aufgestellte der drei neuen Rennställe, und es war der erste von ihnen, der scheiterte: Nach drei erfolglosen Jahren stand das Team nicht mehr auf der Teilnahmeliste für die Formel-1-Weltmeisterschaft 2013.Markus Lüttgens: FIA veröffentlicht Teilnahmeliste ohne HRT. Nachricht vom 1. Dezember 2012 auf der Internetseite www.motorsport-total.com
Das Team errang keinen Top-10-Platz und damit auch keine Weltmeisterschaftspunkte; das beste Ergebnis war ein 13. Platz von Vitantonio Liuzzi beim Großen Preis von Kanada 2011.
Geschichte des Rennstalls Die Ursprünge: Adrián Campos Das Projekt wurde 2009 von Adrián Campos initiiert, einem ehemaligen Formel-1-Piloten, der 1987 und 1988 für Minardi gefahren war und seit 1998 einen eigenen, in Spanien ansässigen Rennstall unterhielt. Das zunächst Adrián Campos Motorsport, später Campos Racing und seit 2007 Campos Grand Prix genannte Team trat anfänglich in kleineren Klassen an und war bis 2009 in der GP2-Serie aktiv.
Als die FIA 2009 eine Senkung der Kosten und eine Budget-Obergrenze festsetzte, wurde der Grand Prix-Sport für neue Teams wieder zu einer realisierbaren Option. Daher bewarb sich Adrián Campos mit seinem Rennstall um eine Teilnahme an der Formel-1-Saison 2010. Im Juni 2009 vergab die FIA zwei feste Startplätze an Campos.“Campos’s team lodges F1 entry” (autosport.com am 22. Mai 2009) Campos verfügte nicht über eine eigene Infrastruktur, die die Entwicklung eines eigenen Chassis hätte leisten können. Adrián Campos beauftragte daher den italienischen Konstrukteur Dallara mit der Entwicklung eines Chassis; die Motoren sollten von Cosworth bezogen werden.„Campos mit Budgetsorgen: Erster Testtermin steht“ (Motorsport-Total.com am 24. Juli 2009)
Bereits im Sommer 2009 gab es erste Berichte über finanzielle Probleme des spanischen Unternehmens, die sich im Herbst und im Winter intensivierten. Seit dem Jahreswechsel wurde wiederholt berichtet, Dallara habe die Entwicklung des Rennwagens eingestellt, da Campos die fälligen Raten nicht bezahlt habe.„Probleme bei Campos“ Nachricht bei Motorsport-total vom 14. Januar 2010„Endgültiges Aus für Campos“ Nachricht bei Motorsport-total vom 13. Januar 2010 Adrián Campos versuchte zunächst, durch neue Geschäftspartner zusätzliche Mittel zu bekommen und den Betrieb seines Rennstalls aufrechtzuerhalten; daraus wurde indes nichts.
Rettung durch die Hispania Grupo und Colin Kolles mini|Leitete zwei Jahre lang den Rennstall: Colin Kolles Am 19. Februar 2010, weniger als vier Wochen vor dem ersten Rennen der neuen Saison, übernahm der spanische Unternehmer José Ramon Carabante, der mit seiner „Hispania Grupo“ im Immobilienbereich in Spanien und Lateinamerika tätig ist, das Team und setzte Colin Kolles als Teammanager ein.„Campos gerettet: Kolles neuer Teamchef!“ (Motorsport-Total.com am 19. Februar 2010) Zu dieser Zeit lag der Betrieb bei Campos am Boden. Kolles ließ sich mit den Worten zitieren: „Sie hatten nichts, nur Chaos“.Nachricht bei Motorsport-total vom 22. Februar 2010
Kolles baute innerhalb kürzester Zeit unter Rückgriff auf Ressourcen aus seinen eigenen Rennställen einen Betrieb auf und erklärte eine Teilnahme am ersten Rennen der Saison 2010 zum Ziel. Am 3. März 2010 wurde eine Umbenennung des Teams in Hispania Racing F1 Team bekannt gemacht. Das operative Geschäft übernahm im Februar 2010 Colin Kolles’ DTM-Team im mittelfränkischen Greding.Motorsport Aktuell, Heft 12/2010, S. 4 (Schweizer Ausgabe)Motorsport aktuell, Sonderheft „Saison 2011: Alles über die Formel 1“, S. 24. Hier wurden die Formel-1-Autos aufgebaut und der Rennbetrieb organisiert.
Carabante kündigte an, den Sitz des Teams mittelfristig in die spanische Stadt Murcia zu verlagern. Tatsächlich gab es jedoch keine dahin gehenden Schritte; auch 2011 wurde das Team noch von Greding aus geführt.
Thesan Capital: Gescheiterter Standortwechsel Nachdem die Saison 2011 ähnlich schwierig begonnen hatte wie das Debütjahr, zog sich Carabante im Juli 2011 aus dem Rennstall zurück. Er verkaufte seine Anteile an Thesan Capital,„Thesan Capital übernimmt Mehrheit von HRT“ (Motorsport-Total.com am 4. Juli 2011) ein spanisches Investmentunternehmen, das zu dem japanischen Finanzdienstleister Nomura Holdings gehört.Motorsport Aktuell, Heft 30/2011, S. 14. Nach der Übernahme durch Thesan Capital leitete Kolles den Rennstall zunächst weiter.„Carabantes verlassen das Team“: Nachricht vom 19. Juli 2011 auf der Internetseite www.motorsport-total.com. Am 14. Dezember 2011 gab das Team allerdings bekannt, sich mit sofortiger Wirkung von Colin Kolles zu trennen. Im Januar 2012 verlegte HRT seinen Sitz nach Valencia.„Offiziell: Teamchef Kolles verlässt HRT“. Nachricht vom 14. Dezember 2011 auf der Internetseite www.motorsport-total.com. Neuer Teamchef wurde der ehemalige Formel-1-Pilot Luis Pérez-Sala,„Perez-Sala als neuen HRT-Teamchef präsentiert“: Nachricht vom 15. Dezember 2011 auf der Internetseite www.motorsport-total.com. der 1988 neben Adrián Campos einige Rennen für Minardi bestritten hatte und bereits seit Sommer 2011 Berater für HRT war.Motorsport Aktuell, Heft 32/2011, S. 10. Der wesentliche Teil des bisherigen Personals vollzog den Standortwechsel nicht mit, sodass neue Mitarbeiter rekrutiert werden mussten.„HRT: Wichtige Fachleute verlassen das Team“. Nachricht vom 6. Februar 2012 auf der Internetseite www.motorsport-total.com.
Im November 2012 erklärte Thesan Capital, sich kurzfristig von dem Rennstall trennen zu wollen.. Ein geplanter Verkauf kam allerdings nicht zustande. Bereits vor dem letzten Saisonrennen 2012 wurde der überwiegende Teil der Mitarbeiter entlassen. Nachdem HRT die Einschreibegebühr für die kommende Saison nicht fristgerecht bezahlt hatte, veröffentlichte die FIA am 1. Dezember 2012 eine Meldeliste für 2013, auf der das Team nicht mehr aufgeführt war.Markus Lüttgens: FIA veröffentlicht Teilnahmeliste ohne HRT. Nachricht vom 1. Dezember 2012 auf der Internetseite www.motorsport-total.com
Die einzelnen Jahre
Die Saison 2010 mini|Ehemaliges Logo für 2010 Es gelang dem Team, das zu dieser Zeit im Wesentlichen aus Mitarbeitern von Kolles’ Rennstall bestand,Motorsport Aktuell Heft 13/2010, S. 19 (Schweizer Ausgabe): Von 45 Teammitarbeitern kamen beim GP Bahrain 30 von Kolles, vier waren ehemalige Mitarbeiter des Toyota-Teams, und drei waren von Dallara entliehen. beide Autos zum ersten Rennen des Jahres an den Start zu bringen. Aufgrund zeitlicher SchwierigkeitenMotorsport Aktuell, Heft 12/2010, S. 4 (Schweizer Ausgabe) hatte man vor dem Rennen keinen Shake down mehr absolvieren können. Mangels hinreichender technischer Daten hatte das Team zunächst erhebliche Schwierigkeiten, die Wagen passabel abzustimmen. Im Übrigen war der von Dallara entwickelte HRT F110 problematisch. Geoff Willis, der technische Berater des Teams, ließ sich mit den Worten zitieren, dass der HRT in seiner Gesamtheit nicht dem Stand der Formel 1 entspreche; Dallara habe an vielen Stellen simple, veraltete Lösungen gewählt.vgl. Motorsport Aktuell, Heft 15/2010, S. 21„Bei weitem kein Formel-1-Standard“: Interview mit Geoff Willis auf www.motorsport-total.com Im Mai 2010 beendete HRT die Zusammenarbeit mit Dallara.
mini|Bruno Senna im HRT F110 beim Großen Preis von Bahrain 2010 Beim ersten Rennen des Jahres waren die HRT-Wagen kaum konkurrenzfähig. Bruno Sennas Auto wurde erstmals zum ersten freien Training des Großen Preises von Bahrain am Freitag Vormittag komplettiert, Karun Chandhoks Wagen wurde dagegen erst in den letzten Minuten vor dem Qualifikationstraining fertiggestellt. Beide Fahrer qualifizierten sich mit deutlichem Abstand zur Bestzeit für die letzte Startreihe. Im Rennen fielen beide kurz nach Rennbeginn aus: Chandhok in der zweiten Runde nach einem Fahrfehler, Senna nach 17 Runden wegen eines Motordefekts. Beim folgenden Rennen in Australien gelang Chandhok die erste Zielankunft; er schloss das Rennen mit fünf Runden Rückstand als 14. ab. Im dritten Rennen des Jahres in Sepang kamen erstmals beide HRT-Fahrer ins Ziel.
mini|Sakon Yamamoto beim Großen Preis von Japan 2010 Im Sommer des Jahres kaufte sich der Japaner Sakon Yamamoto für 5 Millionen US$ bei HRT ein.Eichberger: Das schwere Erbe der modernen Geldesel. Paydriver in der Formel 1. In: Motorsport Aktuell, Heft 23/2013, S. 7. Sein erster Einsatz war der Große Preis von Großbritannien, bei dem er Bruno Senna ersetzte.„HRT bestätigt Rausschmiss von Senna“ (Motorsport-Total.com am 9. Juli 2010) Beim darauf folgenden Großen Preis von Deutschland kehrte Senna ins Team zurück; Yamamoto saß von nun an bis zum Großen Preis von Italien im Wagen Karun Chandhoks.„HRT: Chandhok raus, Senna rein!“ (Motorsport-Total.com am 16. Juli 2010) Anlässlich der Großen Preise von Singapur, Brasilien und Abu Dhabi wurde Yamamoto durch Christian Klien ersetzt.Zweite Chance: Klien ersetzt Yamamoto in Brasilien. Nachricht auf www.motorsport-total.com. Abgerufen am 4. November 2010.
Ungeachtet gegenteiliger Spekulationen in der Presse, in denen Zweifel am dauerhaften Bestand des Teams geäußert wurden, gelang es HRT, zu jedem Rennen der Formel-1-Saison 2010 anzutreten. HRT beendete seine erste Formel-1-Saison dank dreier vierzehnter Plätze auf Rang elf der Konstrukteurswertung und schnitt damit besser ab als das britische Team Virgin Racing.
Die weitere Zukunft des Rennstalls über das Saisonende hinaus war ebenfalls Gegenstand zahlreicher Spekulationen gewesen. Nachdem die Bemühungen Jacques Villeneuves zur Etablierung eines eigenen Rennstalls im September 2010 gescheitert waren, wurde HRT in den Medien wiederholt als Kandidat für eine Übernahme durch Villeneuve und den italienischen Rennstall Durango gehandelt.motorsport aktuell, Heft 39/2010, S. 13.„HRT-Übernahme letzte Chance für Villeneuve“: Nachricht auf www.motorsport-total.com vom 15. September 2010. Eine Übernahme oder auch nur eine Zusammenarbeit kam indes nicht zustande.
Die Saison 2011
mini|Ehemaliges Logo Januar 2011 bis August 2011 mini|„This could be you“: (Vergebliche) Einladung an mögliche Sponsoren, auf den Seitenkästen des HRT F111 zu werben (hier beim Großen Preis von Malaysia 2011). Die Lackierung stammt von Daniel Simon.
HRT bestritt 2011 seine zweite Saison als selbständiger Formel-1-Rennstall. Das Jahresbudget wurde mit 50 Millionen US-Dollar angegeben.„This could be you“: Nachricht vom 27. Mai 2011 auf der Internetseite www.motorsport-total.com. Kein Team verfügte in der Saison 2011 über weniger Geld.